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Aschi Widmer, während eiens Interviuw, am Mittwoch 19. August 2015 in Huttwil. © Marcel Bieri

Aschi Widmer hat jede Menge spannende Geschichten auf Lager.
Bild: marcel bieri

Interview

Aus dem Leben eines Weltenbummlers: «Wir tranken, pokerten, erzählten und kauten Cocablätter​»

Klaus Zaugg und Bruno Wüthrich



Aschi Widmer träumte schon immer vom Reisen und von der grossen weiten Welt. Doch zuerst wurde er Sägermeister und beinahe Offizier. Heute führt er seine Kunden durch Südamerika und Afrika.

Im Gespräch mit watson erzählt er, was ihn zum Entdecker macht, wie er die Schweiz und die Welt sieht und ob er seine beiden Töchter allein durch Südamerika reisen lassen würde.

Herr Widmer, als was sollen wir Sie bezeichnen?
Aschi Widmer: Ich nenne mich gerne Entdecker. Obwohl die ganze Welt schon entdeckt war, als ich begann in der Welt herumzureisen. Manchmal bin ich Geschichtenerzähler, manchmal Reiseleiter, oft Fotojournalist. Aber neuerdings bezeichne ich mich als Vortragskünstler. Das ist jetzt zeitgemäss. Man ist Künstler (lacht).

«Zum Glück war ich so schlecht im Französisch, dass ich in den Sommerferien für drei Wochen ins Welschland nach Montreux geschickt wurde.»

Wer hat das mit dem Vortragskünstler erfunden?
Ich weiss gar nicht mehr, ob ich selber drauf gekommen bin oder ob mich irgendjemand so bezeichnet hat. Im Mittelalter wäre ich ein wohl ein Bänkelsänger geworden und von Burg zu Burg gezogen um meine Geschichten zu erzählen. Ich hätte mir allerdings nicht träumen lassen, dass ich einmal davon leben könnte.

Aschi Widmer

Aschi Widmer (55), aufgewachsen in Häusernmoos, machte zu Beginn der 1990er-Jahre seine Leidenschaft zum Beruf. Inzwischen ist er ein erfolgreicher Reiseorganisator und -Leiter. Wenn er in der Schweiz ist, sind seine Vorträge sehr gefragt. Er zeigt nicht nur packende Bilder, sondern ist auch ein hervorragender Geschichtenerzähler. Zu erzählen hat er viel. So viel, wie er eben erlebt hat. Sein nächstes Projekt: Mit dem Motorrad von La Paz (Bolivien) nach Hollywood. Widmer ist verheiratet mit Ruth und Vater von zwei Töchtern. Er lebt, wenn er nicht gerade auf Reisen ist, mit seiner Familie in Bern.

Die Gabe, Geschichte zu erzählen, dürfte in Ihrer Familie liegen. Ihre Schwester Barbara ist ja Chefin des Wirtschaftsressorts beim Schweizer Radio.
Die Gabe kommt wohl vom Vater. Er erzählte uns Kindern immer Geschichten und eine ist mir immer noch präsent und hat wohl mein Fernweh ausgelöst. Es ist die Geschichte vom Wassertröpfli im Rotbach, das über Aare und den Rhein ins Meer gelangt und schliesslich im Südpazifik verdunstet. Mein Vater träumte vom Reisen und er wollte nach seiner Pension noch etwas von der Welt sehen. Leider ist er früh an Alzheimer erkrankt. Aber Marokko hat er noch gesehen.

Wann haben Sie sich entschieden, ein Weltreisender zu werden?
Vor einer grossen Reise nach Nordamerika mit meiner damaligen Freundin und heutigen Frau. Wir waren ein Jahr lang von Alaska nach Patagonien unterwegs. Ich musste daheim auf der Sägerei immer mitarbeiten und konnte mir gar nicht vorstellen, ein Jahr lang nichts zu tun, untätig zu sein. Ich war 30 und fühlte mich auch schon fast als alter Mann. Also bildete ich mich im Selbststudium zum Fotografen aus.

