klar
DE | FR
19
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Schweiz
Energie

Dank ihnen können wir heizen: So siehts in der Strom-Netzleitstelle aus

«Wir bereiten uns intensiv auf möglichen Strommangel vor»

Über Jahre interessierte sich kaum jemand für sie. Jetzt, in der Energiekrise, wird die Netzleitstelle von Swissgrid in Aarau zur Schaltzentrale der Schweizer Versorgungssicherheit. Ein Besuch bei den Wächtern des Stromkreislaufes, bei denen die langweiligsten Tage die besten sind.
24.10.2022, 06:34
Stephanie Schnydrig und Benjamin Rosch / ch media

Daniel Zemp, 57, trägt kurze Haare, weisses Hemd, Sneakers. Es ist kurz vor zehn Uhr morgens, sein Blick schweift durch ein Fenster in einen Raum mit sieben sichelförmigen Schreibtischen, auf jedem reihen sich bis zu dreizehn Bildschirme. Die grösste Anzeigetafel bildet aber die Rückwand des grauen Raumes selbst.

Darauf folgt alles einem Rhythmus: Balken- und Flussdiagramme verschieben sich, Zahlen zu Import und Export steigen oder purzeln im Sekundentakt, und in der Mitte prangt eine grosse Karte der Schweiz, übersät mit rot und grün leuchtenden Strängen. Das sind die Leitungen, die das Leben in Europa am Laufen halten.

Das Swissgrid-Büro in Aarau.
Das Swissgrid-Büro in Aarau. zVg/AZ

Hier, in der Netzleitstelle von Swissgrid in Aarau, dem neuronalen Zentrum der Schweizer Stromversorgung, ist Zuverlässigkeit das oberste Gebot. Zemp, Head of Team System Operations, und sein Team überwachen das Schweizer Übertragungsnetz 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche.

Wenn ihre Arbeit niemandem auffällt, sprechen die Spezialisten von einem guten Tag.

Wenn ihre Arbeit niemandem auffällt, sprechen die Spezialisten von einem guten Tag. Besonders dann, wenn die Situation angespannt war. «Wir berechnen das Netz mit der sogenannten n-1-Sicherheit. Dieses besagt, dass bei Ausfall eines Netzelements kein anderes überlastet sein darf.»

Ein Gleichgewicht aus hunderten Kraftwerken

Stabilität bedeutet in der Sprache der Stromwächter fünfzig Hertz. Mit dieser Frequenz pulsiert der Strom durch das Schweizer und das europäische Netz. Es handelt sich um einen äusserst sensiblen Wert, der leicht aus dem Takt zu bringen ist: Wird zu viel Strom ins Netz gespeist, etwa wenn starke Böen die Windkraftwerke in Deutschland zu Hochtouren antreiben, steigt die Frequenz. Und sie sinkt, wenn eine Störung ein Kraftwerk lahmlegt.

Was dann geschieht, vergleicht der Strom-Lobbyist Bädersdorf im Thriller «Blackout» des Autors Marc Elsberg mit dem Blutkreislauf des Menschen: Ist der Blutdruck beim Menschen zu hoch oder zu niedrig, dann «kippt unsereins um», schildert Bädersdorf während einer Krisensitzung im deutschen Ministerium, während sich ein Blackout nach und nach durch ganz Europa frisst. Übertragen auf das Stromnetz bedeutet das, dass es bei zu hoher oder zu tiefer Frequenz zusammenbricht. Deshalb müssen sich Stromproduktion und -verbrauch immer die Waage halten.

Bei unvorhersehbaren Schwankungen muss sich die Schweiz schon lange nicht mehr allein mit ihren eigenen Kraftwerken zu helfen wissen. Im aargauischen Fricktal entstand im Jahr 1958 der grenzüberschreitende Strommarkt. In der als «Stern von Laufenburg» bezeichneten Schaltanlage wurden damals die Stromnetze der Schweiz, Deutschlands und Frankreichs zusammengeschaltet und synchronisiert.

