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Semesterprüfung allein zu Hause: Wie die Unis das Spicken verhindern wollen

Die Krise zwingt Hochschulen zu Fernprüfungen. Dabei gerechte Voraussetzungen zu garantieren, ist kompliziert. Aber es gibt viele Tricks.

Niklaus Salzmann / ch media



Die Zeit der Semesterprüfungen hat begonnen. Doch diesmal ist alles anders. Die Studierenden sitzen nicht in Hörsälen unter den wachsamen Augen und Ohren einer Aufsichtsperson, sondern schreiben ihre Prüfung allein zu Hause.

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Allein – wirklich? Sicherzustellen, dass niemand fremde Hilfe beansprucht, ist unter diesen Umständen schwierig. Erfahrung damit hat die Fernfachhochschule Schweiz, die bereits vor der Coronakrise in kleinerem Rahmen Fernprüfungen durchgeführt hat.

Smartphone im Homeoffice

Wird das Smartphone an der Prüfung zugelassen? Bei Onlineprüfungen ist es schwierig zu kontrollieren. Bild: shutterstock.com

Wer die Prüfung ablegt, muss sich mit der Legitimationskarte der Schule vor der Webcam ausweisen. Dann wird die Kamera durchs Zimmer geschwenkt – nirgends darf ein zweiter Bildschirm stehen oder ein Smartphone liegen. Danach ist die Webcam während der gesamten Prüfung aufs Gesicht gerichtet. Eine Software zeichnet das Ganze auf.

Willi Bernhard vom Departement Informatik sagt: «Derzeit schauen wir noch alle Videos manuell durch. Wir sind aber daran, Software zu entwickeln, die uns mittels künstlicher Intelligenz dabei unterstützt.» Sie soll in Zukunft automatisch erkennen, wenn eine zweite Person im Raum auftaucht, eine Studentin telefoniert oder ein Student verdächtig oft zur Seite guckt.

Solange die Aufnahmen aber erst im Nachhinein begutachtet werden, kann der Student nicht während der Prüfung gefragt werden, weshalb er seinen Kopf ständig abwendet. Zudem müssen fürs Aufnehmen Fragen des Datenschutzes geklärt werden.

Prüfungsaufsicht via Videokonferenz

Eine andere Form der Aufsicht kommt bei den aktuellen Semesterendprüfungen an der ETH Zürich zum Einsatz. Dort können die Studierenden live mit einer Videokonferenz-Software beaufsichtigt werden: Eine Aufsichtsperson der Hochschule überwacht am Bildschirm jeweils eine Gruppe Studierender.

Nicht sichtbar ist dabei, was die Studierenden alles auf ihrem Bildschirm haben. Wie kann also verhindert werden, dass sie per E-Mail ihre Resultate vergleichen oder via Chat eine Kollegin aus einem höheren Semester um Hilfe fragen? Dazu gibt es technische Lösungen.

In diversen Hochschulen wird beispielsweise ein spezieller Prüfungsbrowser verwendet, der den Computer weitgehend blockiert und nur diejenigen Aktivitäten zulässt, die für das Ablegen der Prüfung nötig sind. Er verhindert unter anderem, dass Chatprogramme gestartet oder im Internetbrowser neue Fenster geöffnet werden.

Uni Zürich erlaubt Bücher und Internet

Für einen pragmatischen Ansatz hat sich die Universität Zürich – mit rund 27000 Studierenden die grösste Uni der Schweiz – entschieden: Bei schriftlichen Prüfungen, die von zu Hause aus geschrieben werden, dürfen grundsätzlich Hilfsmittel verwendet werden. Die Studentin dürfte also während der Prüfung das Internet durchforsten, der Student stapelweise Bücher und Spickzettel konsultieren.

«Schummeleien sollen über mehrere unterschiedliche Prüfungsabläufe und über die verfügbare Zeit pro Antwort vermieden werden»

Universität Zürich

Ob ihnen dies einen Vorteil bringt, ist eine andere Frage – für ausufernde Recherchen wird ihnen die Zeit fehlen. Auf jeden Fall ist diese Variante garantiert fair. Wo nichts verboten ist, kann auch nicht gemogelt werden.

Ganz alles ist aber auch den Studierenden der Uni Zürich nicht erlaubt: Sie müssen ihre Prüfungen selbstverständlich selber schreiben und dürfen sich dabei mit niemandem austauschen. Dazu müssen sie auch einen Ehrenkodex bestätigten. Direkt überprüft wird es bei den meisten Onlineprüfungen nicht.