Warum das?
Ich wollte von unserer Reise einen Diavortrag machen. Dazu inspiriert hatte mich Dölf Reist, der eine Dia-Show von seiner Besteigung des Mount Everest gemacht hatte. Von der Amerika-Reise machte ich die erste abendfüllende Dia-Show in der Salze Huttwil. Im Rückblick war das wohl eine eher schwache Vorstellung und ich musste, weil ich kein Mikrofon hatte, mit meiner Stimme die Musik zur Diashow, die über einen Lautsprecher kam, übertönen. Aber es kamen gut 70 Leute und das gab mir Mut. Seither bin ich im Winter regelmässig auf Tournee und habe über 100 Auftritte hinter mit.

Welches ist Ihr nächstes Projekt?
Eine Diashow zum Thema Australien. Ich war vier Monate unterwegs und hatte sogar eine Helikopterdrohne dabei. Ich habe «mein» Australien entdeckt, ohne vorherigen Plan. Wenn man gängigen Reiseführern und Internet-Beschreibungen folgt, reist man ja immer irgendjemandem hinterher.

Wie wird aus dem Bub eines Sägers aus Häusernmoss ein Abenteurer?
Das weiss ich eigentlich auch nicht. Ich habe als Bub schon Abenteuergeschichten von Jack London, Ernest Hemingway oder Stevensen verschlungen. Ich bin mit drei Schwestern aufgewachsen und wir kamen fast nie von zu Hause weg. Zum Glück war ich in der Sekundarschule in Sumiswald so schlecht im Französisch, dass ich in den Sommerferien für drei Wochen ins Welschland nach Montreux geschickt wurde. Das war meine erste Reise.

Bild

Autor Jack London 1914 im «Sunset Magazine».
bild: gemeinfrei

Ein Rebell sind Sie also nicht?
Nein, nein, wo denken Sie hin! Ich habe immer alles gemacht, was von mir erwartet worden ist. Ich habe als Sohn und Bürger funktioniert und habe natürlich wie vom Vater gewünscht eine Sägereilehre gemacht, wurde, wie mein Vater im Militär Sappeur und habe es sogar bis in die Offiziersschule gebracht.

Sie sind Offizier?
Nein, leider nicht. Ich war schon früher neugierig und habe viel gelesen. Zum Beispiel über den Vietnamkrieg. Wir hatten als Ausbildner einen Oberst Peter, den ich bald Seku-Peter genannt habe. Er konnte nicht verstehen, dass ein Offiziersanwärter seinen Vorgesetzten in militärischen Dingen zu widersprechen wagt. Ich habe etwa gesagt, diese Panzersperre ist aus dem und dem Grund nicht sinnvoll. So bin ich als subversives Element von der Offiziersschule verwiesen worden.

Bild

Schweizer Soldaten auf dem Vormarsch.
bild: keystone

Dann müsste es über Sie eine Fiche geben?
Ja, die gibt es. Ich habe sie damals angefordert. Aber da war fast alles eingeschwärzt und ich weiss nicht mehr, was drin stand.

Was sagte Ihr Vater zum Abbruch der Offizierslaufbahn?
Ja, das war ein Problem. Ich wagte es nicht, nach Hause zu gehen und ihm unter die Augen zu treten. Ich hielt mein militärisches Scheitern für einen gewaltigen Tolggen im Reinheft und schämte mich sehr. Ich hatte ein Auto und ein wenig Geld und kaufte mir ein T-Shirt und eine Flasche Wein. Im Krauchthal trank ich die Flasche im Wald aus und kam zum Schluss, dass ich nicht nach Hause gehen darf.

Was haben Sie stattdessen gemacht?
Ich übernachtete im Wald und am nächsten Tag brachten mir meine Schwestern Zivilkleidung und ein paar Hunderternötli, die ich für den Notfall in meinem Zimmer in einem Truckli aufbewahrt hatte. Mit einem Schild «London» stellte ich mich in Kirchberg an die Autobahn und ein Lastwagenchaffeur nahm mich tatsächlich mit nach London. Ich half ihm unterwegs jeweils beim Auf- und Abladen. In London machte eine meiner Schwestern das Praktikum.