Damit war der Grundstein für eine sichere Stromversorgung für ganz Mitteleuropa gelegt, die mit dem explosionsartigen Anstieg des Stromverbrauchs nach dem Zweiten Weltkrieg auch dringend benötigt wurde.

Von Autarkie hält er nichts

Über 41 Höchstspannungsleitungen ist die Schweiz heute mit dem Ausland verbunden. Über die mit dem Ukrainekrieg und der Energiekrise wieder aufgeflammte Debatte um Energieautarkie kann Zemp denn auch nur den Kopf schütteln.

Auch eine kürzlich veröffentlichte Studie der Akademie der Naturwissenschaften Schweiz (SCNAT) kam zum Schluss, dass eine vollständige Energieautarkie kaum möglich sei, und wenn, dann nur verbunden mit sehr hohen Kosten. «Nehmen wir nur das Beispiel Leibstadt», sagt Zemp und spricht damit den Vorfall Ende September an, als das Kernkraftwerk seine Reaktorleistung aufgrund eines technischen Defekts unvorhergesehen abschalten musste.

Im Normalbetrieb verfügt das Atomkraftwerk über eine Leistung von circa 1000 Megawatt. Seinen plötzlichen Ausfall könne die Schweiz nicht selbst abfangen, sagt Zemp. Das hätte massive Auswirkungen auf die Frequenz. Sie würde frappant absinken und eine Netzstörung verursachen. Ein Teilblackout bis zu einem vollständigen Blackout wären die Folge.

Auch Italien scheint gerade froh, dass es nicht isoliert, sondern eingebettet ist ins europäische Stromnetz, wie ein Blick auf einen grossen Monitor in der Swissgrid-Netzleitstelle vermuten lässt. Das Land blinkt hellrot. Nur für kurze Zeit, dann wird der Stiefel wieder weiss wie die umliegenden Länder, bevor er doch wieder ins Hellrote kippt. So geht es während ein paar Minuten hin und her. Schwankungen der Netzstabilität in unserem Nachbarland, wie es scheint.

Aus der Ruhe bringt das Zemp allerdings keineswegs. Sogenannte Regelenergie, zur Verfügung gestellt von tausenden Kraftwerken in Europa, gleicht kurzfristige Unregelmässigkeiten automatisch aus. Innert Sekunden schiesst dann beispielsweise ein wenig mehr Wasser auf die Turbinen von Grand Dixence oder irgendwo in Bulgarien wird ein bisschen mehr Gas verbrannt.

So emsig das Treiben auf den Bildschirmen der Swissgrid-Netzleitstelle – Unrast kann man sich dort nur schwer vorstellen. Die sieben Stromwächter sitzen zwanglos in ihren Bürostühlen. «Es kann schon mal turbulent werden», sagt Zemp, «aber Hektik darf hier nicht ausbrechen.»

Während Corona galten für die Mitarbeitenden hier höchste Sicherheitsvorkehrungen. Im Notfall hätten sie sogar im Büro schlafen müssen.

Der augenscheinlichen Gemütlichkeit zum Trotz: Wie wichtig die Netzleitstelle für die Schweizer Grundversorgung ist, bewies etwa die Pandemie. Während Corona galten für die Mitarbeitenden hier höchste Sicherheitsvorkehrungen. Im Notfall hätten sie sogar im Büro schlafen müssen. «Wäre die Hälfte des Teams ausgefallen, dann wäre das ein Problem gewesen. Swissgrid hätte dann ehemalige Fachpersonen, die heute im Unternehmen in einer anderen Funktion arbeiten, wieder hinzugezogen», sagt Zemp.

Risikofaktor Mensch

Das 6700 Kilometer lange Schweizer Übertragungsnetz gilt heute laut Swissgrid als eines der stabilsten weltweit. 40'000 Messpunkte überwachen minutiös das Gleichgewicht von Stromproduktion und -verbrauch. Schwankungen lassen sich so in den allermeisten Fällen in Sekundenschnelle detektieren.

