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Indoor-Cycling: Ein Erfahrungsbericht aus der Velo-Hölle

Indoor Cycling
Friendly Reminder: Nicht jeden Trend sollte man ausprobieren.Bild: Midjourney

«PUSH HARDER!» Ich war im Indoor Cycling und ging durch die Hölle

Alle haben mich vorgewarnt. Vergeblich. Wie so oft heisst es auch in diesem Fall: Wer nicht hören will, muss fühlen. Ein Erfahrungsbericht aus dem Indoor-Cycling-Studio.
25.08.2024, 18:59

Ich bin kein besonders sportlicher Mensch. Trotzdem mache ich Sport. Weil ich ein rationaler Mensch bin. Weil ich weiss: Es tut dem Körper und der Psyche gut. Mit übertriebener Lust und Freude hat es wenig zu tun.

Aber genau das empfindet meine Freundin, wenn sie ins Indoor Cycling geht. Es sei der absolute Wahnsinn. Das beste Sporterlebnis, das sie je hatte. Süchtig mache es. Und und und. Ich bin skeptisch. Trotzdem will ich es ausprobieren. Meine Freundin bucht mir für 34 Franken einen Platz in ihrer nächsten Stunde.

Auf in die Velo-Hölle

Am Empfang muss ich einen mehrseitigen Haftungsausschluss unterschreiben und einen Notfallkontakt angeben. Selbstverständlich ist alles auf Englisch. In der Stadt Zürich ist man ja international. Einfach mal unterschreiben, sich nichts dabei denken.

Die Frau am Empfang versichert mir, das sei reine Formalität. Noch nie habe sie einen Notfallkontakt anrufen müssen. Ich hoffe, sie behält recht.

Und zack ist der Haftungsausschluss unterschrieben.
Und zack ist der Haftungsausschluss unterschrieben.Bild: Midjourney

Sie gibt mir die Velo-Schuhe raus und wünscht mir «viel Glück». Auf den Lippen ein wohl wissendes Lächeln. «Glück? Wofür?», frage ich. Sie lacht. Die Stunde bei John sei schon noch streng, das sei hier bekannt. Jetzt habe ich Angst. Diese Frau weiss, dass ich keine Ahnung habe, worauf ich mich hier einlasse.

Meine Freundin beruhigt mich. So schlimm sei es nicht. Wichtig sei einfach, dass ich kurz davor nichts gegessen hätte. Es könne mir sonst schlecht werden. Natürlich hatte ich etwas gegessen. Für ein Workout braucht man schliesslich Energie.

Auftritt John

Das Velo-Studio besteht aus einem dunklen Raum, vollgestopft mit etwa 30 Bikes. Ich dränge mich in die hinterste Reihe, hier sind unsere reservierten Räder. Trainer John muss Neulingen – also eigentlich nur mir – das Bike erklären. Er hasst es. Das ist offensichtlich.

Er stellt den Sattel auf die Höhe meines Hüftknochens, richtet den Lenker so, dass er eine Armlänge vom Sattel entfernt ist. Dabei erklärt er mir irgendwelche Einstellungen am Bike. Ich versuche, mir alles zu merken, verstehe aber nur Bruchstücke. John hat es eilig.

Im Velo-Studio sieht es frei nach KI etwa so aus.
Im Velo-Studio sieht es frei nach KI etwa so aus.Bild: Midjourney

Dann muss ich aufsteigen. Meine Velo-Schuhe sollten in den Pedalen einklicken. Tun sie aber nicht. John verliert die Geduld: «No pushing!»

Ok! Er geht. Ich merke, so richtig hat es nicht eingeklickt. Egal, fangen wir mal an.

PUSH HARDER!

Das Workout beginnt. Laute Techno-Musik. John beginnt, uns anzuschreien:

«IT'S ABOUT YOU!»

Ich rutsche immer wieder aus den Pedalen. Der Sattel ist extrem hart und unbequem. War ja klar, zum Sitzen ist man ja nicht hier. Mir wird bewusst, dieses Training wird nicht ohne Folgen bleiben. Die nächsten Tage werden schmerzhaft.

«YOU CAN DO IT!»

John versucht, uns zu motivieren. Indem er uns anschreit. Durchgehend:

«PUSH HARDER!
GO!»

Draussen habe ich vorsichtshalber eine Packung Ohropax eingepackt. Ich werde sie wohl noch brauchen.

Ich finde es maximal anstrengend. Das Velofahren und das Geschrei.

«STAND UP!
NOW!»

Wir müssen aufstehen und trampen. Jetzt klickt es! Meine Füsse in den Velo-Schuhen sind nun fix ans Pedal geschnallt. John hat mir nicht gezeigt, wie der Mechanismus funktioniert, um sie zu lösen. Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Die Falle hat zugeschnappt.

John schreit:

«IT'S GONNA HURT!»

Nach 15 Minuten verstehe ich, was die lachende Frau am Empfang bereits vorausgeahnt hatte. Dieses Workout wird weh tun. Ich muss Tempo rausnehmen, um nicht vom Velo zu fallen.

