«Love Is Blind» auf Netflix: Feiert den besten Märchenprinzen, seit es Reality gibt!
Und dann kommt Gunnar. Nicht gerade muskulös, Glatze, irgendwas mit Gesichtsbehaarung. «Ich pass ganz gut inne Schublade: der vegane Berliner Hipster, der links ist.» Hobbys: Velofahren, Halbmarathon und Noppensocken. Sonst: beziehungsgehemmt, wagt sich kaum mehr in Bars. Und: Gunnar will wirklich keine Kinder, weil er bei seinen Freunden sieht, was man mit Kindern alles aufgeben muss, Bars zum Beispiel. Wie schwer vermittelbar ist Gunnar?
Willkommen zur zweiten deutschen Staffel von «Love Is Blind», jener Datingshow für ziemlich erwachsene Menschen, die richtig gut reden können. Nicht so wie bei uns im «Bachelor», wo Fetzen wie «mega» und «Fuego» meist die Kommunikation bestimmen. Mit «Wooow, du hast mega Fuego und bist eine mega sexy Lady!» kommt hier keiner weiter. «Love Is Blind» ist komplexer. Als wäre man in einen rosa Teig aus tausend Beziehungskolumnen gefallen.
Hier geht es darum, Menschen zur Liebe zu überreden. Hier geht es um Engelszungen und die Sprache des Herzens. Denn hier wird nicht mit Augen geschaut, hier wird direkt tief in die Seele hineingefühlt. Hier dürfen sich Paarungswillige erst dann sehen, wenn sie durch eine Wand hindurch so lange miteinander geredet haben, bis die Frau die Frage «Willst du meine Frau werden?» mit «Jaaaaa!» beantwortet. «Love Is Blind» ist ultimativ heteronormativ. Nach sieben Wochen soll geheiratet werden, richtig in Weiss, mit Kleid, Schleier und Tränen. Die Kameras sind fast immer dabei.
Die zweite deutsche Staffel gibt uns alles. Vor allem Gunnar. Und Menschen, deren Jobs verrückt oft mit «HR» oder «IT» beginnen und mit «Manager» oder «Berater» enden. An vielen Frauen hängt viel Logo-Schmuck: das Gucci-G, das Doppel-C von Chanel, das CD von Christian Dior.
Gunnar (33) ist IT-Berater. Josy (29) ist HR-Referentin. Die beiden reflektierten Menschenkinder stürzen beim blinden Reden wie zwei Meteoriten aufeinander zu, obwohl sie keine, wirklich keine Gemeinsamkeiten haben und obwohl Josy Kinder will, aber sie können halt einfach gut miteinander reden und mögen die Stimme des anderen und fühlen sich in Rekordzeit beieinander zuhause. Aaaaaahhh, Gefühle! Was machen sie bloss mit uns!
Ganz anders dagegen Verkaufsleiterin Jessi (32) und Eventmanager Konsti (36): Beide lieben Karneval und Schlager, besonders die Hymne des 1. FC Kölns. An Jessi wurde sie vom Opa, an Konsti vom Vater weitergegeben. Jessi – «Ich bin eine Allzweckwaffe» – hat gerade Après-Ski für sich entdeckt. Konsti lebt meist auf der Sehnsuchtsinsel Mallorca und sein Vater sieht aus wie der zweieiige Zwilling von Jürgen Drews. Da passt restlos alles.
IT-Beraterin Yasmin (30) taktiert. Gymnasiallehrer Dustin (30) oder Investmentbanker Andi (42)? Und was muss sie tun, um all die anderen Frauen, die sich auch noch für Andi interessieren, auszustechen? Sie ist geschickt. Lässt durchblicken, dass sie eine Barbie ist, die nicht nur ihr Leben (sie kommt aus der «Armut») renoviert hat, sondern auch jede Wohnung renovieren kann. Barbie mit Bohrmaschine also. Welcher Investmentbanker kann da Nein sagen?
Gunnar & Josy, Jessi & Konsti, Yasmin & Andi werden am Ende vor dem Altar stehen. 6 von 30 Teilnehmenden. 20 Menschen finden niemanden. Und zwei Paare zerbrechen unterwegs. HR-Managerin Wandi (28) und Store-Manager Jubriel (28) zum Beispiel sind beide enttäuscht, als sie sich sehen, das sagen sie nicht so richtig, aber das sieht man, daran können auch gemeinsame Tage auf Kreta nichts mehr ändern. Und auch nicht, dass sie am liebsten dunkelgrüne Unterwäsche trägt und seine Lieblingsfarbe Grün ist.