Doch durch die hohe Vermaschung der Stromnetze und die Zusammenarbeit mit den europäischen Partnern können unerwartete Ereignisse gut überwunden werden. Wenn aber zum Beispiel ein Naturereignis wie Lawine, Sturm oder Gewitter zum Ausfall von Netzelementen führt, kann dies eine Überlastung anderer Elemente zur Folge haben, die sich dann automatisch abschalten. Ein Stromausfall wäre die Folge.

Die Gefahr für Cyberattacken auf die Strom-Infrastruktur ist real: So versuchten beispielsweise im April 2022 russische Hacker mit Schadsoftware die Umspannwerke der Ukraine anzugreifen.

«Gegen Elementarereignisse sind wir machtlos», sagt Zemp. Anders gegen Cyberangriffe, die die Stromversorgung ebenso über weite Gebiete lahmlegen können. Wie Zemp erzählt, werden die Swissgrid-Mitarbeitenden regelmässig in Bezug auf Cyber-Security sensibilisiert. Denn der grösste Risikofaktor und das leichteste Einfallstor für Hacker sei noch immer der Mensch.

Die Gefahr für Cyberattacken auf die Strom-Infrastruktur ist real: So versuchten beispielsweise im April 2022 russische Hacker mit Schadsoftware die Umspannwerke der Ukraine anzugreifen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass Putin diese Form der Kriegsführung auf andere europäische Staaten ausdehnt. Soweit kam es bislang noch nicht, doch die Risiken steigen mit der Digitalisierung des Stromsystems.

Swissgrid ist derzeit involviert, einen europäischen Rahmen für die Cybersicherheit der grenzüberschreitenden Stromflüsse zu schaffen. Dieser soll einheitliche Regeln für die Bewertung von Cyberrisiken enthalten, gemeinsame Mindestanforderungen, die Zertifizierung von Produkten und Dienstleistungen im Bereich der Cybersicherheit, die Überwachung, Berichterstattung und das Krisenmanagement.

Letztes Jahr legte das Bundesamt für Energie (BFE) einen Bericht zur Cybersicherheit der Schweizer Stromversorger vor. Teil an der Studie nahmen 124 Unternehmen, darunter Netzbetreiber, Stromproduzenten und Messstellenbetreiber. Das Fazit lautete damals, dass die erhobenen Werte zur Sicherheit insgesamt ernüchternd seien.

«Wir bereiten uns intensiv auf eine mögliche Strommangellage im Winter vor»
Daniel Zemp

Zemp kennt die Studie nicht im Detail, sagt aber: «Bei Swissgrid hat Sicherheit absolute Priorität. Cybersicherheit eine wichtige strategische Bedeutung und ist in den Unternehmenszielen verankert. Swissgrid geht aktiv mit Cyberrisiken um und wendet den aktuellen Stand der Technik in diesem Bereich an. Die Cybersicherheit bei Swissgrid wird im Rahmen eines kontinuierlichen Verbesserungsprozesses stetig weiterentwickelt und gestärkt.»

Sorgen bereitet ihm indes die mittelfristige Zukunft. «Wir bereiten uns intensiv auf eine mögliche Strommangellage im Winter vor», sagt er. Wie sich eine europaweite Energieknappheit auswirkt, kann niemand sagen. Sicher ist: Weder Kontingentierungen noch rollende Netzabschaltungen würden hier in Aarau vorgenommen. «Das ist eine Entscheidung des Bundesrates und geschieht auf der Ebene der Verteilnetze», sagt Zemp.

