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Blutwäsche: Long-Covid-Betroffenen unterziehen sich teurer Therapie

A machine for an apheresis donation, pictured at the blood donation center Berne of the Interregional Blood Transfusion Service SRC, an institution within the Swiss Red Cross (SRC), in Berne, Switzerl ...
Eine Apherese, auch Blutwäsche genannt, soll Long-Covid-Betroffene von ihren Symptomen heilen.Bild: keystone

Long-Covid-Betroffene hoffen auf «Wunderheilung» – mit Blutwäsche in Deutschland

Mit einer Blutwäsche hoffen Long-Covid-Patienten auf Genesung. Dafür reisen sie sogar nach Deutschland. Die Therapie ist kostspielig und ihre Wirkung umstritten.
21.03.2022, 14:32
Vanessa Hann
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Aus der ganzen Welt pilgern Long-Covid-Betroffene in Beate Jaegers Arztpraxis nach Deutschland. Dort hoffen sie, von ihren Symptomen wie Muskelschmerzen, Müdigkeit oder Atemnot geheilt zu werden. Ärztin Jaeger wendet dafür eine besondere Behandlung an: Sie ist die Blutwäscherin.

In Fachkreisen ist umstritten, ob die Apherese, auch Blutwäsche genannt, bei Long Covid wirkt. Die deutsche Ärztin Jördis Frommhold rät zur Vorsicht. «Um diese Therapieverfahren wird gerade viel Hype gemacht, viele glauben an die Wunderheilung. Ganz so einfach ist das aber nicht», sagt die Chefärztin am Donnerstag gegenüber dem Spiegel.

In einer Rehaklinik betreut sie seit Pandemiebeginn Long-Covid-Patientinnen und -Patienten. Ihr Urteil: Es gäbe noch zu wenig wissenschaftliche Belege über die Blutwäsche als Therapieform.

Belege seien allerdings zwingend, sonst laufe man Gefahr, in eine Zweiklassenmedizin abzudriften. «Wir müssen aufpassen, dass man kein Schindluder mit diesen verzweifelten Menschen betreibt und ihnen – ich sage das jetzt mal provokativ – getrocknete Skorpione für 300 Euro als Erfolg versprechende Heilkur gegen Long Covid anpreist. Die Betroffenen klammern sich gerade an jeden Strohhalm.»

So funktioniert eine Blutwäsche
Bei der Behandlung fliesst das Blut via Kanüle aus der Armvene in ein Gerät und wird dort gereinigt. So will man krankheitsverursachende Stoffe entfernen. Danach wird das saubere Blut zurück in den Arm gepumpt. Das ist der Grundsatz.

Nun gibt es unterschiedliche Arten: Die Blutwäsche, die die deutsche Ärztin Beate Jaeger bei Long-Covid-Betroffenen anwendet, heisst Help-Apherese: Dabei wird das Blut in erster Linie entfettet. Entwickelt wurde die Methode, um Herzinfarkten vorzubeugen.

Auch die Deutsche Gesellschaft für Nephrologie bestreitet die Wirkung der Blutwäsche bei Long Covid. Im Februar 2022 schrieb sie, dass es weder eine plausible Rationale noch wissenschaftliche Evidenz dafür gebe. Zudem hat bis jetzt kein namhaftes Medizinjournal die Studien von Beate Jaeger publiziert.

Im Rollstuhl angekommen

Doch die Therapie scheint grossen Anklang zu finden. Gegenüber «Spiegel TV» sagt Jaeger, dass Tausende auf ihrer Warteliste stehen würde. Aus der Schweiz, Norwegen, Schweden, Frankreich, England und den USA kämen Betroffene zu ihr, die anderswo keine Hilfe gefunden haben. Im Videobeitrag von Spiegel sagt ein Patient von Jaeger: «Ich kam im Rollstuhl und nach einer Behandlung bin ich rausmarschiert. Unglaublich.»

Das Feedback auf die Therapie fällt gemischt aus. Die Patientenorganisation Long Covid Schweiz sammelt Rückmeldungen und schreibt, einige Betroffene würden von einer Besserung nach der Behandlung berichten, andere wiederum von einer Verschlechterung ihrer Symptome.

Kostspielige Therapie

Zwei bis drei Behandlungen seien bei Ärztin Jaeger mindestens nötig, um die Symptome zu lindern. In anderen Fällen reicht das nicht aus und die Patientinnen und Patienten wiederholen die Therapie monatelang. Die Kosten: Rund 1500 Euro pro Behandlung.

