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Interview

Gendermedizin: Schweiz ist Schlusslicht im internationalen Vergleich

Prof. Dr. med. Dr. sc. nat. Catherine Gebhard, Leitende Ärztin, Universitätsklinik für Kardiologie, Inselspital Bern. Kardiologin und Gendermedizinerin.
Catherine Gebhard ist leitende Ärztin am Inselspital Bern. Daneben erforscht sie geschlechterspezifische Unterschiede bei Herzkrankheiten.Bild: Insel Gruppe
Interview

«Die Schweiz ist in der Gendermedizin das Schlusslicht»

Der Ständerat diskutiert am Dienstag zum zweiten Mal über Frauen als Ausnahmen in der Medizin. watson hat die Gendermedizinerin Catherine Gebhard gefragt, warum Frauen öfter Fehldiagnosen und Nebenwirkungen bekommen als Männer.
14.03.2023, 08:5815.03.2023, 07:36
Elena Lynch
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Frau Gebhard, Sie sind Kardiologin. Warum ist die Wahrscheinlichkeit, eine Fehldiagnose bei einem Herzinfarkt zu erhalten, bei Frauen höher als bei Männern?
Catherine Gebhard: Dafür gibt es mehrere Gründe. Frauen können zwar wie Männer bei einem Herzinfarkt Druck in der Brust sowie Schmerzen in den Armen und Schultern verspüren, doch bei ihnen kommen untypische Symptome wie Atemnot, Bauchschmerzen, Übelkeit hinzu. Das macht das Ganze schwieriger.

Für wen?
Sowohl für die Frauen, welche die Symptome rechtzeitig deuten und Hilfe beanspruchen müssen, als auch für die Ärzteschaft und das Pflegepersonal. Oft kommt es zu verheerenden Verzögerungen. Herzinfarkt gilt als typische Männerkrankheit. Bei Frauen rechnet man immer noch weniger damit, dass sie einen Herzinfarkt haben, als bei Männern, sodass er oft zu spät erkannt wird.

Gefährdet Frausein die Gesundheit?
Eigentlich sind Frauen, was den Herzinfarkt betrifft, im Vorteil. Biologisch sind unsere Gefässe vor der Menopause dank des Östrogens besser geschützt. Und wir leben länger. Der Nachteil kommt eher dadurch zustande, dass das Frausein in der Medizin zu wenig berücksichtigt wird. Aber an sich ist Frausein keine Gefahr für die Gesundheit.

Dass Frauen und Männer unterschiedlich erkranken, weiss man schon seit 30 Jahren – nicht nur beim Herzinfarkt. Und doch ist dieses Wissen im Alltag noch nicht angekommen. Warum?
Es gibt viele Beobachtungsstudien, die diese Unterschiede belegen. Doch die Erkenntnisse werden in den medizinischen Leitlinien kaum berücksichtigt und nicht weitergegeben, an die Studierenden, die Ärzteschaft, die Pflegenden. Und so finden sie keinen Einzug in den klinischen Alltag.

Die Forschung wird noch immer mehrheitlich an männlichen Zellen und Tieren gemacht. Warum ist der Mann der Prototyp in der Medizin?
Es ist einfacher, nur ein Geschlecht zu untersuchen. Gerade bei Herz-Kreislauf-Krankheiten ging man lange davon aus, dass vor allem Männer davon betroffen sind, also sah man keinen Anlass, auch weibliche Zellen und Tiere zu untersuchen. Auch sind Kosten und die Anzahl der Tierversuche ein wichtiger Punkt – man will aus ethischen Gründen möglichst wenig Tierversuche machen.

Auch wurde lange angenommen, dass Frauen und, bei Tierversuchen, Weibchen durch ihren Hormonzyklus eine höhere Streubreite der Daten verursachen.
Das wurde mittlerweile widerlegt und ist auch kein Grund, weibliche Zellen und Tiere aus der Grundlagenforschung auszuschliessen.