Ganz schön verwegen, der junge, gescheiterte Offiziersanwärter!
Ja, ja, damals kam ich mir wie ein Held vor, heute lache ich darüber. Ich bin dann nach ein paar Wochen nach Hause zurückgekehrt, machte an der Holzfachschule die Meisterprüfung als Säger.

Und Ihr Vater hat nicht getobt?
Nein, es war alles halb so schlimm. Er hat gesagt, er habe sowieso gedacht, dass das mit mir an der Offiziersschule so enden würde.

Aschi Widmer, während eiens Interviuw, am Mittwoch 19. August 2015 in Huttwil. © Marcel Bieri

Widmer – weltgewandt.
Bild: Marcel bieri

Aber Sie sind dann doch nicht Säger geworden.
Nein. Ich war ein Idealist und wollte die Welt verändern. Und da man mich in der Armee nicht wollte, entschloss ich mich, in die Welt hinauszugehen. Als typischer Emmentaler fühlte ich mich eingeengt und machte mir immer Sorgen, was wohl die anderen über mich denken und reden könnten. Ich war zu jung und zu unreif, um darüber stehen zu können. Also ging ich.

Sie sind der Enge des Emmentals und von Häusernmoos entflohen?
So ungefähr. Aber ich bin ein Emmentaler geblieben und ich habe manchmal noch immer das Gefühl, dass die Leute mich ein wenig schräg anschauen. Das ist doch der, der die elterliche Sägerei im Stich gelassen hat und von dem man nicht so recht weiss, wie er eigentlich sein Geld verdient. Aber ich hatte grosses Glück. Die Sägereibranche ist total umgekrempelt worden und die Kollegen von der Holzfachschule in Biel sind fast alle mit ihren Sägereien Konkurs gegangen oder mussten sie aufgeben.

Wie viele Vorträge haben Sie inzwischen gehalten?
Es müssen 1200 bis 1300 Vorträge sein.

Welche Gebiete haben Sie vor allem bereist – Entschuldigung – entdeckt?
Vor allem Afrika und Südamerika und jetzt Australien. Ich sage immer, die Welt ist zu klein für ein Menschenleben. Mir ist es halt wichtig, dass ich mitbekomme wie ein Land funktioniert und darum brauche ich Zeit und kehre immer wieder mal zurück. Jetzt kann ich mir leisten, vier oder fünf Monate nach Bolivien zu reisen. Dorthin, wo ich meine erste Entdeckungsreise gemacht habe.

Bolivien muss Sie beeindruckt haben ...
Ich habe einen Töff in La Paz stehen und Bolivien ist ein Traumland für mich. Dort hat es noch alles, was ich in den Indianerbüchern gelesen habe. Goldsucher, Grenzstädte, gottverlassene Gegenden und das Land steht noch nicht unter der Fuchtel des Welttourismus.

Wie sieht der weitgereiste Entdecker heute die Schweiz?
Ich schätze die Schweizer extrem. Ich will jetzt keine politische Aussagen machen. Aber wo ich in der Welt hinkomme, spüre ich eine hohe Wertschätzung für die Schweiz. Ich merke jeweils bei meiner Rückkehr auch, dass wir sehr weltoffen und tolerant sind und überhaupt nicht rassistisch. Aber wir werden, entschuldigen Sie, wenn ich das so sage, von den Medien und den Politikern verarscht.

Das müssen Sie erklären!
Man will uns einreden, wir seien schlecht, hätten Schuld auf uns geladen und man versucht, uns Angst zu machen. Unser Stolz und unser Selbstvertrauen wird untergraben. So führt man uns in die Irre und so kommt es zu politischen Entscheidungen, die nicht vom Volk getragen werden.

