Schweiz
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Coup

«Beide Eltern sind Mörder, die Tochter ist tot: Wie schafft man es, eine solche Geschichte aufzuschreiben, Joel Bedetti?»

Monatelange Recherchen, 15 Besuche im Knast und schlaflose Nächte: Autor Joel Bedetti erzählt die zerstörerische Familiengeschichte von Dimi und Diana, die beide einen Mord begangen haben. Und er erklärt, was es braucht, um an einer solchen Geschichte dranzubleiben, ohne dabei selbst durchzudrehen.



Unterstütze Coup auf Wemakeit

Joel, du hast die Reportage «17 Hammerschläge, 26 Messerstiche, zwei Tote: Wie sich der Horror in eine Familie einschlich» geschrieben. Wie gross war der Aufwand?
Joel Bedetti:
Das ist schwierig ... Rein zeitlich gerechnet habe ich mehr als ein Jahr lang recherchiert. In reiner Arbeitszeit gerechnet betrug der Aufwand sicher sechs bis acht Wochen. Ich war insgesamt 15 mal in der Strafanstalt Pöschwies und habe Dimi besucht. Und ich habe zwei Tage in Göppingen, der Heimatstadt von Dimi und Diana, verbracht.

Da sind aber die emotionalen «Aufwendungen» noch nicht mit drin. Der Vater tötete seinen Hanfdealer, die Mutter – weil sie es nicht aushält, die «Mördergattin» zu sein – die gemeinsame Tochter Sara. Wie nahe ging dir das Schicksal dieser jungen Familie?
Bei den Gefängnisbesuchen konnte ich die Emotionen jeweils recht gut hinter mir lassen. Wenn die Schleuse hinter mir zuging und ich die Pöschwies verliess, liess ich auch das Schicksal von Dimi und seiner Familie hinter mir.

Wie gut kennst du Dimi?
Ich kenne ihn inzwischen sehr gut. Ich würde sagen, wir haben ein freundschaftliches Verhältnis. Ich habe auch viel mit Markus, seinem besten Freund, geredet. Dimi ist ein netter, guter Mensch, der einige falsche Entscheide getroffen hat. In einem anderen Leben hätte ich mit ihm im selben Fussballclub spielen können oder so – und ich hätte ihn sicher sympathisch gefunden.

Was ist Coup?

Coup ist das neue Online-Magazin für Junge und Neugierige. Wir wollen einmal im Monat eine grosse Geschichte aus der Schweiz publizieren – ausschliesslich online. Drei Geschichten haben wir bereits gemacht.
Für mehr seriösen, jungen Journalismus ist Coup auf deine Unterstützung angewiesen: Hier kannst du unser Projekt unterstützen.

Zurück zu den Emotionen ...
Beim Schreiben kamen die Emotionen am meisten hoch. Da kommt man mit dem Kopf nicht mehr hinaus. Ich hatte wirklich Zeiten, in denen ich schlecht abschalten konnte, wo mich die Geschichte so beschäftigt hat, dass sie mich im Halbschlaf verfolgt hat ...

Was macht man da?
Sofort aufschreiben, was einem durch den Kopf geht – egal, wie spät in der Nacht oder wie früh am Morgen es ist.

Beeinträchtigt sowas nicht das Privatleben? Du stehst mitten in der Nacht auf und schreibst dir deine Gedanken auf ...
Ja, in gewisser Weise schon. Aber mehr als das habe ich die Geschichte nicht an mich herangelassen.

Wie hast du das geschafft?
Ich habe sehr oft mit meinen Büro- und Berufskollegen darüber geredet, weil ich gemerkt habe, dass ich mich sonst vereinnahmen lasse – eben weil Dimi ein so netter Kerl ist. Die Sicht von Dritten, die ihn nicht kannten, half mir immer wieder, die Distanz zu wahren. Darauf habe ich Wert gelegt.

Wie bist du überhaupt auf die Idee gekommen, diese Geschichte zu erzählen?
Um ehrlich zu sein: Ich wollte ursprünglich das «Breaking Bad der Schweiz» erzählen und in das Milieu der Schweizer
Hanfbauern und -besitzer eintauchen. Dieses Milieu wird ja immer krimineller, die Polizei greift härter ein, die Hanfbauern sind von unscheinbaren Gärtnern zu organisierten Kriminellen geworden. Der Handel ist immer mehr in den Händen von Ausländern.

Die Macher von Coup

Coup: Andres Eberhard, Joel Bedetti, Pascal Sigg (v.l.)

Bild: kasuma.ch

Die Coup-Initianten Andres Eberhard (32), Joel Bedetti (31) und Pascal Sigg (32) kennen sich aus Studienzeiten und teilen sich ein spartanisches Journalistenbüro in Zürich. Bei der Realisierung der Geschichten arbeitet Coup mit anderen jungen Medienschaffenden zusammen.