«Patientinnen sind eher bereit, an einer Forschungsstudie teilzunehmen, wenn die Studienleitung eine Frau ist.»

Sollte man sie nicht gerade deswegen berücksichtigen, weil ihre Körper eigene Bedürfnisse haben?
Doch. In vielen Ländern muss man bereits begründen, warum man eine Studie nur an einem Geschlecht durchführt. In der Schweiz gibt es hierzu erste Ansätze der Ethikkommissionen, bei Förderinstitutionen wie dem Schweizerischen Nationalfonds (SNF) fehlen diese Vorgaben jedoch. Das ist schade, da sich der SNF auf Ebene der Forschenden sehr für Gleichberechtigung einsetzt, indem er darauf achtet, dass Forschungsgelder gleichmässig an weibliche und männliche Forschende verteilt werden.

Warum ist das wichtig?
Es interessieren sich überwiegend Forscherinnen für Geschlechterunterschiede in der Medizin. Darum ist das Thema Gleichberechtigung auch für die Gendermedizin wichtig. Patientinnen sind eher dazu bereit, an einer Forschungsstudie teilzunehmen, wenn die Studienleitung eine Frau ist. Das ist relevant, weil Patientinnen vor allem bei Medikamentenstudien unterrepräsentiert sind. Die Anzahl der Patientinnen in den Studien muss unbedingt erhöht werden, damit wir bessere geschlechtsspezifische Daten bekommen zu Medikamenten, ihren Wirkungen und Nebenwirkungen.

Laut Bundesamt für Statistik (BfS) nehmen Schweizerinnen (55 Prozent) mehr Medikamente ein als Schweizer (45 Prozent). Oft bräuchten sie aber andere Dosierungen.
Immer mehr Daten zeigen, dass Frauen öfter als Männer von niedrigeren Dosierungen profitieren würden. Dies wurde zum Beispiel für gewisse Herzmedikamente gezeigt. Auch bei der Influenza-Impfung hat man festgestellt, dass Frauen schon nach der halben Impfdosis die gleiche Menge Antikörper produzieren wie Männer mit der vollen Dosis. Frauen haben ein stärkeres Immunsystem als Männer, das könnte für die unterschiedliche Antikörperproduktion verantwortlich sein.

Wirkt sich eine vermeintliche Überdosierung auch auf die allfälligen Nebenwirkungen aus?
Frauen sind nicht immer überdosiert. Bei dem Narkosemedikament Propofol benötigen Frauen etwa eine höhere Dosis als Männer, um den gleichen Effekt zu erzielen. Auch kommen Resistenzen gegen den Blutverdünner Aspirin häufiger bei Frauen vor, und das Schmerz- und entzündungshemmende Medikament Ibuprofen ist weniger wirksam bei Frauen.

Aber Frauen haben fast doppelt so oft Nebenwirkungen wie Männer.
Ja. Eine Studie zeigte, dass Frauen, die Medikamente für Herzschwäche einnehmen, am meisten profitieren, wenn sie nur 40 bis 60 Prozent der empfohlenen Dosis einnehmen. Eine andere Studie hat 88 Medikamente getestet und in 90 Prozent der Fälle festgestellt, dass sich die Wirkstoffe im Körper von Frauen und Männern anders verteilen und abbauen. Das hängt unter anderem mit Geschlechterunterschieden bei Muskelmasse, Blutvolumen, Fett- und Wasserhaushalt zusammen. Werden diese Unterschiede nicht beachtet, können Frauen mehr Nebenwirkungen erleiden.

Haben Sie ein Beispiel?
Frauen setzen cholesterinsenkende Medikamente wegen der Nebenwirkungen häufiger ab als Männer, mit der Konsequenz, dass sie dann gar nicht behandelt werden. Das ist ungünstig. Wir wollen ja, dass alle eine Behandlung bekommen, die auf sie zugeschnitten ist, Frauen wie Männer, mit möglichst geringen Nebenwirkungen.