Quechua women laugh together outside the National Congress before the State of the Nation address, in La Paz, Bolivia, Friday Jan. 22, 2016. Bolivian President Evo Morales, who won re-election in 2014 to a third term with 61 percent of the vote, is marking 10 years as the leader of the South American country. (AP Photo/Juan Karita)

Frauen in La Paz, Bolivien.
Bild: Juan Karita/AP/KEYSTONE

Und Ihre Kritik?
Bei uns muss halt alles organisiert und versichert sein. Ich bin ja auch als Safari- und Reiseleiter mit eigenen Gruppen unterwegs und da können Teilnehmer manchmal nicht verstehen, dass man nicht exakt weiss, wo man an welchem Tag ist. Aber es wäre ja schade, wenn wir die Wüstenelefanten nicht sehen können, weil wir wegen einer festgelegten Route nicht einen Umweg machen könnten. Was ich sagen will: Etwas mehr Selbstvertrauen und Wagemut würde uns nicht schlecht anstehen.

Sind wir Schweizer stur?
Nein, ich denke, dass wir schon tolerant sind und auch mal ein Auge zudrücken. Wenn das nicht so wäre, hätte ich ja nicht das werden können, was ich heute bin. Wie ich schon sagte: Wir Schweizer sind letztlich offener und toleranter als man uns weiszumachen versucht.

Sie organisieren Reisen unter anderem in Afrika. Welches sind Ihre Kunden?
Zu 95 Prozent Schweizer.

Wie müssen wir uns das vorstellen? Müssen Sie ihre Leute vor Löwen retten?
Wir übernachten im Zelt, in der Wildnis und ohne Zaun drum herum. Da läuft schon mal ein Elefant zwischen den Zelten durch oder Löwen kreisen ausserhalb des Lichtschein des Lagerfeuers. Aber die Leute fassen schnell Vertrauen und geniessen die Reise.

Wie sorgen sie dafür, dass nichts schief läuft?
Ich neige dazu, vor einer Reise schon mal den Teufel an die Wand zu malen. Weil man einfach gewisse Regeln befolgen muss.

This 2014 photo provided by Nat Geo Wild shows an elephant cow with a very young calf in the Djuma Game Reserve, in South Africa. Safari Live gives viewers a front row seat on daily safari rides as the natural habitat of lions, giraffes, elephants and more are explored during the program. Nat Geo Wild airs a live safari as part of its Big Cat week, airing Nov. 27-Dec. 2, 2015. (Pieter Pretorius/Nat Geo Wild via AP) MANDATORY CREDIT: PIETER PRETORIUS.?

Elefanten in Südafrika.
Bild: AP/Nat Geo Wild

Zum Beispiel?
Nach Einbruch der Dunkelheit niemals ohne eine Taschenlampe das Zelt verlassen. Es kann sein, dass beispielsweise in unmittelbarer Nähe ein Elefant steht. Eine überraschende Begegnung kann tödlich enden.

Und die Löwen?
Sie dringen nicht in ein geschlossenes Zelt ein und halten sich vom Lagerfeuer fern.

File-This Aug. 6, 2015, file photo shows a lion  named Tommy  in  the Hwange National Park where Cecil the Lion was killed  about 700 kilometres south west  of Harare, Zimbabwe. The Obama administration is expected to extend Endangered Species Act protections for two breeds of lions, in response to a large decline in their numbers in Africa over the past two decades. The listings are to be announced Monday, Dec. 21, 2015, and include an order that appears to touch on circumstances surrounding the killing of a well-known lion named Cecil in Zimbabwe earlier this year. (AP Photo/Tsvangirayi Mukwazhi, File)

Löwen mögen kein Lagerfeuer.
Bild: Tsvangirayi Mukwazhi/AP/KEYSTONE

Nächtigen im Zelt in der Wildnis unter Löwen und Elefanten? Das tönt wie im Film «Out of Africa» ...
Dieser Film mag kitschig sein. Und doch ist die Faszination Afrika in vielem so wie in diesem Film. Es braucht schon einige Zeit um so viel Selbstvertrauen zu haben, dass man mit mir reisen will. Wir reisen wie in «Out of Africa» und übernachten im Zelt. Nach dieser Natur wird man süchtig. Es ist ein Luxus, die Zeit zu haben, so zu reisen, ausserhalb von strukturierten Tagesabläufen und Terminen. Es ist wie ein Privileg, nichts zu tun, einfach die Natur betrachten und sich sogar manchmal ein bisschen zu langweilen.

