Netflix-Serie «Vladimir»: Horny Professorin will freundlichen Fleischkäse
Es gibt für die Frau zwischen 40 und 60 aktuell in der Populärkultur vor allem eine Form der Existenzberechtigung: Sie MUSS einen sehr viel jüngeren Mann daten! Es könnte ja ein Dasein als schrulliger Kartoffelsack auf einem trümmligen Abstellgleis des Daseins drohen!
M (Rachel Weisz) aus der Serie «Vladimir» ist nun der neuste Zugang im Club, andere fanden sich schon in «Bridget Jones: Mad About the Boy» (René Zellweger), «Babygirl» (Nicole Kidman), «A Family Affair» (Nicole Kidman), «Lonely Planet» (Laura Dern) oder «The Idea of You» (Anne Hathaway). Ihrer aller Urmutter ist selbstverständlich Mrs. Robinson aus «The Graduate».
M ist objektiv gesehen schön, erfolgreich, intellektuell, eine Anglistik-Professorin, ihr Gatte (John Slattery) ist ebenfalls Professor, die Tochter eine angehende Spitzenanwältin. Der Gatte holt sich schon seit sehr vielen Jahren Bestätigung bei Studentinnen. Vor MeToo war das normal. Jetzt wird es ihm zum Verhängnis. M verteidigt ihn und mit ihm das Widersprüchliche, Chaotische, Getriebene im Menschen. Damit kennt sie sich aus. Denn das ist sie selbst.
Im Hörsaal redet sie am liebsten über das Begehren, das sich zwischen den Zeilen oder in scheinbar unschuldigen Beschreibungen versteckt. Und sie will nur eines: endlich mal wieder der Grund für eine «spontane Erektion» sein.
Und da ist er auch schon, ihr Mr. Projektionsfläche, ein junger Kollege (Leo Woodall, der schon Bridget Jones beglückte), der wie M auch schon einen Roman geschrieben hat, er ist eine Art durchtrainierter, freundlicher Fleischkäse, enorm blond und volle Dröhnung amerikanisch. Doch sein Name ist Vladimir Vladinski, irgendwo in seinen Adern fliesst ein Rest russischen Blutes, und dass dieses in ganz besondere erotische Wallungen versetzt werden kann, wissen wir ja aus «Heated Rivalry».
Was genau will M von Vladimir? Seinen Körper? Ein paar revitalisierende Schüsse aus der Pumpgun der sexuellen Fantasie? Oder einfach geile Ideen für ihren neuen Roman? Vermutlich Letzteres. Denn die Energie, mit der sie plötzlich einen gelben Block um den nächsten vollschreibt (Gibt es im Ernst noch Menschen, die Romane auf Blöcke schreiben?), ist wahrhaft orgastisch.
Ansonsten ist ihr Verhalten komplett obsessiv, übergriffig, ja psychopathisch. «Vladimir» beginnt damit, dass M quietschfidel von ihrem Erregungs- und Anerkennungs-Defizit berichtet und er auf einen Stuhl gefesselt danebensitzt.
M ist also die Erzählerin ihrer eigenen Geschichte. Eine andere Sicht kennen wir nicht. Sie ist damit, was die Literaturwissenschaft eine «unreliable narrator», eine unzuverlässige Erzählerin, nennt. Nicht vertrauenswürdig. Dazu gehört auch, dass sie bloss M heisst. M wie Emma, Emily oder wie das M aus dem Hitchcock-Film «Dial M for Murder»? Wir wissen es nicht. Wir wissen auch nicht, was wahr ist, was Einbildung, ob M uns mit Absicht belügt und etwas erfindet. Die Geschichte, die sie uns auftischt, könnte auch reine Fiktion sein. Ihr neuer Roman. Oder Hochstapelei.
Natürlich heisst «Vladimir» nicht so wegen Wladimir Putin. Sondern wegen Vladimir Nabokov. Schliesslich sind wir hier in einer literarisch übermotivierten Serie. Nabokov hat bekanntlich den Skandalroman «Lolita» geschrieben: Ein 37-jähriger Literaturprofessor verknallt sich in eine 12-Jährige, ermordet ihre Mutter, entführt und vergewaltigt das Kind, bis es schliesslich von einem Dramatiker und Pornoregisseur «gerettet», also erneut entführt wird, bevor endlich die Flucht gelingt. Lolita stirbt noch vor ihrem 18. Geburtstag im Kindbett, der Professor endet im Gefängnis.
«Lolita» ist ein grauenhaftes, aber auch grossartiges Buch, das entgegen seiner oft simplen Rezeption keine Verherrlichung von Missbrauch darstellt, im Gegenteil. Das findet auch die Schriftstellerin Julia May Jonas, von der die Romanvorlage zu «Vladimir» stammt. Dass Epstein Zitate aus «Lolita» auf die Körper minderjähriger Frauen schreiben liess und den Roman als Wichsvorlage auf seinem Nachttisch liegen hatte, hält sie für eine perverse Fehlinterpretation des Textes. Nabokov gehe es darum, zu zeigen, wie sehr der Mensch zum Gefangenen seiner Leidenschaften werden könne und darüber jede Empathie verliere.
Julia May Jonas hatte allerdings gar nicht so sehr «Lolita» im Sinn, als sie während der Pandemie «Vladimir» schrieb, sondern einen anderen Roman von Nabokov, «Laughter in the Dark», in dem eine junge Schauspielerin die Verliebtheit eines reichen älteren Mannes schamlos auszunutzen weiss. Aber egal – mit der Netflix-Adaption war klar, dass «Lolita» mit rein muss, wenn Nabokov Titel-Pate ist, und so spielt nun die ganze Geschichte von M und Vladimir in Ramsdale, der Kleinstadt, in der 1947 von einem lüsternen Professor die 12-jährige Dolores Haze alias Lolita entdeckt wurde. Und die lokale Bäckerei heisst nach Lolitas Mutter Charlotte Haze Bakery.
Es sind zwei müde Jokes, die an der Oberfläche treiben wie tote Fische. So wie alles in «Vladimir» oberflächlich bleibt. Rachel Weisz ist gnadenlos unterfordert und flüchtet sich in theatrale Überspanntheit, Woodall ist wie immer ganz Golden Retriever, einzig John Slattery füllt seine Rolle mit einer überzeugenden Komplexität.
Die Konflikte, die MeToo-Recherche, die Konstruktion von M als unreliable narrator sind an sich raffiniert, interessant und sehr, sehr dark. Jedenfalls in der Theorie. Denn was schliesslich damit gemacht wird, ist ein schludrig erzählter Zitaten-Sturm im Wasserglas komödiantischer Übertreibungen. Ein typisches Netflix-Produkt. Ein wiiinziges bisschen provokativ und kein bisschen ambitioniert. Und ein älteres Geschlechterklischee ist kaum vorstellbar: Aus Angst vor einer möglichen sexuellen Windstille reagiert die Frau mit bodenloser Unvernunft. Nein, danke.
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