Und trotzdem interessieren sich vor allem Frauen für die Gendermedizin. Während sie im Studium 60 Prozent ausmachen, besetzen sie später nur 12 Prozent der Professuren in der Schweiz. Was bedeutet das für die Forschung?
Für die Forschung geht ein grosser Talentpool und viel Potenzial verloren, wenn die Karrieren der Frauen in der Medizin aus den üblichen Gründen einen Knick bekommen. Ihre Ideen versickern. Man könnte auch die Männer überzeugen, dass die Gendermedizin für sie ebenso wichtig ist wie für Frauen, aber da müssen wir noch Arbeit leisten. (lacht)

«Gendermedizin beachtet die Unterschiede, die es zwischen Männern und Frauen bei der Entstehung und dem Verlauf von Krankheiten gibt.»

In welchen Bereichen sind die Männer denn medizinisch benachteiligt?
Bei einigen psychiatrischen Erkrankungen oder auch bei Knochenerkrankungen. Osteoporose gilt zwar als Frauenkrankheit, aber Männer können daran ebenso erkranken und wenn, dann oft mit fataleren Folgen. Auch die Pandemie hat uns gezeigt, dass Frauen und Männer unterschiedlich auf das Coronavirus reagieren: Männer sind schwerer erkrankt und öfter gestorben, das hat sich weltweit gezeigt, während Frauen häufiger an Long Covid leiden. Von einem besseren Verständnis, warum das so ist, würden auch Männer profitieren.

Gendermedizin ist also keine Frauenmedizin.
Nein. Bei der Gendermedizin – auch geschlechtsspezifische oder gendersensible Medizin genannt – geht es darum, die Unterschiede, die es zwischen Männern und Frauen bei der Entstehung und dem Verlauf von Krankheiten gibt, zu beachten. Die Frauenmedizin deckt typischerweise die gynäkologischen Krankheitsbilder ab, also Erkrankungen, die biologisch nur Frauen betreffen. Doch Gendermedizin ist für beide Geschlechter da.

Sie haben das Coronavirus als jüngstes Beispiel erwähnt, bei dem Frauen und Männer unterschiedlich erkrankt sind. Die Debatte erreichte eine breite Öffentlichkeit. Hat die Pandemie der Gendermedizin einen Schub gegeben?
Definitiv! Aber wir haben immer noch keine guten Antworten, warum Frauen und Männer anders auf das Virus reagiert haben. Dazu fehlt uns jetzt jahrzehntelange Forschung, die wir nicht in zwei Jahren Pandemie nachholen können.

Was braucht es, damit Frauen in der Medizin besser behandelt werden?
Gendermedizin wird im klinischen Alltag noch nicht angewandt. Damit sich das ändert, braucht es, wie zuvor erwähnt, qualitativ hochwertige Daten aus der Grundlagenforschung und den Medikamentenstudien. Und die Gendermedizin muss in der Lehre verankert werden.

Gibt es Universitäten in der Schweiz, die bereits gendersensibel unterrichten?
In den letzten drei bis vier Jahren hat sich sehr viel getan an den Schweizer Universitäten. In Zürich haben wir ein Mantelstudium Gendermedizin eingerichtet. Zudem gibt es dort eine Kommission, die sich darum bemüht, Inhalte der Gendermedizin in die Vorlesungen zu integrieren. Und auch in Luzern wird Gendermedizin unterrichtet. Kolleginnen aus Lausanne haben schon vor Jahren darauf bestanden, dass das Thema Geschlecht in den medizinischen Lernzielkatalog der Schweiz aufgenommen wird, und setzen dies auch zunehmend um.

«Gerade für Hausärztinnen und Hausärzte wäre Gendermedizin wichtig, aber die erreichen wir kaum.»

