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Interview

«Somm kommt an der Fasnacht dran, dass es tätscht! Und die BaZ sowieso»

An der Fasnacht im solothurnischen Mümliswil haben Unbekannte ein fremdenfeindliches Flugblatt verteilt. Für Felix Rudolf von Rohr, Ex-Obmann des Basler Fasnachts-Comités, ist damit jegliche Grenze närrischen Humors überschritten worden. Ein Gespräch über Turnhallen-Fasnachten, die Stimme des Volkes und Kafi Lutz.
01.03.2017, 13:5402.03.2017, 04:01

Das war der Morgenstreich 2016:

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Tausende Fasnächtler kommen zum Morgenstreich nach Basel
quelle: keystone / georgios kefalas
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Felix Rudolf von Rohr, meinem Chef zuliebe lasse ich mir die Basler Fasnacht erklären, ich kann damit ehrlich gesagt herzlich wenig anfangen.
Ihr Chef ist Basler?

Ja, und wie!
Ihr habt einen Basler und wir den Somm? Na toll! Aber sagen Sie, warum können Sie nichts mit der Fasnacht anfangen?

Felix Rudolf von Rohr ist ein Urgestein der Szene: Der frühere CVP-Grossratspräsident und jahrelanger Obmann des Fasnachts-Comités beschäftigt sich wie kein zweiter mit der Frage, was eine gute Fasnacht ist.
Felix Rudolf von Rohr ist ein Urgestein der Szene: Der frühere CVP-Grossratspräsident und jahrelanger Obmann des Fasnachts-Comités beschäftigt sich wie kein zweiter mit der Frage, was eine gute Fasnacht ist.

Das Beispiel Mümliswil zeigt doch: Fasnacht ist zu viel Geschmacklosigkeit gepaart mit zu viel Rassismus in einer nach Bier und Schweiss stinkenden Turnhalle.
Dann haben Sie ein völlig falsches Bild der Fasnacht! Beziehungsweise, Sie haben das richtige Bild der falschen Fasnacht. Jener Fasnacht, an der die Fasnächtler besoffen und primitiv sind, sich auf die Schnurre geben und blöd tun. Gewisse Leute meinen ja, die Fasnacht sei ein Anlass, um zu saufen und über die Stränge zu schlagen. Davon habe ich schon gehört, ja.

Ich eben auch.
Aber ich kenne das nicht. Weil ich immer in Basel war.

Reden wir noch nicht über die Basler Fasnacht. Können Sie mir und sich die Turnhallen-Fasnachten erklären?
Vielleicht ist das ein Verständnis der Fasnacht, was sie vom Namen her ist: das letzte Aufbäumen, bevor die Fastenzeit beginnt. Ab dem Mittelalter hiess das: Jetzt können wir richtig auf die Pauke hauen, alles rauslassen, denn danach müssen wir anständig sein. Das ist vielleicht die Grundlage dafür, dass Leute die Fasnacht heute als Freipass nehmen, um sich daneben zu benehmen.

Und in Basel benimmt sich niemand daneben?
In Basel weiss man, was sich gehört. Dass es bei 20'000 aktiven Fasnächtlern irgendeinen gibt, der mal einen Fehler macht, ist möglich. Aber sonst weiss die Basler Fasnacht, was Anstand und Correctness ist und wo die Grenzen liegen.

Wo liegen die Grenzen?
Primitives, rassistisches und pornografisches hat an der Fasnacht keinen Platz. Dass so etwas wie in Mümiswil passiert ist, «gheert sich eifach nit».

Und was kann man solchen Auswüchsen entgegenhalten? 
Die Basler Fasnacht.

