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Selbstbewusstsein ist nur ein anderes Wort für Sean Penn.
Selbstbewusstsein ist nur ein anderes Wort für Sean Penn.
Bild: EPA
Review

Sean Penns Roman ist der literarische Carcrash des Jahres

Es sieht aus wie ein Buch, es sind auch Buchstaben drin, aber what the fuck will uns der Autor eigentlich sagen? Wir haben es gelesen. Ganz.
09.04.2018, 20:0110.04.2018, 10:22

Der Ex-Mann von Madonna, Ex-Mann von Robin Wright, Ex-Freund von Charlize Theron, Inhaber von zwei Oscars und dauerbraungebrannte Faltenträger Sean Penn hat einen Roman geschrieben. Wieso nicht? Viele machen das. Macht ja auch Spass. Und ein paar Schauspieler sind richtig gute Romanschreiber. Zum Beispiel Stephen Fry und Ethan Hawke. Und ... okay, Stephen Fry und Ethan Hawke.

Gut, alle, die gedenken, das Buch zu lesen, sollen bitte an dieser Stelle umgehend aus dem Artikel aussteigen. Ich wiederhole: Alle, die gedenken ...

«Bob Honey Who Just Do Stuff» heisst Penns literarisches Debut. Es erzählt von Bob Honey, der einfach Sachen macht. Bob Honey ist 1960 zur Welt gekommen. Sean Penn auch. Bob Honey ist Experte für Entsorgungen aller Art, er kennt sich zum Beispiel im Abwasserbereich gut aus, arbeitet aber auch als Auftragskiller mit Kernkompetenz Feuerwerk.

«Es scheint fast nicht möglich, dass ein Mensch diesen Mist geschrieben hat.»
«Huffington Post»
Bild: AP/Atria

Er lebt in einer kalifornischen Kleinstadt, ist geschieden, und seine Ex-Frau fährt einen Glacé-Wagen, was ihn nervt, weil sie immer in seinem Quartier rumfährt, um ihn mit der Glacé-Wagen-Musik zu nerven. Oft stellt er sich vor, sie zu töten, nicht zuletzt, weil in einem ihrer Nasenlöcher immer diese kleine Popel-Flocke wie ein winziger Kolibri flattert. Ein seltsamer Auftraggeber namens Loodstar beauftragt ihn mit der Liquidation alter Menschen, weil diese zuviel furzen und damit die Ozonschicht beschädigen würden. Bob Honey killt also Alte.

«Für jeden guten, klaren Satz gibt es ein Dutzend sprachlicher Verkehrsstaus, bei denen man fast hören kann, wie die Wörter einander zuhupen.»
«The New York Times»

Eines Tages lernt er die junge Annie kennen. Er überlegt kurz, ob sie nicht vielleicht zu jung sei, aber ihm gefällt wahnsinnig gut, dass sie vollkommen – also überall – unbehaart ist und geile Perücken trägt. Kein Mensch versteht, wieso die höchstens 21-jährige, superscharfe Annie mit dem abgewrackten 50plus-Typen Sex hat, aber Fiktion zu schreiben heisst ja auch einfach mal irgendwas zu behaupten und darauf zu vertrauen, dass es irgendjemand glaubt. 

1986, mit Madonna, die er damals «meine Gattin» nennen durfte.
1986, mit Madonna, die er damals «meine Gattin» nennen durfte.
Bild: AP

Annie düst mit ihren Freundinnen nach L.A. und simst BH das Bild eines schwarzen Dildos, den sie am Strassenrand gesehen hat. BH fährt ebenfalls nach L.A., sucht und findet den Dildo und bringt ihn mit Hilfe von Semtex in der Wüste zum Explodieren. Wieso? Egal. Irgendwann ist er in Bagdad. Wieso? Auch egal.

Hauptsache, mit irgendwelchen Aggressionen wird irgendwas angestellt. Denn BH ist immer aggro. Wieso? Wegen Trump! Seltsam. Eigentlich wird er ein halbes Buch lang als prototypischer Trump-Trampel beschrieben, als abgehängter, von reinen Reflexen regierter Frusthaufen. Doch plötzlich zitiert er Camus und noch ein paar andere, denkt – leider!!! – fast nur noch in Gedichten und hat Hillary gewählt. Er schreibt Trump einen eloquenten Drohbrief und fordert ihn zum Duell. 

«Worte werden nicht nur falsch gebraucht, sie werden auch derart falsch gesetzt, dass Penns Prosa mehr an einen Bot als an einen Menschen erinnert.»
«The Guardian»
2007 mit Robin Wright, Amerikas zukünftiger Netflix-Präsidentin.
2007 mit Robin Wright, Amerikas zukünftiger Netflix-Präsidentin.
Bild: AP A-PIZZELLO

What the fuck haben wir beim Lesen übersehen? Ähm, nichts. Zuerst ist BH ungebildet, dann ist er gebildet. Kann halt passieren. Diesen Plot hätte auch John Grisham nicht retten können.

So richtig blöd findet er neben Trump übrigens nur «MeToo», das sei infantil, «der Kreuzzeug eines Säuglings», der Vergewaltigung und sexuelle Belästigungen auf «verantwortungslose Kinderspiele» reduziere. Huch? Echt? Der Kerl, der eben noch seine Ex unentwegt slutshamte und in Gedanken mehrfach metzelte und der seine Annie in allen Positionen haarlos durchvögeln wollte, sagt den Frauen plötzlich, wie Feminismus geht? Geile Logik. Kann man was lernen von.

«Was hat sich Sean Penn gedacht? Möge er niemals seinen Brotjob aufgeben!»
«The Washington Post»
2009 gewann er seinen zweiten Oscar für «Milk», flankiert wird er von den beiden Oscar-Gewinnerinnen Kate Winslet und Penelope Cruz.
2009 gewann er seinen zweiten Oscar für «Milk», flankiert wird er von den beiden Oscar-Gewinnerinnen Kate Winslet und Penelope Cruz.
Bild: AP

Stilistisch ist das Ganze ein Irrsinn. Sean Penn – der übrigens ruhig mal seine Autobiografie einem geschickten Ghostwriter anvertrauen darf – hat erstens das Adjektiv, zweitens die Alliteration entdeckt. «Lone, lonely loonies lacking love» ist nur eine von einer gefühlten Trilliarde an Formulierungen. Wenn er gefragt wird, wieso er schreibt, wie er schreibt, sagt er: «Bukowski.» Also Charles der Mackerschreiber Bukowski. Und der Ultrawitz? Salman Rushdie bewirbt das Buch auch noch auf dem Umschlag. Was hat er dafür gekriegt?

Die Kritik, die Penn jetzt erntet, findet er zwar uncool, sagt aber all den anämischen Journalisten, die nicht genug Geld für irgendwas verdienen und ihm und all seinen Ex-Frauen höchstens in Viehherden von 150 Stück an irgendwelchen Festivals begegnen: «Ich bin 57 und mein Pool ist geheizt.» Da hat er nun irgendwie auch wieder Recht.

Auch hier wird was mit einem Schriftsteller gemacht

Video: watson/Nico Franzoni, Lya Saxer

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