Indoor Cycling
John – hier von KI illustriert – schreit gerne herum.Bild: Midjourney
«HALF A TURN TO THE RIIIIIGHT!»

John will, dass wir einen Gang raufschalten. Ich versuche, das Bike dementsprechend einzustellen. Jetzt wird es streng. Unerträglich streng. Meine Kräfte lassen nach.

Vergiss es, John! Ich drehe und wurstle so lange an meinem Bike herum, bis das Trampen wieder erträglich ist. John schreit:

«YOU ARE
STROOONG!»

Nein, ganz offensichtlich nicht. Andere leiden aber auch. Erste Geruchsschwaden meines vorderen Trainingspartners erreichen mich wellenartig. Sein Schweissgeruch beginnt, mich zusätzlich zu quälen.

«WE ARE IN THIS TOGETHER!»

Willkommen in der Velo-Hölle.

MC John und seine Rangliste

An der Wand vorne hängen zwei Bildschirme, die immer wieder aufblitzen. Darauf präsentiert uns John die Rangliste. Ich bin schlecht und auf den letzten Rängen. In der Velo-Hölle arbeitet man also auch noch mit öffentlicher Demütigung. John befiehlt:

«FOCUS
ON YOUR GOALS!»

Niemand will auf dem letzten Platz sein, denn Anonymität gibt es keine. Dann wieder Dunkelheit. Technobeats und der schreiende John. Ein verkannter MC. Ein schlechter noch dazu:

«LEGS GET HEAVIER,
BRAIN RAISES!»

Vieles, was er sagt, macht keinen Sinn. Jetzt schreit er:

«THERE ARE VOICES
IN YOUR HEAD.
DON’T KILL THE VOICES!»

Ja, John, ich höre deine Voice in meinem Head. Ich halte es nicht mehr aus. Ich stopfe mir die Ohrstöpsel in die Ohren. Viel besser. Jetzt einfach irgendwie durchkommen. Trampen und nicht nachdenken.

Scheiss auf die Rangliste. Ok, Letzte will ich nicht werden. Drittletzte ist das Ziel. Na gut, Zweitletzte geht auch noch.

Dumpf höre ich John schreien:

«YOU WANNA LOSE WEIGHT!

YOU WANNA GAIN MUSCLES!»

I wanna survive. Wieder aufstehen und trampen. Mir wird schlecht. Jetzt einfach nicht vom Velo fallen.

Während ich ums Überleben kämpfe, ist meine Freundin im Tunnel. So habe ich sie noch nie gesehen. John ruft:

«SAY YOU WANNA MAKE IT!»

Meine Freundin schreit: «JAAAAA!» Ich muss lachen. Es ist alles so absurd.

Indoor Cycling
KI generiert das sportbesessene Ebenbild meiner Freundin. Sie ist im Tunnel.Bild: Midjourney

Und schon wieder, John befiehlt:

«STAND UP!
NOOW!»

Ich kann nicht mehr aufstehen. Meine Beine machen nicht mehr mit. Ich schaue immer wieder zur Uhr und auf die Rangliste. Zweitletzter Platz.

Dann die Erlösung. 55 Minuten. Wir sind durch. Jetzt so schnell wie möglich raus aus diesen Pedalen. Aber wie? Reissen, murksen. Irgendwann ruft mir meine Freundin den entscheidenden Trick zu. Ich bin frei. Das Laufen fällt mir allerdings schwer. Egal, raus hier.

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Als das Velo «Liebling des Publikums» war
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Als das Velo «Liebling des Publikums» war
Hochradparade auf der Bundesgasse in Bern um 1880. In Bern gab es zu dieser Zeit mehrere Radfahrschulen und Radfahrvereine. (bild: schweizerisches nationalmuseum)
quelle: schweizerisches nationalmuseum
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Video: watson
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94 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Brummbär
25.08.2024 17:06registriert August 2020
Wieso macht man so was? Es war ziemlich schönes Wetter die letzten Wochen. Velofahren findet draussen statt.
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Barracuda
25.08.2024 16:56registriert April 2016
Echt jetzt? Du warst vor Ort und jetzt sehe ich hier die traurigsten KI-Fotos?
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Hiker
25.08.2024 17:07registriert Januar 2017
Ich kann Dir nur beipflichten. Ich habe mich auch einmal in meinem Leben zu so etwas hinreissen lassen. Und ich war damals durchaus topfit. Aber dieses verdammte Geschrei und der abgedunkelte Raum ergibt eine Szenerie aus der Hölle. Dazu passend hämmernde Bässe in Fluglärm Lautstärke. Man überpowert total ohne es richtig mitzukriegen. Ich hatte mein ansonsten vom Marathontrainig bestens geschultes Körpergefühl komplett weggeflasht. Nach dem Trainig sah ich, dass ich zeitweise einen Puls von über 200 gehabt hatte! Mir war danach schlecht wie blöd. Never ever.
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