Aktive am Morgenstreich 2016.
Aktive am Morgenstreich 2016.
Bild: KEYSTONE

Okay, ich habe verstanden. Erklären Sie mir die Basler Fasnacht.
Die Basler Fasnacht hat, auch wenn sie ein liebenswertes und freudiges Familienfest ist, einen intellektuellen und hoch politischen Anspruch. An der Fasnacht wird Correctness gewahrt – aber scharfe, spitzige Kritik ausgeübt. Es ist die Aufgabe des Hofnarren, der Basler Fasnacht, den Mächtigen im richtigen Moment den Spiegel vorzuhalten und die Dinge beim Namen zu nennen. Die Basler Fasnacht ist die Vox Populi, die Stimme des Volkes.

Vox Populi? Sind die Basler Fasnächtler nicht ein erlauchter Kreis, in den man kaum reinkommt? Mit einem sogenannten ‹Comité›, das alles bestimmt?
Meine Güte, nein! Das Comité bestimmt nichts, es fungiert als Dienstleistungsbetrieb und Koordinationsstelle.

Also gut. Aber wird man einfach so Fasnächtler?
Nun ja, kommt darauf an, mit welcher Haltung man da antanzt. Es gibt selbstverständlich eine klare Trennung zwischen Aktiven und Passiven, also den Verkleideten und den Zivilen. Die Basler Fasnacht ist ja kein allgemeines Festival, an dem alle mitmachen, sich eine glatte Nase ankleben und zusammen saufen. Die Basler Fasnacht ist eine Vorführung mit einem Publikum. Sie behandelt Themen, kritisch, mit Humor, und präsentiert diese. Das heisst aber nicht, dass jemand, egal woher er kommt, nicht an der Fasnacht mitmachen kann. Wir haben drei oder vier Deutsche in der eigenen Clique, einer hat Pfeifen gelernt, der andere will mitarbeiten, einer ist sogar der Sujet-Obmann. Die sind herzlich willkommen, keine Frage.

Gut, man darf also Deutscher sein. Muss man bieder, konservativ und traditionalistisch sein?
Es gibt solche, aber das ist ein Pauschalurteil, das überhaupt nicht auf alle zutrifft. Ich werde oft gefragt, wie sich die Basler Fasnacht verändert hat. Und ich sage dann: Nur die Technik hat sich verändert. Die Laternen, Instrumente, das Material. Der Inhalt aber, der ist gleich geblieben. 

Die Clique Barbara-Club an der Generalprobe der Vorfasnachtsveranstaltung Drummeli im Musical Theater in Basel.
Die Clique Barbara-Club an der Generalprobe der Vorfasnachtsveranstaltung Drummeli im Musical Theater in Basel.
Bild: KEYSTONE

Also doch sehr traditionalistisch.
Die Fasnächtler machen sich ja auch selber lustig über sich, wenn sie über etwas gesagt haben, es sei Tradition, obwohl es ein längst überholter Seich ist. Da ist also auch viel Selbstkritik dabei. Es ist sehr schwer zu definieren, was die wichtigen Werte sind, die die Basler Fasnacht traditionell halten, und was sich ändern muss.

«Schnaps ist Schnaps und Dienst ist Dienst – das gilt hier nicht.»

Und welches sind die wichtigen Werte?
Die zentrale Rolle des kritischen Hofnarren, die soziale Komponente, die Darstellung, die Musik und das Wort.

Was meinen Sie mit der sozialen Komponente?
Die Basler Fasnacht bringt jung und alt, reich und arm, links und rechts, Professor und Hilfsarbeiter zusammen. An der Fasnacht versteht man sich, redet miteinander, und: es hält an. In Mainz gibt es diesen Zusammenschluss zum Beispiel auch, da verbrüdern sich alle, saufen miteinander und finden's glatt. Aber dann heisst es: Schnaps ist Schnaps und Dienst ist Dienst, hier Direktor, da Portier. In Basel aber sagt der Direktor dem Portier auch nach der Fasnacht noch «du».

Sie erwähnten neben der sozialen Komponente die politische. Wie politisch ist die Fasnacht? 
Das ist abhängig vom Zeitgeist. In kritischen Zeiten ist die Fasnacht natürlich bissiger. Aber, das ist wichtig: Sie ist politisch, nicht parteipolitisch.