Ukraine ist Teil Europas – jetzt auch beim Strom

Das europäische Stromnetz ist ein Koloss, das zeigt etwa die Integration der Ukraine vom vergangenen März. «Seither sehen alle europäischen Stromnetzbetreiber mit dem Feldstecher, was im ukrainischen Netz passiert», erklärt Zemp. Putins Invasion hat das lange geplante Vorhaben beschleunigt. So kann das restliche Europa seit März das Netz der Ukraine stabilisieren helfen – wenn auch nur bis zu einer Grenze von einigen hundert Megawatt.

Ein AKW Saporischja mit einer Leistung von bis zu 6000 Megawatt ersetzt dies freilich nicht, aber die Ukraine profitiert von besserer Netzstabilität. Als Teil der Synchronisierung des ukrainischen Netzes ans kontinentaleuropäische Stromnetz ist der Energieaustausch zwischen der Ukraine und den Nachbarländern beschränkt worden, «um kein Risiko einzugehen», sagt Zemp. Sollte die Vernetzung mit der Ukraine dennoch die europäische Netzstabilität gefährden, kann die Verbindung wieder aufgehoben werden.

Erneuerbare: Der Weg führt nach Europa

Als er noch am Vormittag auf die Monitore der Netzleitstelle geblickt hat, war die Schweiz ein Strom-Exportland. Über 2000 Megawatt betrug zwischenzeitlich die Leistung, welche die Schweiz in Richtung Italien und Frankreich schickte. Mittlerweile naht die Mittagspause und die Schweiz importiert netto mehr Strom als sie exportiert. «Das hängt mit den neuen erneuerbaren Energien zusammen», erläutert Zemp. Andere europäische Länder seien in einem höheren Mass abhängig von Wind und Sonne. «Am Morgen haben sie deshalb tendenziell wenig, im Verlauf des Tages mehr Strom zur Verfügung», sagt Zemp.

Ein Trend, dem auch die Schweiz folgt. In der letzten Session hat sich das Parlament hohe Ziele zum Ausbau der Erneuerbaren gesteckt. Ist das eine zusätzliche Belastung für das Stromnetz? «Die Peaks beim verfügbaren Strom werden immer grösser», sagt Zemp. Um die Spitzen zu glätten, werde der Stromhandel zwischen den Ländern daher noch zunehmen. Deshalb sei die Integration in den EU-Strombinnenmarkt wichtig.

Doch ein europäisches Stromabkommen mit Schweizer Beteiligung scheint in weiter Ferne: Die EU hat es an ein institutionelles Rahmenabkommen gekoppelt. Physikalisch macht eine Schweizer Insel keinen Sinn. Aber was für Strom gilt, muss für die Politik nicht stimmen: die Suche nach dem Weg des geringsten Widerstands. (aargauerzeitung.ch)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Adolf Ogi wollte bereits 1989 Strom sparen – das SRF machte sich über ihn lustig

Video: watson

Das könnte dich auch noch interessieren:

19 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
19
Warum «Corona-Leaks»-Hintermann Peter Marti aus der SVP ausgetreten ist
Seine Untersuchungen haben die «Corona-Leaks» offengelegt, er hat Alain Berset, Marc Walder, Peter Lauener und andere Personen einvernommen: Peter Marti ist eine zentrale Figur in der Indiskretionsaffäre, und seine Methoden sind umstritten. Jetzt wird bekannt: Er ist nicht «der SVP-Mann», als den man ihn oft bezeichnet.

SP-Nationalrätin Jacqueline Badran sprach vor zwei Wochen in der «Arena» von einem «SVP-Filz». Sozialdemokratische Politiker und Medien wie die «Wochenzeitung» und die «Republik», die der SP gewogen sind, verweisen auf personelle Verstrickungen. Damit soll suggeriert werden: Die SVP spielt eine Rolle darin, dass die Indiskretionsaffäre publik geworden ist. Einvernahmeprotokolle zeigen, dass über einen längeren Zeitraum vertrauliche Informationen zur Coronapolitik des Bundesrates aus dem Departement Berset an das Medienhaus Ringier flossen.

Zur Story