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«Jüdische Mafia»: Mögliches Nachspiel in der Schweiz für Alain Soral
Der Fall Epstein ist, wie sich Tag für Tag mehr verdeutlicht, eine Splitterbombe von ungeahnter Tragweite. Dem französisch-schweizerischen Polemiker Alain Soral, der in Frankreich mehrfach wegen Antisemitismus verurteilt wurde, kommt das recht. Am 9. Februar veröffentlichte der im Kanton Waadt lebende Soral auf seinem X-Account eine antijüdische Tirade:
Am nächsten Tag wandte sich der französische Innenminister Laurent Nuñez an die Justiz, damit diese rechtliche Schritte gegen Sorals Äusserungen einleitet.
Übersetzung
Dieser Text wurde von unseren Kolleginnen und Kollegen aus der Romandie geschrieben, wir haben ihn für euch übersetzt.
Die zahlreichen Enthüllungen zu den Epstein-Akten – Millionen von Dokumenten, die vom US-Justizministerium veröffentlicht wurden – sind ein gefundenes Fressen für Verschwörungstheoretiker. Das beobachtet der Journalist Rudy Reichstadt, Direktor von Conspiracy Watch. Letzte Woche erklärte er im Radiosender France Inter:
Enthemmung des Antisemitismus
Rudy Reichstadt ergänzt:
Und der Direktor von Conspiracy Watch warnt vor einer Enthemmung des Antisemitismus: «In den alternativen Verschwörungsmedien ist seit einigen Tagen ebenfalls eine Enthemmung dieser Äusserungen zu beobachten.»
Alain Soral gilt als Anführer dieser hemmungslosen Bewegung, die in Frankreich und der Schweiz Anhänger hat. Die «Juden» werden dort von einigen mit pädosatanistischen Anhängern ritueller Opferungen und Kindermorde gleichgesetzt. In den 2010er-Jahren sprach der umstrittene Komiker Dieudonné, ein Genosse von Alain Soral, bezüglich dem Filmemacher Roman Polanski, der von der amerikanischen Justiz wegen Vergewaltigung einer Minderjährigen in den 1970er-Jahren verfolgt wurde, vom «jüdischen Pädophilen».
Mit dem Krieg in Gaza, der nach dem Massaker vom 7. Oktober 2023 ausbrach, glaubte Alain Soral, dass seine «Thesen» über eine «jüdische Weltregierung, die die Fäden zieht», bestätigt waren. «Die Fakten geben mir recht», verkündete er damals – und verkündet er auch heute im Zusammenhang mit der Epstein-Affäre.
Die France insoumise im Hinterhalt
Diese Fokussierung auf Israel im Zusammenhang mit den Akten des amerikanischen Finanziers und Sexualstraftäters, der in Brooklyn (New York) in einer aschkenasischen jüdischen Familie der unteren Mittelschicht geboren wurde, ist insbesondere bei der extremen Linken in Frankreich zu beobachten. Die Abgeordnete der Partei La France insoumise (LFI), Danièle Obono, antwortete ironisch auf einen Beitrag des Senders France Info:
Sie reagierte damit auf ein Interview mit der Journalistin Marie Jego der Zeitschrift «Le Monde», in dem diese behauptete: «Epstein unterhielt enge Beziehungen zu russischen Oligarchen und fungierte als Vermittler zwischen Einflussnetzwerken, Geschäften und Erpressungsmethoden.»
Die Abgeordnete der LFI wollte mit ihrem Tweet offenbar zum Ausdruck bringen, dass Jeffrey Epsteins eigentliche internationale Verbindung Israel und nicht Russland sei.
Bonsoir France info, je me permets de vous signaler une petite erreur dans votre message et votre bandeau. Vous avez mal orthographié « Israël ». De rien. https://t.co/9LN1vDdVpw
— Députée Obono (@Deputee_Obono) February 7, 2026
Am 10. Februar listete die Zeitung «Libération» die Einflussnetzwerke von Jeffrey Epstein auf, darunter Indien, Afrika und Israel. Der ehemalige israelische Premierminister Ehud Barack stand in Kontakt mit dem umstrittenen Finanzier. Aber die Akten zu Letzterem verweisen auf zahlreiche Länder.
Wird die Staatsanwaltschaft des Kantons Waadt in der Schweiz ein Verfahren gegen Alain Soral einleiten, wie es der französische Innenminister nach dessen Tweet über die «jüdische Mafia» gefordert hat? Auf watsons E-Mail-Anfrage hin hat die Kantonale Staatsanwaltschaft nicht reagiert. «Es gäbe Grund für eine Strafverfolgung», meint ein Waadtländer Anwalt, der zum jetzigen Zeitpunkt anonym bleiben möchte.
Laufendes Verfahren
Unseren Quellen zufolge ist ein im Mai 2024 von der Waadtländer Justiz gegen den französisch-schweizerischen Staatsbürger eingeleitetes Verfahren wegen Antisemitismus noch immer anhängig. Damals wurde seine Wohnung durchsucht. Die Ermittlungen wurden nach Meldungen der Cicad (Interkommunale Koordinationsstelle gegen Antisemitismus und Diffamierung) eingeleitet, die auf Äusserungen reagierte, die unter Umständen strafbar wären.
Im Jahr 2020 hatte die Waadtländer Staatsanwaltschaft nach einer früheren Strafanzeige der Cicad keine Ermittlungen aufgenommen, obwohl es sich um ähnliche Vorfälle handelte. Im Jahr 2024 wurde Alain Soral in der Berufungsinstanz zum ersten Mal in der Schweiz wegen Homophobie gegenüber einer Journalistin der «Tribune de Genève» verurteilt (watson berichtete).