Das heisst?
Die Fasnacht ist nicht einseitig politisch. Wir kritisieren einfach jegliche Auswüchse der Politik. Ich darf mich über den Sozi genau so lustig machen wie über den Freisinnigen. Über die SVP vielleicht noch ein bisschen mehr, aber das ist ein anderes Thema.

Ja, apropos SVP: Der «Tagesanzeiger» schrieb letztes Jahr, die Fasnacht sei mitverantwortlich dafür, dass Christoph Blocher in Basel Fuss fassen konnte, BaZ-Chefredaktor Markus Somm ebenso.
Im Gegenteil! Niemand kommt an der Fasnacht so oft dran wie Somm oder Blocher. Gut ja, es gab mal einen bekannten Schnitzelbänggler, der ein strammer Genosse von Ospelt, Somm und Blocher war. Aber ich kann Ihnen versprechen: Somm kommt an der Fasnacht dran dass es tätscht! Und die BaZ als solche sowieso. Grundsätzlich gilt aber: Wenn ein Politiker an der Fasnacht nicht drankommt, ist etwas nicht gut. Das kann witzig sein, liebeswürdig, kleine Schwächen hervorheben – sei es, dass er blöd rumlauft oder nicht gut reden kann – harmlose Dinge, oder eben auch ernsthafte Kritik.

«Dr Spitzbueb» mit einem Bangg über Markus Somm am Auftritt des Comité-Schnitzelbängg an der Fasnacht.
«Dr Spitzbueb» mit einem Bangg über Markus Somm am Auftritt des Comité-Schnitzelbängg an der Fasnacht.
Bild: KEYSTONE

Schauen die Fasnächtler auch über die Grenze? 
Klar. Die Gewalt auf der Welt, die Schieflage von arm und reich. Und der Rechtspopulismus. Ich war gerade an der Fasnacht in Lörrach, das ist eine deutsche Fasnacht. Dort wurde in einer Ernsthaftigkeit klipp und klar Kritik an der braunen Gefahr ausgeübt. Trump, Orban, Le Pen, Wilders, die AfD in Deutschland. Die machen den Menschen Angst. Und wie man so schön sagt: Die beste Waffe gegen Macht ist, wenn man offen darüber lacht.

Was löst das aus?
Der Hofnarr hält also den Spiegel vor, regt die Diskussion an. Wenn etwas gut beim Publikum ankommt, hat er offenbar einen wunden Punkt getroffen. Deshalb eben Vox Populi.

«Die Aufgabe des Hofnarren ist es, im Schutz der Maske die Wahrheit zu sagen.»

Halten Sie diese Stimme des Volkes für repräsentativ?
Absolut.

Man kann also an der Fasnacht rausfinden, was die Schweiz bewegt?
Ja, das ist der Zweck des Hofnarren. Seine Aufgabe ist es, im Schutz der Maske die Wahrheit zu sagen. Diese Anonymität ist ein wichtiger Teil der Basler Fasnacht. Man könnte jetzt behaupten, das ist fake. Aber nein, wenn man die Aussage richtig verpackt, kritisch und bissig kommentiert, mit Verweis auf mögliche Lösungen, dann darf man alles sagen, im Schutz der Maske, die der Narr eben hat.

Hatte die Basler Fasnacht jemals Nachwuchsprobleme?
Wir kennen nur die Zahlen jener, die an den Umzügen am Nachmittag mitmachen. Die sind beim Comité angemeldet. Das sind seit Jahren 11'000 bis 12'000 Leute. Tatsächlich ist es bei der jungen Garde teilweise schwierig. Logisch: Einer lernt Drummle, merkt, dass er üben und üben muss, weil Drummle ein wahnsinnig schwieriges Instrument ist, und sagt dann irgendwann: Das stinkt mir, ich geh lieber skateboarden. Dann vielleicht erst, nach einer Weile, merkt er, doch, die Fasnacht ist etwas Glattes, da ist Geist drin. Deshalb: Es gibt da diese Lücke, aber insgesamt haben wir kein Nachwuchsproblem.

