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Coronavirus: Symptome von Depressionen haben sich verdreifacht

Alleinsein macht depressiv. (Symbolbild)
Alleinsein macht depressiv. (Symbolbild)Bild: shutterstock

Depressiv wegen Coronakrise: «Es rufen Leute an, die sich nicht mehr aus dem Haus trauen»

Schwere depressive Symptome haben sich fast verdreifacht. Experten warnen vor den Folgen.
20.05.2020, 07:0120.05.2020, 07:02
anna miller / ch media
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Das Covid-19-Virus ist ein unsichtbarer Feind, der sich nicht nur auf Oberflächen und Lungenflügeln festsetzt, sondern auch in unseren Köpfen. Und unser Leben in den letzten Wochen auf den Kopf gestellt hat. Mit teils dramatischen Folgen.

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Die Universität Basel wollte wissen, was das Coronavirus mit der Psyche macht. Und führt mit der «Swiss Corona Stress Study» derzeit eine gross angelegte, schweizweite Studie durch. Über 10000 Personen in der Schweiz haben an der Umfrage bisher teilgenommen, erste Ergebnisse liegen nun vor. Und sie sind erschreckend: In der erhobenen Phase des Lockdown hat sich die Häufigkeit von schweren depressiven Symptomen fast verdreifacht.

Auffällig: 20 Prozent der Befragten mit schweren depressiven Symptomen im Lockdown hatten vor der Coronakrise keine oder minimale depressive Symptome. Bei 80 Prozent hat sich eine bereits bestehende depressive Symptomatik verschlimmert.

Jeder Fünfte hatte vor Krise keine Symptome

Konkret heisst das: Jeder Fünfte hat neu, bedingt durch die Krise, überhaupt Symptome entwickelt. «Bei einigen haben die Symptome sehr rasch zugenommen, innerhalb von rund zwei, drei Wochen nach Beginn des Lockdown», sagt Dominique de Quervain, Neurowissenschafter und Initiator der Studie. «Die Symptome können nun genau so schnell wieder verschwinden, wie sie aufgetreten sind – oder aber chronisch werden.»

«Rund die Hälfte aller Anrufe sind von Menschen ohne einschlägige psychiatrische Vorgeschichte.»
Roger Staub, Geschäftsführer Pro Mente Sana

Zukunftsprognosen seien schwer möglich, da niemand wisse, was die Corona-Zeit mit den Leuten mache. Doch klar ist: «Gerade diese Übergangsphase, in die wir nun kommen, kann für gewisse Menschen erst recht gefährlich werden.» Denn alte Stressfaktoren, wie beispielsweise Druck bei der Arbeit, würden wieder ins Leben treten, Erholung und soziale Kontakte sind jedoch weiterhin eingeschränkt. «Deshalb ist es wichtig, für das Thema sensibilisiert zu sein. Und sich, wenn sich die Symptome nicht bessern, professionelle Hilfe zu holen», sagt de Quervain.

Auch die Stiftung Pro Mente Sana hat einen markanten Anstieg an Beratungsgesprächen zu verzeichnen. Man habe das Beratungsangebot aufs Wochenende ausgedehnt, ist nun auch am Samstag und Sonntag im Gespräch. Die Klientel, sagt Geschäftsleiter Roger Staub, unterscheide sich auffällig gegenüber Zeiten vor der Krise. «Rund die Hälfte aller Anrufe sind von Menschen ohne einschlägige psychiatrische Vorgeschichte», sagt er.

Staub sieht in der aktuellen Situation einen Nährboden für die Ausbildung von chronischen psychischen Erkrankungen. «Es rufen Leute an, die sich nicht mehr aus dem Haus trauen, deren soziale Ängste zunehmen. Die alles desinfizieren müssen, die einen Waschzwang entwickeln», sagt Staub. Knapp ein Fünftel der Schweizer Bevölkerung leidet bereits an einer oder mehreren psychischen Erkrankungen.

Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) verursachen die Folgen von Depressionen und Angststörungen weltweit Kosten von rund 1000 Milliarden Dollar pro Jahr. Vor allem für Leute, die schon vor der Krise psychisch labil waren, ist die Situation doppelt belastend.

«Das kollektive Trauma ist ein Stück weit bereits Realität, auch wenn im Moment alle das Gefühl haben, es sei alles wieder gut.»
Roger Staub, Geschäftsführer Pro Mente Sana

Auch, weil sie während des Lockdown Behandlungsunterbrechungen in Kauf nehmen mussten. Die soziale Isolation und Gefühle von Einsamkeit können die negative Spirale oft noch verstärken, bis die Betroffenen keinen Ausweg mehr sehen. Was die Studie der Universität Basel auch zu Tage bringt: «Die Häufigkeit von Personen mit täglichen Suizidgedanken hat sich von 0,8 Prozent vor der Coronakrise auf 1,5 Prozent im Lockdown erhöht – also fast verdoppelt», sagt Neurowissenschaftler Dominique de Quervain.

Lass dir helfen!
Du glaubst, du kannst eine persönliche Krise nicht selbst bewältigen? Das musst du auch nicht. Lass dir helfen.
In der Schweiz gibt es zahlreiche Stellen, die rund um die Uhr für Menschen in suizidalen und depressiven Krisen da sind – vertraulich und kostenlos.

Die Dargebotene Hand: Tel 143, www.143.ch
Beratung + Hilfe 147 für Jugendliche: Tel 147, www.147.ch
Reden kann retten: www.reden-kann-retten.ch

Die Kommunikation des Bundes, sagt Roger Staub von Pro Mente Sana, sei gerade für psychisch labile Menschen nicht immer glücklich gewesen. «Bleiben Sie Zuhause» führe bei einigen nun eben auch dazu, dass sie übermässige Angst vor anderen Menschen entwickeln. «Soziale Phobien werden zunehmen», ist Staub überzeugt.

Und: «Die Gesellschaft unterschätzt noch völlig, was diese Coronakrise noch auslösen wird. Wir müssen mit Langzeitfolgen rechnen. Betroffene, Therapeuten, die ganze Gesellschaft. Das kollektive Trauma ist ein Stück weit bereits Realität, auch wenn im Moment alle das Gefühl haben, es sei alles wieder gut.» Die Resultate der Studie beziehen sich auf den Erhebungszeitraum vom 6. bis 8. April 2020. Die Studie sei statistisch hoch signifikant, schreibt die Universität.

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24 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Pflichtfeld ☝
20.05.2020 09:22registriert April 2018
Es ist grundsätzlich bedenklich, dass ein Fünftel der schweizer Bevölkerung an mindestens einer psychischen Erkrankung leidet. Dies ist kein Corona-Problem, sondern ein gesellschaftliches. Materiell geht es uns gut. Aber damit ist es nicht getan. Denn Zufriedenheit entsteht im Kopf.
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Coffeetime ☕
20.05.2020 07:31registriert Dezember 2018
Ich wünsche allen Betroffenen gute Besserung... und eine Selbstverordnete Medienkonsumhygiene. Leider zählt Watson auch dazu: seit Monaten die ersten Artikel immer nur betr. Virus. Ich rate diese einfach zu überspringen, oder sogar besser gar keine Medien nehr zu konsumieren. Die Artikel werden nach wie vor an erster Stelle gezeigt, weil sie immer noch die meisten Klicks und somit die meisten Werbeeinnahmen generieren. Es gibt eine Welt ausserhalb dieser Infoblase die gar nicht so schlecht ist.
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Domimar
20.05.2020 09:57registriert August 2016
Solche Artikel empfinde ich beklemmend. Ich kann sie nicht richtig einordnen oder fassen. Als sehr introvertierte Person schätze ich die Einsamkeit und gewinne Kraft daraus. Für mich ist oder war diese Zeit nichts aussergewöhnliches oder belastendes, sondern eine ganz normale Zeit. Daher fällt es mir auch schwer, dies nachzuvollziehen.
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