Schweiz
Interview

Biber in der Schweiz: Warum führt er zu Konflikten?

Ein Biber frisst Aeste und Wurzeln, fotografiert am Montag, 12. Februar 2024 am Andreasgraben in Zuerich Oerlikon. (KEYSTONE/Christian Beutler)
Die Biberpopulation hat sich in den letzten 20 Jahren stark entwickelt.Bild: KEYSTONE
Interview

«Mittlerweile finden wir Biber in Kläranlagen und in der Kanalisation»

Der Bundesrat will die Biber abschiessen dürfen. Der Adjunkt Jagd vom Kanton Zürich, Jürg Zinggeler, darüber, warum der Biber zu Konflikten führt. Und wie teuer die Biber-Schäden jährlich sind.
14.04.2024, 22:4815.04.2024, 06:28
Anna Kappeler / ch media
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Was ist das Problem mit dem Biber? Er ist doch eine Biodiversitätsmaschine.
JÜRG ZINGGELER:
Absolut. Der Biber sorgt gratis für Biodiversität – ein Anliegen, für das man sonst viel Geld in die Hand nehmen muss. Allerdings breitet sich der Biber in unserer – gerade im Mittelland dicht besiedelten – Landschaft aus. Das führt zu Konflikten.

Zu welchen konkret?
Der Biber baut Dämme. In den zum Teil stark begradigten Bächen führt das schnell zu Rückstau in den Fliessgewässern und in den Drainagen. Dies kann zu Überschwemmungen in den landwirtschaftlichen Kulturen führen. Zudem gräbt der Biber sehr gerne. Sein Zugang zum Bau ist immer unter Wasser. So können Flurwege entlang von Fliessgewässern einstürzen oder sogar Kantonsstrassen gefährdet sein.​

Bei der Abstimmung des Jagdgesetzes im Herbst 2020 war der Biber noch geschützt. Jetzt soll er abgeschossen werden dürfen. Hat sich das Tier in diesen dreieinhalb Jahren so stark vermehrt?
Auf drei Jahre hinaus kann ich das nicht bestätigen. Klar ist: Die Biberpopulation hat zugenommen. Das letzte nationale Monitoring 2022 für die Schweiz zeigt, dass sich die Biberpopulation in den letzten 20 Jahren famos entwickelt hat. Heute leben laut Bundesamt für Umwelt Bafu rund 4900 Biber in der Schweiz. Und die Biberpopulation ist dreimal grösser als 2008. Lassen Sie es mich so sagen: Die Biberansiedlung ist gelungen. Der Naturschutz geglückt. Ein Problem ist aber, dass die optimalen Lebensräume weitestgehend besetzt sind, der Biber muss in suboptimale Lebensräume ausweichen. Mittlerweile finden wir Biber in Kläranlagen und in der Kanalisation.​

Und die verstopfen dann?
Ja, da müssen wir dann eingreifen. Und dann sind wir pragmatisch.​

Heisst?
Wir versuchen den Biber zuerst zu vertreiben und ihn an der Wiederansiedlung an diesen besonders heiklen Orten durch bauliche Massnahmen zu hindern.​

Und wenn das nicht funktioniert, bleibt als letzte Option schon heute der Abschuss?
Nein, diese Option ist aufgrund der aktuellen gesetzlichen Grundlagen nicht vorgesehen.​

Bisher war der Biber geschützt. Nun will der Bundesrat ihn abschiessen können. Zu Recht?
Aufgrund der laufenden Vernehmlassung kann ich mich dazu nicht äussern.​

Wie hohe Entschädigungen zahlt der Kanton für Biber-Schäden jährlich?
Der Kanton ist schadenersatzpflichtig gegenüber Schäden, die Wildtiere an Wald, landwirtschaftlichen Kulturen und an Nutztieren anrichten. Konkret: Wenn der Biber durch seine Stauaktivität ein Feld unter Wasser setzt und der Bauer eine Ertragseinbusse hat, wird das entschädigt. Schäden an Infrastrukturanlagen werden hingegen nicht entschädigt. Noch nicht, muss ich präzisieren. Das soll sich mit der neuen Jagdverordnung ändern.​

Dann wird es also deutlich teurer?
Das budgetieren wir aktuell, dazu kann ich noch nichts sagen.​

Können Sie noch eine Zahl nennen zu den Biber-Schäden?
2023 verursachte der Biber im Kanton Zürich in landwirtschaftlichen Kulturen Schäden in der Höhe von gut 15'000 Franken. Verglichen mit der Gesamtschadenssumme durch Wildtiere im Kanton Zürich von rund 450'000 Franken ist das nicht sehr viel. Alleine die Wildsauen verursachten Schäden von rund 300'000 Franken.​

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63 Kommentare
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Pafeld
15.04.2024 00:09registriert August 2014
"2023 verursachte der Biber im Kanton Zürich in landwirtschaftlichen Kulturen Schäden in der Höhe von gut 15'000 Franken."

Bei allem Respekt. Wenn irgendjemand geglaubt hat, dass Rösti Problemen nachgeht und nicht einfach nur billigste Klientelpolitik betreibt, der sollte nach dieser Zahl entgültig eines besseren belehrt sein. 15'000 CHF/a in Zürich. Also den Gegenwert von 2 Monatsmieten einer 4.5-Zimmerwohnung in der Stadtmitte. Ich bin mir sicher, da würde man sogar einen privaten Sponsor finden, der diese horrenden Kosten übernimmt. Nein, der Biber muss gemäss Rösti und Co wieder weg.
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Rethinking
15.04.2024 05:59registriert Oktober 2018
Die Bauern müssen offensichtlich praktisch kein unternehmerisches Risiko tragen…

Warum verstaatlichen wir die Höfe nicht gleich?
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willy wodka
14.04.2024 23:10registriert November 2015
Kurwa Bobr🥹
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