Eine hochseriöse Sache. Eines geht mir aber nicht auf: Sie sagten, ursprünglich seien die Fasnachten ein «auf den Putz hauen» vor der Fastenzeit gewesen. Dann wären ja genau die Turnhallen-Fasnachten die «originalen Fasnachten» und nicht die anständige Basler Fasnacht.
Erstens ist nicht überliefert, welches die erste Fasnacht war, fasnächtliche Bräuche gab es seit dem späten Mittelalter, ob ländlich oder in den Städten, bleibt umstritten. Zweitens hatte die Basler Fasnacht immer einen speziellen Stellenwert.

Warum? 
Mit der Reformation wurden Fasnachten verboten. Sie seien des Teufels, so die Begründung. In Basel hat die Fasnacht trotzdem weiter existiert, in einer anderen Form. Basel hat eine sehr protestantische Fasnacht. Das ist historisch.

«Dass die ein bisschen mehr trinken als die Basler, liegt wohl einfach daran, dass die Innerschweizer Kafi Lutz mögen.»

Und ich dachte, Fasnacht hätte einen katholischen Hintergrund?
Nein. Die Herrenfasnacht ist diejenige Fasnacht, die gestern zu Ende ging, am Dienstag nach dem Rosentag. Die «alte Fasnacht» aber, die Bauernfasnacht, findet erst jetzt statt. Liestal, Weil am Rhein, die haben erst am nächsten Sonntag Fasnacht. Basel ist noch später. Das hat einen historischen Hintergrund.

Welchen?
In der Geschichte gibt es zwei Längen der Fastenzeit, die eine hat das Konzil in Nikea 325 n. Chr. auf 40 Tage vor Ostern festgelegt. Das Konzil von Benevent lockerte die Fastenzeit: Am Sonntag soll man essen dürfen, dafür geht sie 46 Tage, vom Aschermittwoch bis Ostern.

Was ist eigentlich mit den anderen Fasnachten, der Ostschweizer, der Luzerner Fasnacht?
Die Ostschweizer Fasnacht kenne ich nicht, aber sie geniesst den Ruf, dass dort ein bisschen viel gesoffen wird, man sich auf die Schnurre gibt und fremdgeht. Der Unterschied zwischen dem Rheinischen Karneval – und den kann man beliebig beispielsweise auch mit der Ostschweizer Fasnacht ersetzen – und der Basler Fasnacht ist: An der Basler Fasnacht zieht man sich an – maskiert sich also – und am Karneval zieht man sich aus. Die Luzerner Fasnacht fand ich beim letzten Besuch recht originell und witzig. Dass die ein bisschen mehr trinken als die Basler liegt wohl einfach daran, dass die Innerschweizer Kafi Lutz mögen.

Fassen wir zusammen: Für Sie ist Basel die anständigste, intellektuellste, politischste – kurz beste Fasnacht der Welt.
Das ist lätz! Basel ist eine spezielle Fasnacht, sie ist anders. Wenn sie Rio de Janeiro anschauen, Binche in Belgien, Rijeka in Kroation, und, und, und – da gibt es grossartige Fasnachten, die einfach einen anderen Charakter haben. Es kommt nicht von ungefähr, dass es bereits 16 Fasnachten der Welt auf die Liste der immateriellen Kulturgüter der Menschheit bei der UNESCO geschafft haben. Dieses Jahr wird höchstwahrscheinlich auch die Basler Fasnacht aufgenommen. 

Die Fasnacht als Weltkulturerbe? Ich gebe auf. Wir sehen uns am Morgenstreich.

Cliquen, Menschenmassen und Alkoholleichen: Das ist der Morgestraich in Basel

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