2020 arbeiteten in der Schweiz rund 38'500 Ärztinnen und Ärzte – viele auch abseits der grossen Spitäler und Städte. Hat die Gendermedizin auch schon einen Hausarzt im Wallis erreicht?
Nein. Seit drei Jahren gibt es in der Schweiz einen Weiterbildungskurs (CAS) für Gendermedizin. Den haben wir bewusst als Weiterbildung aufgebaut, weil wir damit Personen im Gesundheitssystem erreichen wollen, die ihr Medizinstudium oder ihre Ausbildung schon länger hinter sich haben. Gerade für Hausärztinnen und Hausärzte wäre das Thema wichtig, aber die erreichen wir kaum.

Der CAS kostet 10'000 Franken, dazu muss man dann schon sehr motiviert sein, mehr über Gendermedizin zu erfahren.
Es ist ein Kosten- und Zeitproblem, ja, diese Rückmeldung habe ich auch erhalten. Aber günstiger können wir den CAS nicht anbieten – irgendwie muss dieser ja auch finanziert werden. Aber auch hier könnte der Staat abhelfen, indem er die Weiterbildung subventioniert. Wir bieten bereits eine maximale Anzahl an gesponsorten Plätzen an.

Sie sagten, es braucht Forschung, Lehre, Umsetzung. Was noch?
Die Unterstützung der Politik.

Warum?
Wir sind Einzelkämpferinnen. Es gibt Gendermedizinerinnen in Basel, Bern, Lausanne, Genf und Zürich, die sich in den vergangenen fünf Jahren vernetzt und die digitale Plattform GEMS zum Austausch von Lehrmaterialien zur Gendermedizin geschaffen haben. Bis spätestens Ende dieses Jahres wird es an der Universität Zürich einen Gendermedizin-Lehrstuhl geben. Auch ein nationaler Forschungsschwerpunkt Gendermedizin ist im Gespräch. Es braucht nun Unterstützung durch die Politik und einen Top-Down-Approach, damit wir weiterkommen.

«Wir wissen immer noch nicht, warum Frauen und Männer unterschiedlich erkranken. Täglich sterben Menschen deswegen.»

Der Bundesrat verweist in einer Stellungnahme zu einer Motion aber auf das Bottom-Up-Prinzip: Forschende hätten die Möglichkeit, beim SNF oder bei Innosuisse Gelder zu beantragen.
Wir reichen schon seit Jahren beim SNF und bei Innosuisse Projekte ein! Meine Professur an der Universität Zürich war etwa eine Förderprofessur vom SNF. Aber befristete Professuren bringen nur bedingt etwas. Es braucht nationale Gelder, damit endlich etwas Dauerhaftes entstehen kann. Sonst werden wir von den anderen Ländern und von den Ereignissen im eigenen Land überrollt. Die Pandemie hat es uns deutlich vor Augen geführt: Wir wissen immer noch nicht, warum Frauen und Männer unterschiedlich erkranken. Täglich sterben Menschen deswegen. Das darf nicht sein.

Wo steht die Schweiz in der Gendermedizin im internationalen Vergleich?
Sie ist Schlusslicht.

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88 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Q.E.D.
14.03.2023 09:19registriert Dezember 2021
«Frausein keine Gefahr für die Gesundheit»

Ein Verb wartet an der Migros-Kasse 3 und sucht seinen Satz.
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cereza
14.03.2023 12:12registriert Februar 2023
Wieso spricht man hier von Gendermedizin und nicht von geschlechtsspezifischer Medizin? Es geht hier doch eindeutig um biologische Unterschiede, die Identifikation mit einem vom biologischen Geschlecht abweichenden Gender ist bzgl. geschlechtsspezifischen Erkrankungen, Symptomen und Verträglichkeiten weitgehend irrelevant - Transmenschen stellen einen Sonderfall dar wegen der permanenten Einnahme von Hormonen. Allerdings dürften sich Studien nur für diese Gruppen als schwierig erweisen, da die Zahl potentieller freiwilliger Studienteilnehmer zu klein ist.
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Stax Mirner
14.03.2023 11:13registriert Mai 2020
Die ganze Chose sollte nicht Gendermedizin genannt werden. Es geht ja schliesslich um biologische Unterschiede der Geschlechter und nicht um die Identifikation mit einem sozialen Geschlecht.
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