Ist schon mal was schief gegangen?
Einmal ist eine Reiseteilnehmerin vom Landrover runtergefallen und hat sich einen Schwartenriss am Kopf zugezogen. Wir waren eine Fahrstunde von der Lodge entfernt und sie hätte von dort ausgeflogen werden und in die Schweiz zurückgebracht werden können. Aber sie wollte bei uns bleiben. Also bin ich mit ihr vier Stunden in ein Spital gefahren. Dort ist sie neben einer gerade gebärenden Frau genäht worden und hat die Reise mit uns fortgesetzt.

Nach der Rückkehr bei der Nachkontrolle beim Arzt ist festgestellt worden, dass die Wunde fachmännisch genäht worden und gut verheilt ist. Inzwischen ist es wohl gefährlicher, in der Schweiz durch eine Kuhweide zu wandern als in Afrika auf Safari zu gehen.

«Ja, mehrmals ist es nach einer Reise zu Scheidungen gekommen.»

In this photo taken Tuesday, Aug. 18, 2015, warthogs and a giraffe drink at a watering hole at Melorani Safaris at Olifantsvallei, South Africa. In 1986 the landowner, Stewart Dorrington, turned his family cattle ranch, a three-hour drive north east of Johannesburg, into a wildlife reserve where he hosts about two-dozen bow and arrow hunters a year. (AP Photo/Denis Farrell)

Warzenschweine und Giraffen an einem Wasserloch in Südafrika.
Bild: Denis Farrell/AP/KEYSTONE

Wie müssen wir uns Ihre Reisegruppe in Afrika vorstellen?
Wir reisen in Gruppen bis zu zwölf Personen und mit drei Fahrzeugen. Wir übernachten in grossen, geräumigen Zweierzelten, und den Koch haben wir auch dabei. Wir führen die Nahrung mit. Das Fleisch beziehen wir von Jagdfarmen. Wir verzichten auf so viel Luxus wie möglich. Es gibt die Möglichkeit, sich jeden Tag zu waschen. Aber in einem Gebiet mit Wassermangel geht es nicht an, jeden Tag zu duschen. Wir beschränken uns auf das Notwendigste. Jeder Teilnehmer darf auch nur ein Gepäckstück von maximal 14 Kilo mitnehmen.

Gibt es manchmal Streit unter den Teilnehmern?
Nein, eigentlich nicht. Obwohl unsere Reisegruppen aus sehr unterschiedlichen Teilnehmerinnen und Teilnehmern zusammengestellt sind, wächst eine Gruppe zusammen und gegen Schluss ziehen fast immer wirklich alle am gleichen Strick. Es ist wohl so etwas wie Teambuilding. Eine Reisegruppe hat sich so gut verstanden, dass sie eine zweite Reise gebucht hat. Aber die Reisen lieferten auch schon den Grund zur Scheidung.

Zur Scheidung?
Ja, mehrmals ist es nach einer Reise zu Scheidungen gekommen. Das vernimmt man halt dann schon.

Wieso denn das?
Ich denke, es kommt von den Frauen aus. Es geht ihnen im Laufe der Reise ein Licht auf, welches A… von Macho sie da geheiratet haben.