Und dann sind da noch die beiden Jüngsten, Jura-Student Jan (27) und HR-Managerin Loan (26), zwei surreal unlockere Stressköpfe, ständig gefangen im Performance-Druck. Sie bezeichnet sich als «Overthinker» und sucht nach einem «Overcommunicator», er lernt gerade Chinesisch, denn Französisch, Englisch und Russisch kann er schon, sie benutzt den Genitiv, er so: «Ich find's richtig gut, wenn eine Frau den Genitiv beherrscht!»
Irgendwann spricht Jan den auswendig gelernten Satz: «Du bist wirklich nichts weniger als die Mensch gewordene Silhouette meiner Träume.» Dann sieht er Loan und erschrickt ob ihres offenherzigen Dekolletés. Und sie hätte lieber nicht so einen drahtigen Sprenzel, sondern einen mit mehr Speck. Aber weil sie ehrgeizig sind und nicht scheitern dürfen, versuchen sie es noch ein paar Wochen miteinander, sie haben auch viel zu lachen, doch die Romantik ist und bleibt im Koma, da hilft kein Komma und kein Genitiv.
Yasmin wird Andi vor dem Altar stehen lassen. Aber erst nach ihrem schön abgelesenen Gelübde. Wie bitte? Ja! Allein! Dabei hat sie solche Freude an ihrem Brautkleid! Nützt aber nichts, irgendwie stellte sie sich vor der Hochzeit zu oft die Frage «Real oder fake?», die wir aus dem «Bachelor» so gut kennen («Diese Bitch ist so FAKE!»), während sich Andi wohlig in der Liebe einrichtete und nix hinterfragte.
Konsti steht vor dem Jawort komplett neben sich, zum Glück nicht so sehr wie die Verwandten von ihm, die zur Hochzeit in geflammten Cowboy-Boots erscheinen. Kunstvoll wird seine Antwort auf Jessis Frage in die Länge gezogen. Sagt Konsti, der verliebteste Mallorca-Deutsche seit Jens Büchner selig, am Ende etwa auch Nein? Nein. Alles gut bei Jessi und Konsti und nach der Trauung spielt auch noch die Kölner Band Höhner sämtliche FC-Köln-Hymnen. Da hat doch mal ein Paar einen glasklaren Soundtrack seiner Liebe gefunden.
Und Josy und Gunnar? Folge um Folge schauen wir dabei zu, wie sie sich tief in die feuchten Augen blicken wie zwei besoffene Rehe. Wie sie reden und kuscheln und reden und kuscheln. Wie sie ihre Hände nicht voneinander lassen können, wie sie pure Freude aneinander haben, wie die körperliche Vertrautheit, die Innigkeit wächst und wächst und wächst, bis man Angst hat, die beiden könnten miteinander verwachsen wie das rasend verliebte Paar im Horrorfilm «Together». Ist das herzig!
Wenn Gunnar über Josy spricht, fallen Sterne aus reiner Poesie auf unsere dürstende Welt. Die beiden sind, und das sagt euch eine, die fürwahr schon viel Liebes-Bullshit konsumiert hat, die schönste Liebesgeschichte, die je ein Reality-Format dokumentieren durfte.
Jedenfalls acht Folgen lang. Dann sagt Josy: «Ein Ja für Gunnar ist ein Nein für Kinder.» OMG!!! Schlüpft dann aber doch ins geschmackvolle Brautkleid, was eine Freundin mit riesiger Yves-Saint-Laurent-Logo-Brosche mit «Wie sone Braut ausm Katalog!» quittiert.
Vor dem Altar müssen beide lachen und heulen, und schliesslich sagt Josy: «Ich liebe es, wie sehr du mich liebst, aber noch viel mehr liebe ich, wie sehr ich dich liebe. Du bist mein Zuhause, mein Ruhepol, mein Abenteuer, mein Mond, mein Seelenverwandter – für immer.» Alles, alles, alles ist gut. So eine schöne Staffel.
Und wenn sie sich nicht schon wieder getrennt haben, dann lieben sie sich noch heute. Wenn nicht, dann halt nicht. Doch für die Dauer eines Traumes, den angeblich das Leben genau so geschrieben hat, waren sie wunderbar. Und der grösste Märchenprinz von allen ist ein glatzköpfiger Berliner Velofahrer mit Hochwasserhose, der einfach nur ein guter Mensch ist.
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