Über 120 Rassismusfälle in Genfer Spitalabteilung
Über 120 Mitarbeitende der Rehabilitations- und Geriatrie-Abteilung des Universitätsspitals Genf sind Opfer von Rassismus geworden. Im Bericht zu einer Umfrage werden Vorurteile und abwertendes Verhalten oder Äusserungen zum Vorwurf gebracht.
Nach einer am Mittwoch veröffentlichten internen Umfrage, an welcher 487 Personen teilnahmen, will die Einrichtung der Genfer Universitätsspitäler (HUG) nun das Meldesystem und die Nachverfolgung verbessern. Die Studie wird in diesem Jahr auf die gesamte Einrichtung ausgeweitet.
Gut ein Viertel des befragten Rehabilitations- und Geriatriepersonals (DRG) gab an, im beruflichen Umfeld Rassismus erlebt zu haben. Bei Personen mit Migrationshintergrund liegt dieser Anteil bei fast 45 Prozent, während er bei Personen ohne Migrationshintergrund unter 20 Prozent liegt.
«Diese Erfahrungen sind sehr real und schmerzhaft», sagte Robert Mardini der Presse. Der Generaldirektor brachte das «tiefe Bedauern» der HUG zum Ausdruck. Rassismuserfahrungen seien «niemals akzeptabel» und die Ergebnisse «nehmen uns als Institution, als Arbeitgeber und als vertrauenswürdigen Akteur in die Pflicht». Der Direktor sagte: «Wir tolerieren keine rassistischen oder diskriminierenden Handlungen.»
In einem Drittel der Fälle seien Patienten beteiligt. Für 31 Prozent seien Kollegen verantwortlich, Vorgesetzte seien es in 20 Prozent der Fälle. Während körperliche Gewalt selten erwähnt wird, werden Vorurteile, abwertende Äusserungen oder Verhaltensweisen im Bericht zur Sprache gebracht.
Hauptgrund für Rassismus ist Hautfarbe
Über 40 Prozent der Befragten geben ausserdem an, selber Zeugen von Rassismus geworden zu sein. Zwei Drittel von ihnen ordnen Rassismus in ihrem Arbeitsumfeld als nicht systemisch ein.
Knapp mehr noch als die ethnische Herkunft und Nationalität wurde die Hautfarbe rassifizierter Personen als Hauptgrund für Diskriminierung genannt. Bei nicht rassifizierten Personen macht die Nationalität 61 Prozent der Diskriminierungsfälle aus. Das HUG geht davon aus, dass insbesondere Grenzbewohnerinnen und -bewohner besonders betroffen sind.
Etwas mehr als 20 Prozent der befragten Mitarbeitenden gaben zudem an, Patienten gesehen zu haben, die Opfer von Rassismus geworden sind. Das beeinträchtige die Behandlung, schätzte das HUG. In den Augen der Institution stimmten die Ergebnisse der Umfrage mit der Erhebung des Bundesamtes für Statistik (BFS) auf nationaler Ebene überein.
Nach den ersten Meldungen hatte die Einrichtung im vergangenen Jahr zwei Strafanzeigen angekündigt. Gegen zwei Personen seien Disziplinarmassnahmen ergriffen worden. Um eine Entlassung zu rechtfertigen, hätten die Tatsachen nicht ausreichend belegt werden können, so Mardini.
Es wurden ausserdem Schulungsworkshops für 680 Mitarbeitende ins Leben gerufen. Innerhalb der Spitäler sei eine Kampagne durchgeführt worden. Ebenso habe man das Personal begleitet und die Warnmechanismen verstärkt.
HUG kündigt verstärkte Prävention an
Die betreffenden Meldungen können Gegenstand von Verwaltungs- oder Strafverfahren sein, fügte das HUG hinzu. «Wir müssen noch weiter gehen», sagte Mardini, der eine Verstärkung der Prävention ankündigte. Seit diesem Jahr stellt jede Abteilung eine Ansprechperson.
Nach einer Berufung ist ein Gerichtsverfahren hängig, das eine ehemalige Pflegedienstleiterin der DRG eingelegt hat. Da sie laut Aussage der Einrichtung «inakzeptablen» Drohungen an ihrem Arbeitsplatz ausgesetzt war, wurde ihr zu ihrem Schutz eine gleichwertige Stelle in einer anderen Abteilung angeboten.
Die Einrichtung distanziert sich von bestimmten öffentlichen Äusserungen der letzten Monate und habe eine Schlichtung vorgeschlagen. Im August habe eine neue Pflegeleiterin zumindest vorübergehend ihre Arbeit übernommen, hiess es beim HUG.
Generell zeigte sich Generaldirektor Mardini, der zuvor beim Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) tätig war, überrascht darüber, dass sich Angriffe auf Gesundheitspersonal nicht auf Konfliktgebiete beschränken. Mardini bedauert den «starken Trend» zu zunehmender Gewalt gegen Beschäftigte im Gesundheitswesen, den es auch im HUG gebe. (sda)