«Schummeleien sollen über mehrere unterschiedliche Prüfungsabläufe und über die verfügbare Zeit pro Antwort vermieden werden», lässt die Universität Zürich gegenüber CH Media verlauten.

Zum Beispiel können Fragen bei den Prüfungsteilnehmenden in unterschiedlicher Reihenfolge gestellt werden oder bei Multiple Choice die Antwortmöglichkeiten variieren. In gewissen Fachgebieten können auch Antworten verlangt werden, die von den Studierenden in eigenen Worten formuliert sind und zeigen, dass der Stoff verstanden wurde.

Zufällig ausgewählte Antwortmöglichkeiten

Für jede und jeden eine individuelle Prüfung erstellen – das tönt nach enormem Aufwand. Doch gefragt ist dies nicht nur in der aktuellen Situation, auch bei einer klassischen Prüfung erschwert es das Abschreiben. Software wie die bekannte Lernplattform Moodle bietet dabei Unterstützung.

Thomas Piendl von der Abteilung Lehrentwicklung und -technologie der ETH Zürich sagt: «Bei uns gibt es sowohl Dozierende, die schon länger mit randomisierten Fragen in Onlineprüfungen in Moodle arbeiten, als auch solche, die diese Fragetypen aktuell erstmals anwenden.»

Dabei werden die exakten Fragestellungen oder die Antwortmöglichkeiten von einer Software nach Zufallsprinzip ausgewählt. So wird der Studentin Anna dieselbe Aufgabe mit anderen Zahlen gestellt als dem Studenten Anton.

Misserfolge zählen diesmal nicht

Das Verhindern von Schummeleien ist aber nicht die einzige Herausforderung, mit der die Hochschulen nun konfrontiert sind. Wie wird zum Beispiel damit umgegangen, wenn bei jemandem die Internetverbindung während der Prüfung abbricht?

Um von vornherein sicherzustellen, dass den Studierenden durch die ausserordentliche Situation kein Nachteil entsteht, haben viele Hochschulen einen aussergewöhnlichen Entscheid getroffen: Missratene Prüfungen werden annulliert, also nicht als gescheiterter Versuch gewertet. Das gilt zum Beispiel an der ETH Zürich.

Eine einheitliche Regelung dazu gibt es aber nicht. So wertet die Universität Luzern Fehlversuche auch dieses Jahr grundsätzlich wie gewohnt – im Einvernehmen mit der Studierendenorganisation. In Härtefällen sollen individuelle Lösungen gefunden werden.

Dozierenden, welche die Schwierigkeiten umgehen wollen, bleiben zwei Möglichkeiten. Entweder wandeln sie die schriftliche in eine mündliche Prüfung um, die sich weit einfacher per Videokonferenz abhalten lässt. Oder sie verschieben die Prüfung. Voraussichtlich dürfen die Hochschulen am 8. Juni wieder ihre Türen öffnen. Vollkommene Sicherheit gibt es auch dann nicht – geschummelt werden kann auch im Hörsaal. (aargauerzeitung.ch)

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28 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
Patho
22.05.2020 10:06registriert March 2017
Open Book-Prüfungen sind sowieso die fairsten und nächten an der Realität in der Arbeitswelt. Es geht ja genau darum, dass man einerseits effizient Informationen finden muss, die man benötigt und weiss wie man die Infos anwendet.
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Michele80
22.05.2020 09:20registriert April 2019
Man muss auch unterscheiden, dass es (corona-unanhängig) ganz unterschiedliche Prüfungsformate gibt. Ich studier an der UZH im Master und in dem Fach gab und gibt es sowieso keine Multiple Choice oder Kurzantwort-Prüfungen. Wir haben kurzessay-artige Formate, in denen es um Verständnis, Argumentieren und Erläutern geht. Da machts dann auch wenig Sinn in den Unterlagen oder bei Google nach der Antwort zu suchen, Verständnis erlangt man nicht in 2min Nachlesen (ob man überhaupt die Zeit dafür hat, sei mal dahingestellt)
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Bratkartoffel
22.05.2020 08:47registriert December 2014
Bei uns an der UZH hat das "Überwachungstool" (also einfach Zoom) beim Testlauf gar nicht funktioniert.
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