Ich bin kein besonders sportlicher Mensch. Trotzdem mache ich Sport. Weil ich ein rationaler Mensch bin. Weil ich weiss: Es tut dem Körper und der Psyche gut. Mit übertriebener Lust und Freude hat es wenig zu tun.
Aber genau das empfindet meine Freundin, wenn sie ins Indoor Cycling geht. Es sei der absolute Wahnsinn. Das beste Sporterlebnis, das sie je hatte. Süchtig mache es. Und und und. Ich bin skeptisch. Trotzdem will ich es ausprobieren. Meine Freundin bucht mir für 34 Franken einen Platz in ihrer nächsten Stunde.
Am Empfang muss ich einen mehrseitigen Haftungsausschluss unterschreiben und einen Notfallkontakt angeben. Selbstverständlich ist alles auf Englisch. In der Stadt Zürich ist man ja international. Einfach mal unterschreiben, sich nichts dabei denken.
Die Frau am Empfang versichert mir, das sei reine Formalität. Noch nie habe sie einen Notfallkontakt anrufen müssen. Ich hoffe, sie behält recht.
Sie gibt mir die Velo-Schuhe raus und wünscht mir «viel Glück». Auf den Lippen ein wohl wissendes Lächeln. «Glück? Wofür?», frage ich. Sie lacht. Die Stunde bei John sei schon noch streng, das sei hier bekannt. Jetzt habe ich Angst. Diese Frau weiss, dass ich keine Ahnung habe, worauf ich mich hier einlasse.
Meine Freundin beruhigt mich. So schlimm sei es nicht. Wichtig sei einfach, dass ich kurz davor nichts gegessen hätte. Es könne mir sonst schlecht werden. Natürlich hatte ich etwas gegessen. Für ein Workout braucht man schliesslich Energie.
Das Velo-Studio besteht aus einem dunklen Raum, vollgestopft mit etwa 30 Bikes. Ich dränge mich in die hinterste Reihe, hier sind unsere reservierten Räder. Trainer John muss Neulingen – also eigentlich nur mir – das Bike erklären. Er hasst es. Das ist offensichtlich.
Er stellt den Sattel auf die Höhe meines Hüftknochens, richtet den Lenker so, dass er eine Armlänge vom Sattel entfernt ist. Dabei erklärt er mir irgendwelche Einstellungen am Bike. Ich versuche, mir alles zu merken, verstehe aber nur Bruchstücke. John hat es eilig.
Dann muss ich aufsteigen. Meine Velo-Schuhe sollten in den Pedalen einklicken. Tun sie aber nicht. John verliert die Geduld: «No pushing!»
Ok! Er geht. Ich merke, so richtig hat es nicht eingeklickt. Egal, fangen wir mal an.
Das Workout beginnt. Laute Techno-Musik. John beginnt, uns anzuschreien:
Ich rutsche immer wieder aus den Pedalen. Der Sattel ist extrem hart und unbequem. War ja klar, zum Sitzen ist man ja nicht hier. Mir wird bewusst, dieses Training wird nicht ohne Folgen bleiben. Die nächsten Tage werden schmerzhaft.
John versucht, uns zu motivieren. Indem er uns anschreit. Durchgehend:
Draussen habe ich vorsichtshalber eine Packung Ohropax eingepackt. Ich werde sie wohl noch brauchen.
Ich finde es maximal anstrengend. Das Velofahren und das Geschrei.
Wir müssen aufstehen und trampen. Jetzt klickt es! Meine Füsse in den Velo-Schuhen sind nun fix ans Pedal geschnallt. John hat mir nicht gezeigt, wie der Mechanismus funktioniert, um sie zu lösen. Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Die Falle hat zugeschnappt.
John schreit:
Nach 15 Minuten verstehe ich, was die lachende Frau am Empfang bereits vorausgeahnt hatte. Dieses Workout wird weh tun. Ich muss Tempo rausnehmen, um nicht vom Velo zu fallen.
John will, dass wir einen Gang raufschalten. Ich versuche, das Bike dementsprechend einzustellen. Jetzt wird es streng. Unerträglich streng. Meine Kräfte lassen nach.
Vergiss es, John! Ich drehe und wurstle so lange an meinem Bike herum, bis das Trampen wieder erträglich ist. John schreit:
Nein, ganz offensichtlich nicht. Andere leiden aber auch. Erste Geruchsschwaden meines vorderen Trainingspartners erreichen mich wellenartig. Sein Schweissgeruch beginnt, mich zusätzlich zu quälen.
Willkommen in der Velo-Hölle.
An der Wand vorne hängen zwei Bildschirme, die immer wieder aufblitzen. Darauf präsentiert uns John die Rangliste. Ich bin schlecht und auf den letzten Rängen. In der Velo-Hölle arbeitet man also auch noch mit öffentlicher Demütigung. John befiehlt:
Niemand will auf dem letzten Platz sein, denn Anonymität gibt es keine. Dann wieder Dunkelheit. Technobeats und der schreiende John. Ein verkannter MC. Ein schlechter noch dazu:
Vieles, was er sagt, macht keinen Sinn. Jetzt schreit er:
Ja, John, ich höre deine Voice in meinem Head. Ich halte es nicht mehr aus. Ich stopfe mir die Ohrstöpsel in die Ohren. Viel besser. Jetzt einfach irgendwie durchkommen. Trampen und nicht nachdenken.
Scheiss auf die Rangliste. Ok, Letzte will ich nicht werden. Drittletzte ist das Ziel. Na gut, Zweitletzte geht auch noch.
Dumpf höre ich John schreien:
I wanna survive. Wieder aufstehen und trampen. Mir wird schlecht. Jetzt einfach nicht vom Velo fallen.
Während ich ums Überleben kämpfe, ist meine Freundin im Tunnel. So habe ich sie noch nie gesehen. John ruft:
Meine Freundin schreit: «JAAAAA!» Ich muss lachen. Es ist alles so absurd.
Und schon wieder, John befiehlt:
Ich kann nicht mehr aufstehen. Meine Beine machen nicht mehr mit. Ich schaue immer wieder zur Uhr und auf die Rangliste. Zweitletzter Platz.
Dann die Erlösung. 55 Minuten. Wir sind durch. Jetzt so schnell wie möglich raus aus diesen Pedalen. Aber wie? Reissen, murksen. Irgendwann ruft mir meine Freundin den entscheidenden Trick zu. Ich bin frei. Das Laufen fällt mir allerdings schwer. Egal, raus hier.