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Wie heisst der Originaltitel dieses Films? Genau: «Eine Armee Gretchen». Bild: Erwin C. Dietrich

Er handelte mit Mädchen, jetzt ist er tot – eine unschweizerische Geschichte

Der Meister alberner Erotikfilme, Erwin C. Dietrich, ist am 15. März gestorben. In Zürich sorgte er für eine Stadtgestaltung der besonderen Art.



Im Jahr 1978 wagte die «Schweizer Illustrierte» noch ganz andere Fragen als heute. Etwa diese: «Ich kenne Sie schon recht lange und sehe Sie nicht als geilen Voyeur. War Ihnen einfach die Kasse wichtig?» Gemeint war Erwin C. Dietrich, der Produzent, Regisseur und Drehbuchautor unzähliger Erotikfilme. «Dass ein Produzent von Sexfilmen ein Voyeur sein muss, ist eine Klischeevorstellung», antwortete Dietrich, «wenn ich einen Krimi drehe, bin ich auch kein Krimineller.»

Natürlich wollte er Kasse machen. Er machte sie nicht mit Heimatfilmen («Der Pfarrer von Kirchfeld», «Das Mädchen vom Pfarrhof»), er machte sie minimal mit Krimis im Stil der Edgar-Wallace-Verfilmungen («Die Nylonschlinge», «Ein Sarg aus Hongkong»), aber er machte sie haufenweise mit Sex.

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Pfarrer, Mädchen, Pferd. Da gibt's viele interessante Beziehungsmöglichkeiten. Bild: Erwin C. Dietrich

Der Mann, der 1930 in Glarus als Sohn mittelloser Eltern zur Welt kommt und nach Zürich auswandert, um ein Eroberer zu werden, riecht das Geschäft mit dem Sex Ende der 60er-Jahre: «Der Sex kündigte sich von ferne an, in den Illustrierten, und sie sind ja immer die Vorboten des Kommenden.» Aha.

1967, ein Jahr bevor in Deutschland der Kult um die Aufklärungsfilme von Oswalt Kolle losgeht, dreht Dietrich den als Pseudo-Dokfilm getarnten Streifen «Seitenstrassen der Prostitution». 1968 feiert er mit «Die Nichten der Frau Oberst», einer angeblichen Literaturverfilmung, in Westdeutschland den grössten Kinohit des Jahres. Mehr Leute wollen die liebesdurstigen Nichten auf ihrem fidelen Landsitz sehen als den Bond-Film «You Only Live Twice» mit Sean Connery. 

Erwin C. Dietrich, Filmregisseur und Bauherr und Betreiber der Cinemax Kinos in Zuerich, aufgenommen am 4. August 1993 kurz vor der Eroeffnung des Multiplex-Kinos.  (KEYSTONE/Str)

Erwin C. Dietrich, 1930–2018. Bild: KEYSTONE

Es folgen Dutzende billig gemachter Filme mit anspielungsreichen Titeln wie «Weisse Haut auf schwarzem Markt», «Schwarzer Nerz auf zarter Haut» oder «Weisse Haut und schwarze Schenkel».

Es gibt «Die Stewardessen» und «Die Bett-Hostessen» und das Quartett der naheliegenden Mädchen-Berufungen: «Mädchen, die nach Liebe schreien», «Mädchen, die sich hocharbeiten», «Mädchen, die sich selbst bedienen», «Mädchen, die am Wege liegen».

Regisseur dieser Filme ist meist ein Michael Thomas, Drehbuchautor ein Manfred Gregor – beides sind Pseudonyme für Dietrich.

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Hier sieht man einen deutlichen Unterschied zum «Mädchen vom Pfarrhof». Es geht allerdings auch wieder um Mädchen. Bild: Erwin C. Dietrich

Er selbst interessiert sich dabei kein bisschen für die sexuelle Befreiung und die emanzipatorischen Messages von 1968. «Wollten Sie dabei sein bei der sexuellen Revolution?», fragte ihn 2005 «Das Magazin». «Überhaupt nicht. Das Erotikelement war ganz einfach überlebensnotwendig. Sex sells.» Manchmal sogar mit Schweizer Beteiligung. Der Comedien Helmi Sigg «spielte» bei Dietrich. Und die Sängerin und Schauspielerin Monika Kaelin. Einmal sogar der Volksschauspieler Ruedi Walter.

