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Social Clubs in Zürich: Hier kannst du legal Cannabis konsumieren

Am Brunch des Social Clubs wird geraucht und gefrühstückt.
Am Brunch des Social Clubs wird geraucht und gefrühstückt.Bild: watson

Ohne positiven THC-Test geht nichts – willkommen beim Zürcher Kiffer-Brunch

Seit diesem August kann man in Zürich legal kiffen – zumindest in den zehn lizenzierten Social Clubs. watson hat einen solchen Club für dich besucht.
05.11.2023, 05:0005.11.2023, 12:34
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Vor der Légère Bar in Zürich stehen an diesem Sonntagmittag einige Gäste und plaudern miteinander. Der eine raucht normale Zigaretten, die andere spezielle CBD-Zigaretten. Dimitri Anderfuhren, Vorstandsmitglied des «Fuomo e Fiori»-Social-Clubs, schenkt gut gelaunt Prosecco aus.

Dimitri Anderfuhren stellt den Prosecco bereit.
Dimitri Anderfuhren stellt den Prosecco bereit.Bild: watson

Im Lokal erwartet einen ein ausgiebiges Buffet. An den Tischen sitzen rund 15 Personen und essen Gipfeli und Zimtschnecken, trinken Kaffee oder Orangensaft. Zwei Hunde liegen gemütlich auf ihren Decken und dösen.

Die meisten, die sich an diesem Sonntag in der Légère Bar befinden, kiffen regelmässig – und legal. Sie nehmen an einer Pilotstudie der Stadt und Universität Zürich teil. Ziel der Studie ist es, die Möglichkeiten und Auswirkungen eines regulierten Cannabisbezugs zu eruieren. Deshalb gibt es in der Stadt Zürich zehn Social Clubs, in denen sich die Probandinnen treffen, austauschen und Cannabis konsumieren dürfen.

Dass die Mehrzahl der Gäste Probanden sind, merkt man kaum. Der Brunch läuft ab wie jeder andere Brunch. Nur gehen immer wieder Leute ins Fumoir im hinteren Teil des Lokals – denn dort und bei sich zu Hause dürfen sie das abgegebene Cannabis konsumieren. Dass die Probandinnen schon einen oder zwei Joints geraucht haben, merkt man zunächst nicht. Niemand kichert auffällig oder hat wegen des Flashs eine Fressattacke. Es liegt nicht einmal ein Geruch von Gras in der Luft.

Ausgiebiger Brunch im Légère.
Ausgiebiger Brunch im Légère.Bild: watson

Nur bei genauerem Hinsehen scheinen die Augen mancher Personen etwas gerötet. Und ein weiteres Kiffer-Klischee erfüllt der Social Club: Hits von Bob Marley und anderer Reggae-Legenden laufen in Dauerschleife.

Hier gibt's Hilfe bei Suchtproblemen!
Alkohol und andere Drogen sind nie die Lösung. Bei Suchtproblemen gibt es in der Schweiz diverse Anlaufstellen. Beispielsweise Sucht Schweiz oder Safezone.ch, die Online-Beratung des Bundesamtes für Gesundheit in Zusammenarbeit mit Kantonen und Suchtfachstellen.

Langwieriger Gründungsprozess

Die Stadt Zürich hat den Beginn der Pilotstudie bereits vor über zwei Jahren verkündet und Menschen, die daran interessiert seien, einen Social Club zu gründen, aufgefordert, sich zu melden. Diesem Aufruf kamen Gian-Andrea Pedroli und seine Freunde nach. Mit dem Social Club und Veranstaltungen wie dem Brunch möchten sie zeigen, dass das Kiffen auch etwas Gemeinschaftliches und sehr gesittet sein kann.

Die Gründung war ein zeitaufwendiges Unterfangen: 2021 meldeten sich Pedroli und Dimitri bei der Stadt Zürich, eröffnet wurde der Social Club aber erst im August 2023. «Es gab diverse Hearings und Vorstellungsrunden bei der Stadt, danach folgte eine vollumfängliche Prüfung von unserer Idee. Das war ein sehr bürokratischer Prozess.»

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Bild: watson

Die Menschen, die im Social Club verkehren, sind hauptsächlich Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer. Diese müssen, bevor sie zu der medizinischen Studie zugelassen werden, einen Fragebogen ausfüllen und gewisse Kriterien erfüllen. Wenn jemand beispielsweise an Schizophrenie erkrankt ist oder Selbstmordgedanken hat, kann diese Person nicht an der Studie teilnehmen.

Wenn die Probanden diesen Prozess, der mehrere Stufen mit Gesprächen und Fragebögen beinhaltet, durchlaufen haben, erhalten sie ein Studienkärtchen, mit dem sie entweder in einer Apotheke oder im Social Club Cannabis kaufen dürfen. Die Probandinnen dürfen maximal 10 Gramm reines THC pro Monat legal beziehen. Bei einer Sorte mit 20 Prozent THC entspricht dies 50 Gramm Cannabisblüten oder Hasch pro Monat.