Kann es sein, dass eine Reise durch Afrika die Menschen verändern und bei der Heimkehr nicht mehr die gleichen sind wie bei der Anreise?
Ja, ich denke, dass das so ist. Ich habe Reiseteilnehmer aus verschiedensten sozialen Schichten. Solche, die sich eine Reise über Jahre vom Mund absparen und solche, die sich so eine Reise aus der Portokasse finanzieren können. Es sind auch viele Ehepaare dabei, die sich diese Traumreise verwirklichen können, weil die Kinder ausgeflogen sind …

…und die Ehefrau kommt dann zum Aha-Erlebnis über ihren Mann. Sie könnten als Ehetherapeut arbeiten.
Nein, nein, ich hüte mich, mich einzumischen. Es ist sowieso sehr schwierig, Partei zu ergreifen. Es gibt bessere und schlechtere Plätze auf unseren Fahrzeugen und ich verzichte bewusst darauf, einen Sitzplan zu machen. Ich sage einfach: Ihr seid alle erwachsen, tauscht die Plätze untereinander. Es gibt dann Egoisten, die halten beispielsweise am Beifahrersitz neben mir fest, weil ich halt immer etwas zu erzählen weiss.

Und wie reagieren sie darauf?
Ich mache es dann so, dass ich halt das Fahrzeug wechsle. Es gärt schon, wenn einer seinen Platz nicht wechseln will. Aber als Schweizer traut man sich nicht, jemanden zurechtzuweisen, der die Ellenbogen ausfährt und lässt es in Gottes Namen halt geschehen. Es gibt auch Leute, die sich nicht an die Regeln halten. Männer sind manchmal echte Alphatiere und haben das Gefühl, alles besser zu wissen und Könige zu sein. Einmal hätte ich einen Reiseteilnehmer beinahe vorzeitig nach Hause geschickt, weil er sich nachts ohne Taschenlampe vom Zelt entfernte. Wir haben ja schon von dieser Gefahr gesprochen, das ist wie Selbstmord.

«Wenn ich mich selbst in Gefahr gebracht habe, dann durch Dummheit und nicht weil mir jemand übel wollte.»

Wie viele Reisen haben Sie schon gemacht?
Seit 1993 sind es rund 80 Reisen mit insgesamt etwa 700 Teilnehmern. Kollegen wünschen mir jeweils vor der Abreise schöne Ferien. Aber es ist eine sehr anstrengende Tätigkeit und ich trage sehr viel Verantwortung. Ich stehe am Morgen als Erster auf und gehe am Abend als Letzter schlafen. Eine grosse Gruppe ist eher spannender als eine kleine Gruppe.

Das grosse Fressen

Roger Federers Vater war auch schon dabei? Oder ist das eine Legende?
Das ist eine Legende. Aber ich kenne ihn. Jedoch nicht aus einer meiner Reisegruppen. Er reist mit seinen Kollegen auch oft durchs südliche Afrika. Erstmals habe ich ihn mit seinen Kumpels auf einem Campingplatz an der Grenze zu Angola getroffen und seither immer wieder. Ich wusste lange nicht, dass er Roger Federers Vater ist. Nach anderthalb Jahren hat ihn eine Teilnehmerin aus unserer Gruppe erkannt.

Robert Federer watches his son Roger Federer of Switzerland play Kei Nishikori of Japan during their tennis match at the ATP World Tour finals at the O2 Arena in London November 11, 2014. REUTERS/Toby Melville (BRITAIN - Tags: SPORT TENNIS)

Roger Federers Vater Robert.
Bild: TOBY MELVILLE/REUTERS

Wo haben Sie überall Reisegruppen geführt?
Im südlichen Afrika, in Bolivien und Patagonien. Ich habe alle Reisen selber vorher mehrere Male gemacht. Ich muss ein Gebiet sehr gut kennen und wirklich sattelfest sein. Diese gründliche Vorbereitung und mein Wissen sind meine Spezialität.

Können wir Buch erwarten?
Nein, dazu fehlt mir die Zeit. Reisen vorbereiten, reisen leiten, die Dia-Shows organisieren, die ganze Administration machen.Später haben Sie vielleicht ja Zeit.Das kann sein. Es wird aber nicht ein Fotobuch sein. Sondern ein Roman über die Begegnung der verschiedenen Mentalitäten und Kulturen. Die Figuren habe ich eigentlich schon im Kopf. Aber es fehlt mir nicht nur die Zeit sondern auch der Mut um mich mal hinzusetzen und zu schreiben.