Seine liebste erotische Diva war Ingrid Steeger. «Mit ihr konnte man Pferde stehlen, ihr war es nie zu kalt, sie scheute keine Anstrengung», schwärmte Dietrich. Steeger stiess mit 23 zum Dietrich-Imperium und schenkte ihm viele Filme, angefangen mit der Kult-Perle «Ich – ein Groupie».

Ach, bis heute haben ganze Generationen die Schönheit der bündnerischen Diavolezza nur entdeckt, weil Ingrid Steeger sie im Gewand absoluter Naturbelassenheit und unter dem Einfluss höchst zuträglicher Drogen betanzte. Vor dem ewigen Schnee widmet sie sich natürlich als Groupie voller Hingabe den Rockstars und dem Drogenschmuggel.

Ich – ein Groupie, Ingrid Steeger

Die Schönheit der Berge macht dich zum Zwerge. Ingrid Steeger dagegen zur Göttin. In «Ich – ein Groupie» natürlich. Bild: Erwin C. Dietrich

Ein anderer von Dietrichs Trash-Triumphen war «Eine Armee Gretchen», er verschränkte da geschickt Nazis mit Nymphomaninnen: Inhaftierte Prostituierte wollen im Zweiten Weltkrieg an die Front, weil es nur noch da deutsche Männer gibt. Was sie selbstverständlich dürfen, allerdings als (splitternackte) Flak-Helferinnen. Ein Narrativ, so zwingend logisch, als hätte es Goethe erfunden. Und von heute aus gesehen so grotesk lustig und harmlos verspielt wie alles aus Dietrichs Fun-Fabrik. 

Zuviel Sex war dem Familienvater allerdings schnell zuwider. Denn auf dem Grund des europäischen King of Sexploitation lauerte ein Biedermann und Buchhalter. Als die Bedürfnisse des Publikums zunehmend härter und pornöser wurden, mochte er sich zum ersten Mal nicht den Marktbedürfnissen anpassen. Pornos fand er «grusig».

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Geiler Style in «Rolls-Royce Baby». Bild: Erwin C. Dietrich

Er hatte jetzt so viel Geld, dass er auch als internationaler Produzent auftreten und Filme «von Männern, mit Männern und für Männer» (NZZ, 1980) finanzieren konnte. Geschossen wurde jetzt quasi nicht mehr aus Körperteilen, sondern aus echten Waffen. 1978 hatte er als Produzent von «The Wild Geese» mit Richard Burton und Roger Moore einen Grosserfolg im seriösen Kino gelandet, und auch diese Wildgänse wurden in mehreren Sequels gemolken. In einem der Männerfilme robbte auch der Schweizer Mann jener Jahre schlechthin, Hausi Leutenegger, durch irgendeinen Dschungel.

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Männer ballern aus allen Rohren. Na ja, fast allen. Bild: Erwin C. Dietrich

In der Schweiz und in Deutschland ging Dietrich mit Walter Roderer als Star zum Angriff auf Emil und seine «Schweizermacher» über, die beiden machten «Ein Schweizer namens Nötzli» und «Der doppelte Nötzli», zwei riesige Publikumserfolge, die Dietrich inhaltlich dorthin zurückwarfen, wo er in den 60ern-aufgebrochen war, in den tiefsten schweizerischen Biedermief.

Ihm war das egal. Er war da eh schon Zürichs mächtigster Filmverleiher und Kinounternehmer, immer kam noch was dazu, das Capitol in der Innenstadt, das Cinemax in Zürich West waren seine Schöpfungen. Eine Stadtgestaltung der besonderen Art, gegründet quasi auf Bergen nackter Busen. Sie werden ihn nun als himmlische Airbags durchs Jenseits tragen.

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