Das ist THC
Tetrahydrocannabinol, kurz THC, zählt zu den psychoaktiven Cannabinoiden und ist der hauptsächlich rauschbewirkende Bestandteil der Hanfpflanze. Der THC-Wert im Cannabis kann unterschiedlich stark sein: Ein Wert von 0 bis 5 Prozent ist tief, 5 bis 10 Prozent ist mittelstark und ab über 20 Prozent spricht man von einem extrem hohen Wert.

Ob die Probanden zusätzlich auch noch illegal Cannabis mit Tetrahydrocannabinol (THC) kaufen, weiss Pedroli nicht. «Wir hören aber von vielen Leuten, dass sie den Schwarzmarkt hinter sich gelassen haben, weil ihnen die legale Menge ausreicht.»

Das Cannabis-Menu des Social Clubs.
Das Cannabis-Menu des Social Clubs.Bild: watson

Über 200 offene Anfragen

Das Konzept der Social Clubs interessiert die Zürcherinnen und Zürcher – Fumo e Fiori hat bereits über 100 Mitglieder und gibt in den kommenden Tagen noch letzte Plätze zur Anmeldung frei. Nur Studienteilnehmer haben Zutritt zum Fumoir und können legal THC konsumieren. Zudem hat der Verein Passivmitglieder, die aber keine Studienteilnehmer sind.

So sieht das Fumoir von innen aus – hier rein dürfen nur die aktiven Mitglieder.
So sieht das Fumoir von innen aus – hier rein dürfen nur die aktiven Mitglieder.Bild: watson

Anna* und Tanja* sind Mitglieder und kiffen regelmässig. Anna ist Studienteilnehmerin. Ihre Freundin Tanja ist nur passives Mitglied. Sie wäre auch gerne Probandin, aber wohnt nicht in der Stadt Zürich – ein Ausschlusskriterium. «Ich finde es nicht schlimm, dass ich hier kein THC konsumieren kann. Die Atmosphäre gefällt mir gut und ich bin einfach gerne hier, um mit den Leuten zu sprechen und gemütlich einen Kaffee zur trinken», sagt Tanja.

«Man muss schon ganz am Anfang des Verfahrens einen positiven THC-Test vorweisen können.»
Gian-Andrea Pedroli

Nebst den rund 100 Mitgliedern gibt es noch über 100 Personen, die ebenfalls in den Fumo-e-Fiori-Social-Club wollen. Diese müssten alle die medizinische Prüfung noch durchlaufen, bevor sie Studienteilnehmer werden könnten und somit aktive Mitglieder im Verein.

Dürfte jemand, der noch nie gekifft hat, an der Studie teilnehmen? «Nein», meint Pedroli. «Es ist eine verkehrte Welt: Man muss schon ganz am Anfang des Verfahrens einen positiven THC-Test vorweisen können. Denn man will mit dieser Studie niemanden dazu verleiten, mit dem Kiffen zu beginnen.»

Die Pilotstudie läuft mindestens drei Jahre. Ein Ziel der Studie ist es herauszufinden, wie sich das Verhalten der Konsumenten entwickelt, wenn sie legalen Zugang zu sauberem THC-haltigem Cannabis haben. Welche Erfahrungen machen sie, wenn sie sich den Stoff nicht auf dem Schwarzmarkt kaufen müssen und so gestrecktes Gras oder solches mit einem viel zu hohen THC-Wert von über 20 Prozent umgehen können?

Auch Vierbeiner dürfen am Brunch teilnehmen.
Auch Vierbeiner dürfen am Brunch teilnehmen. Bild: watson

Die Probanden müssen im Halbjahrestakt an einer grossen Befragung teilnehmen. Zudem können sie sich an die Ärztinnen wenden, wenn sie Fragen haben oder Beschwerden auftreten. Ein Entgelt bekommen die Probandinnen nicht. Auch das Cannabis müssen sie selbst bezahlen, sowie einen Mitgliederbeitrag. Mit ebendiesem Mitgliederbeitrag bezahlt das Fumo-e-Fiori-Team die Miete des Lokals und andere anfallenden Kosten wie etwa den Brunch.

Vision eines liberalisierten und kontrollierten Markts

Dem Vorurteil, dass die Kiffer ihr Leben nicht im Griff hätten, widerspricht Pedroli vehement: Hier hätten alle einen völlig normalen Job und kämen ihren Verpflichtungen nach. «Ich habe Betriebswirtschaft studiert und lange auf der Versicherung gearbeitet – aktuell nehme ich mir aber eine Auszeit, um unseren Social Club zu optimieren und meine Masterarbeit zu schreiben.»

Auch die weiteren Vorstandsmitglieder haben abgeschlossene Studien- und Berufsausbildungen. Dimitiri hat etwa einen Master in Immunologie und bringt sein Wissen aus der medizinischen Forschung in seiner Rolle als Schnittstelle zum Forschungsteam der Studie ins Projekt ein. Die weiteren Vorstandsmitglieder arbeiten nebst der Leitung des Clubs noch zu 100 Prozent in ihren erlernten Berufen und investieren den Grossteil ihrer Freizeit in dieses Pionierprojekt.