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Sie sind so viel gereist. Erklären Sie uns die Welt.
Ich habe gelernt, dass Menschen überall gleich sind. Wenn wir den Menschen mit Respekt begegnen und zugeben, nicht mehr weiter zu wissen und ein Problem zu haben – was Männern schwer fällt – dann wird einem geholfen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass der Mensch gut ist und einem nichts Böses will. Wenn ich mich selbst in Gefahr gebracht habe, dann durch Dummheit und nicht weil mir jemand übel wollte.

Wo war das?
In Südamerika sass ich mit meinem Motorrad in Bolivien, in Santa Cruz, wegen Regenfällen, welche die Strasse unpassierbar machten, mehrere Tage fest. Der katholische Priester im Ort, bei dem ich übernachten konnte, sagte mir, ich könne mir die Zeit im örtlichen Bordell bei den Drogenbossen mit Geschichten erzählen und Kartenspiel vertreiben. Dort sassen tatsächlich die Drogenbarone und spielten. Wir tranken und pokerten und erzählten Geschichten und kauten dazu Cocablätter. Dann hörte ich, wie sich einer über mich lustig machte und packte ihn am Kragen. Er zog sofort den Revolver und zum Glück konnten ihn seine Kollegen beruhigen. Ich war wirklich selber schuld.

Ist Ihnen nie etwas gestohlen worden?
Ich bin nie überfallen worden und als mir etwas gestohlen wurde, war ich selber schuld. Doch es ist ein Beispiel dafür, dass man eine Lösung finden kann, wenn man nur auf die Menschen eingeht. Die peruanischen Taschendiebe sind die geschicktesten der Welt und man hatte mich noch ausdrücklich gewarnt, als ich ein Volksfest in Cusco fotografieren wollte. Ich steckte ein teures Objektiv in meine Jackentasche und irgendeinmal war es weg. Ich hatte mich mit einem Schuhputzerjungen namens Raoul angefreundet. Ich versprach ihm 100 Dollar, wenn er den Dieb finde und 200 Dollar für den Dieb und die Zusicherung, die Polizei nicht einzuschalten, falls dieser das Objektiv zurück gibt. Raoul brauchte lediglich einen Tag, um mir das Gestohlene zurück zu bringen.

«Es ist gefährlicher, zu gewissen Zeiten in Schweizer Grossstädten unterwegs zu sein.»

Wie kommt man auf so einen Plan?
Man muss, wie soll ich sagen, ein wenig reiseschlau sein. Und einfach auch Gottvertrauen haben und sich nicht durch die Medien verrückt machen lassen. Von Afrika haben wir ja beispielsweise ein völlig falsches Bild und durch Katastrophenberichte wie beispielsweise rund um Ebola wird Afrika völlig zu Unrecht kaputt gemacht. Die Krankheit ist auf ein kleines Gebiet in Westafrika beschränkt. Windhoek in Namibia liegt weiter von diesem Gebiet entfernt als Bern.

Würden Sie Ihre zwei Töchter alleine ziehen lassen, sagen wir ein halbes Jahr nach Südamerika? Hätten Sie da nicht schlaflose Nächte?
Ich hätte keine schlaflosen Nächte. Dass die Kinder ausziehen ist der Lauf des Lebens. Südamerika eignet sich für junge Leute vorzüglich zum Reisen. Es kostet nicht viel, man kann mit öffentlichen Verkehrsmitteln reisen und die Menschen sind freundlich. Es ist gefährlicher, zu gewissen Zeiten in Schweizer Grossstädten unterwegs zu sein.

Ja, wenn meine Töchter, die jetzt in der Pubertät stecken, zu viele Schwierigkeiten bereiten, dann könnte ich mit ihnen nach Südamerika verreisen und erst wieder heimkommen, wenn sie wieder normal sind. Ich bin froh, wenn sie einmal den Mut und das Selbstvertrauen haben, um die Welt zu bereisen. Aber ich würde meine Töchter halt schon sehr vermissen.

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