Dazu ist es nicht gekommen. Warum nicht?
Ich erfuhr am Anfang meiner Recherchen vom Prozess gegen Dimi, der wegen des Mordes an seinem Kumpel und Hanfdealer Chang vor Gericht stand. Das hat mich interessiert, und ich habe mich, so gut es ging, an Dimis Fersen geheftet. Doch bevor der erste Besuch im Gefängnis zustande kam, erstach Diana die Tochter Sara.

Was passierte dann?
Es dauerte nochmals einige Monate, bis ich Dimi das erste Mal besuchen konnte. Von da an wollte ich einfach wissen, wie so etwas, so eine riesige Familientragödie, überhaupt passieren kann.

Du hast Dimi beschrieben. Wie ist Diana?
​Ich hatte nie die Gelegenheit, sie persönlich zu treffen. Aber ich habe natürlich viel mit Dimi und gemeinsamen Freunden über Diana gesprochen, beispielsweise mit der Nachbarin, mit Hanna Winter aus Balterswil.

Und? Wie ist sie? Ein Drogenmädchen, das sich nicht vom Feiern abhalten lässt, oder ein «Huscheli», das mit zwei Kindern zuhause sitzt und unzufrieden ist?
Keins von beidem. Sie ist wohl eine nette und normale Frau. Das ist ja das Verrückte: Es deutete nichts auf diese Taten hin, weder bei Dimi noch bei Diana. Sie muss eine eher passive Frau sein, und hat sich meistens mitreissen lassen, bei den Drogen, bei​ den Partys. Man habe ihr immer einen Stups geben müssen, sagt Hanna Winter. Sie war wohl auch passiv-aggressiv, was dann wieder ihre Tat zumindest ein bisschen erklären würde. 

Du hast deinen «Coup» mit dieser Reportage gelandet. Wie geht es jetzt weiter mit eurem Projekt Coup?
Wir sammeln immer noch kräftig Geld. Damit könnten wir wieder weitere Geschichten recherchieren und realisieren. Um solch aufwändigen Journalismus finanzieren zu können, haben wir die Plattform Coup gegründet. Wer auch künftig solche Geschichten lesen will, soll uns deshalb auf Wemakeit unterstützen! Die Kampagne dauert nur noch rund eine Woche.

Warum solltest du Coup unterstützen? Darum:

Joel Bedetti über seine Recherchen:

Video: coup

>>> Hier findest du Teil 1 der Reportage
>>> Und hier Teil 2​

So arbeiten Journalisten bei Coup:

abspielen

Vimeo/Andres Eberhard

Das könnte dich auch interessieren:

Wie ich nach 3 Stunden Möbelhaus von Wolke 7 plumpste

Link zum Artikel

Die Fallzahlen steigen wieder leicht an – so sieht's in deinem Kanton aus

Link zum Artikel

Der Mann, der es wagt, Trump zu widersprechen

Link zum Artikel

Magic Johnson vs. Larry Bird – ein College-Final als Beginn einer grossen Sportrivalität

Link zum Artikel

4 Gründe, weshalb die Corona-Zahlen des BAG wenig mit der Realität zu tun haben

Link zum Artikel

Wie ansteckend sind Kinder wirklich? Was die Wissenschaft bis jetzt dazu weiss

Link zum Artikel

Das iPad kriegt Radar? Darum ist der Lidar-Sensor eine kleine Revolution

Link zum Artikel

Lasst meinen Sex in Ruhe, ihr Ehe- und Kartoffel-Fanatiker!

Link zum Artikel

So lief Tag 1 nach Bekanntgabe der «ausserordentliche Lage» für die Schweiz

Link zum Artikel

Corona International: EU beschliesst Einreisestopp ++ Italien mit 345 neuen Todesopfern

Link zum Artikel

Die Schweiz befindet sich im Notstand – die 18 wichtigsten Antworten zur neuen Lage

Link zum Artikel

Flucht aus Hongkong

Link zum Artikel

Ein Virus beendet Jonas Hillers Karriere: «Es gäbe noch viel schlimmere Szenarien»

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen
DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Themen
0
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
0Alle Kommentare anzeigen

Mini Story

«Ich werde lieber Zwerg genannt als Liliputaner»

Ich habe Sam Jimmy Joe getroffen, um mir seine Story anzuhören: Wie es ist, als Kleinwüchsiger aufzuwachsen und zu leben.

Sam Jimmy Joe ist mir als Kleinwüchsiger aus Olten schon länger auf Instagram aufgefallen und hat mich mit seiner Offenheit vor und auch während dem Interview positiv überrascht. Sam nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es darum geht, seine Position, Meinung und seinen Kleinwuchs zu vertreten. Man kann nicht einschätzen, was es wirklich heisst, kleinwüchsig zu sein. Wie …

Artikel lesen
Link zum Artikel