Die Cannabis-Tüten können die Probandinnen im Social Club oder der Apotheke kaufen.
Die Cannabis-Tüten können die Probandinnen im Social Club oder der Apotheke kaufen. Bild: watson

Dass der Cannabiskonsum gefährlich sein kann, bestätigt Pedroli: «Das Kiffen kann auch schädliche Einflüsse haben, das ist klar. Wenn wir merken, dass jemand nicht gerade in der besten psychischen Verfassung ist, sprechen wir ihn darauf an und raten ihm gegebenenfalls auch davon ab, THC zu konsumieren. Wir schauen nicht weg, sondern suchen das Gespräch.»

Das passiert, wenn man THC überdosiert
Die häufigste Nebenwirkung der Überdosierung mit einer einzelnen THC-Dosis ist ein Angstzustand, der in einigen Fällen leichte akute psychotische Episoden wie Panikattacken nach sich ziehen kann. Ausserdem können eine erhöhte Herzfrequenz und Blutdruckänderungen auftreten.

Miro* ist ebenfalls im Vorstand von Fuomo e Fiori, auch er kifft und sagt ehrlich, dass er anerkennt, dass er bis zu einem gewissen Grad sicher süchtig sei nach Cannabis. Er erklärt, dass er ohne Probleme in die Ferien gehen und auf Cannabis verzichten kann. Er fügt an: «Ich habe schon oft aufgehört, zu kiffen, aber nur, um mal eine Pause einzulegen. Ganz damit aufhören möchte ich nicht.»

Obschon Pedroli und Miro die Gefahren, wie beispielsweise die Sucht oder das steigende Schizophrenierisiko anerkennen, sprechen sie sich für die Legalisierung von Cannabis aus.

«Die Menschen kiffen ohnehin. Deshalb sollte der Markt liberalisiert und kontrolliert werden.»
Gian-Andrea Pedroli

Andere Drogen sollten ebenfalls legalisiert werden, findet Pedroli: «Mein Grossvater war Arzt und hat auf dem Platzspitz gearbeitet, als sich dort während den 1980er-Jahren eine offene Drogenszene befand. Schon er war damals der Meinung, dass es aus medizinischer Sicht am besten wäre, Drogen zu legalisieren. Aber wichtig ist eine kontrollierte Abgabe und vor allem saubere Substanzen, auch beim Cannabis.»

An der Bar werden Getränke ausgeschenkt.
An der Bar werden Getränke ausgeschenkt.Bild: watson

Braucht die Schweiz denn nebst dem Alkohol noch eine weitere legale Droge? «Ja», meint Pedroli. «Die Menschen kiffen ohnehin. Deshalb sollte der Markt liberalisiert und kontrolliert werden. Dann bezahlen die Konsumenten Steuern auf das Cannabis, es werden mehr Jobs geschaffen und die Konsumentinnen rauchen keine verunreinigten Stoff – so gibt es auch weniger medizinische Probleme, welche beispielsweise durch verunreinigtes Gras entstehen.»

Obwohl die Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer, die am Sonntagmittag in dem Lokal sind, nichts Illegales machen, wollen viele von ihnen, genauso wie Anna, Tanja und Miro, lieber anonym Auskunft geben. Nicht, weil sie sich schämen, aber die Arbeitskollegen und die Chefin sollten es nicht erfahren.

Denn Cannabiskonsum – obschon er weitverbreitet ist in der Schweiz – ist noch lange nicht so salonfähig wie der Alkoholkonsum.

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59 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Macca_the_Alpacca
05.11.2023 06:13registriert Oktober 2021
Wieso braucht es immer noch Studien in der Schweiz, wo man das anderswo schon langen im Cannabis Supermarkt (Nevada, USA) kaufen kann?
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Onyx
05.11.2023 08:29registriert Dezember 2014
"Braucht es noch eine legale Droge?"
Wird bedenkt, dass Alkohol neben Zigaretten mit einer der schädlichsten psychoaktiven Substanzen ist, kann man über diese Aussage nur lachen.
Wenn Cannabis gedampft statt geraucht wird, fallen die Nebeneffekte des Rauchens auch weg.
Natürlich hat jede Substanz Folgen. Aber unregulierter Schwarzmarkt ist das grössere Übel.
Ausserdem: Substanzen wie Psilocybin würded dadurch endlich frei für nicht austherapierte Patient:innen.
Also hört auf mit dem Anti-Legalisierungs-Gedöns. Legalisierung heisst nicht, LSD im Coop kaufen zu können.
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Turicensis
05.11.2023 07:55registriert Januar 2021
Mal wieder ein kleines Schrittlein in Richtung Legalisierung. Ist ja nicht so, dass es bereits x Studien gäbe und sogar in den USA in mehreren Staaten Cannabis legal erwerbbar ist.
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