In Schweizer Kliniken wird die Blutwäsche bislang nur vereinzelt angeboten. Die Zürcher Nierenspezialistin Renata Linkesch gehört zu denen, die von der Methode überzeugt ist. Gegenüber SRF «Puls» sagt sie, dass sogar sechs bis zehn Behandlungen nötig sind – zu je 2000 Franken.

Das geht ins Geld. Die Krankenkassen übernehmen die Kosten für die Blutwäsche als Therapie von Long Covid nicht. Entsprechend müssen Betroffene selber zahlen.

Ein Dilemma für Menschen mit Long Covid, denn die eine, wirksame und zugelassene Therapie gibt es nicht. Wer nicht täglich unter den Symptomen leiden will, greift zu allerlei Mitteln.

Der Bündner Arzt und Long-Covid-Spezialist Gregory Fretz versteht, dass die Situation frustrierend ist. «Forschung braucht Zeit. Das aushalten zu können ist für Betroffene wie auch für uns Betreuende nicht einfach», sagt Fretz gegenüber SRF «Puls». Gut 100 Studien in diesem Bereich sind derzeit öffentlich registriert. Keine hat den Durchbruch bringen können.

Die Blutwäsche ist nur eine von vielen möglichen Angeboten. So versucht man an der deutschen Universitätsklinik in Erlangen, Long-Covid-Betroffene mit dem Herzmedikament BC 007 zu behandeln. Ein Off-Label-Use: Das Medikament ist dafür noch nicht zugelassen. Ähnlich ist es bei der Sauerstofftherapie mit dem Kurznamen HBO. Dabei gehen Long-Covid-Erkrankte für mehrere Stunden in eine Druckkamer und atmen reinen Sauerstoff ein. Auch diese Methoden sind nicht ausreichend erforscht und die Krankenkassen zahlen die Behandlungskosten nicht.

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34 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Skuld
20.03.2022 23:20registriert Mai 2016
Mir hilft, nur noch 1x am Tag (gesund + frisch) essen. Histamin meiden. 1-2 Stunden länger schlafen als früher. Dazu leichter Sport und genug Entspannung.
Damit geht's mir zusehends besser. Es gibt noch Rückfälle. Meine Beine schmerzten seit Covid auf einer 1-10-Skala chronisch auf 10. Gehen war schier unmöglich. Jetzt bin ich etwa auf 2, manchmal sogar schon 0 und immer seltener kurz auf 4-6. Letzteres nur, wenn ich mehr als 1xTg esse, zu wenig schlafe oder zu viel Histamin erwische.
Auch alle anderen Symptome stehen und fallen damit.

Das erzähl ich hier, falls es evtl. auch anderen hilft.
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Nordkantonler
20.03.2022 12:52registriert September 2020
Auch nicht obskurer als das Bouquet pseudo-wissenschaftlicher Scharlatanerie in der Schweiz: Homöopathie, Akupunktur, Cranio-Sakrale Therapie gibt es hüben wie drüben an jeder Strassenecke - und wird sogar noch von vielen Krankenkassen (und damit der Allgemeinheit) finanziert.
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Delos
20.03.2022 14:28registriert August 2016
Solange Studien nicht peer-reviewed sind, sollte man die Finger davon lassen.
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Regisseur Marc Forster: «Ich würde gerne einmal etwas in der Schweiz drehen»
Der Regisseur erzählt im Gespräch, warum er in seinem neuen Film ausgerechnet den netten Tom Hanks als Grantler besetzt hat. Und er sagt, was es bräuchte, um einen Blockbuster wie «The Lord of the Rings» in den Schweizer Bergen zu drehen.

Sie sind in Deutschland geboren, als Kind in die Schweiz gezogen, dort im Internat gewesen und mit Anfang 20 in die USA ausgewandert. Was bedeutet Heimat für Sie? Wo fühlen Sie sich zu Hause?
Marc Forster: Meine ursprüngliche Heimat war Davos. Dort bin ich zur Grundschule gegangen, dort habe ich mich in die Berge und die Natur verliebt, dort aufzuwachsen, war ein Traum. Nach der Matura bin ich in die USA ausgewandert, war zuerst in New York, dann in Los Angeles. Ich habe Kalifornien wahnsinnig gerne, aber ich würde nicht sagen, dass das meine Heimat ist. Während ich Filme drehe, bin ich schliesslich meist woanders auf der Welt und nur zwei, drei Monate hier. Insofern sehe ich in meinem Herzen immer noch die Schweiz als Heimat an.​

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