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Amden: Ein kleines Dorf mit einem kleinen Skigebiet.<br data-editable="remove">
Amden: Ein kleines Dorf mit einem kleinen Skigebiet.
Bild: KEYSTONE
Interview

Krise im Skiland: «Die Schweiz ist immer weniger eine Winter-Destination»

Die Schweizer Winterskiorte durchleben schwere Zeiten. Nicht nur der Schnee fehlt, auch die Österreicher machen uns das Leben schwer. Tourismus-Spezialist Thomas Exposito sagt im Interview, warum wir noch schwereren Zeiten entgegensteuern und weshalb der Kampf gegen unseren Nachbarn kaum zu gewinnen ist. 
28.03.2016, 07:4731.03.2016, 12:23

Wie war diese Saison?
Thomas Exposito: Recht durchzogen, um es positiv auszudrücken. Über Weihnacht/Neujahr fehlte der Schnee. Da kamen die Gäste wandern. Das ist zwar schön, bringt aber im Vergleich zum Wintersport weniger Umsatz. Ab Mitte Januar wurde es dann besser. Wir können aber sicher nicht von einer guten Saison sprechen. 

Nervt Sie die immer gleiche Frage Ende Saison?
Nein, nicht wirklich. ​Es ist auch im Dorf ein grosses Thema. In den letzten zehn Jahren gingen die Logiernächte bei uns in Amden um 20 Prozent zurück. Das ist nicht schön und beschäftigt hier alle. Auch hatten wir diese Saison weniger Tagesgäste, es gab wenige Wochenenden mit gutem Schnee und schönem Wetter. Immerhin bei den Ferienwohnungen-Übernachtungen waren die Zahlen stabil. 

Thomas Exposito
Thomas Exposito ist seit vier Jahren Geschäftsführer von Amden Weesen Tourismus. Der 28-Jährige doziert zudem an der Höheren Fachschule für Tourismus in Zürich. (feb) 

Sie sagen, die Logiernächte gehen stetig zurück. Unternehmen Sie nichts dagegen?
Doch sicher. Wir versuchen zum Beispiel, für Familien attraktiv zu sein. Preislich wird es für uns als kleine Destinationen aber immer schwieriger. Wir haben weniger Möglichkeiten als die grossen Skigebiete.  

Weshalb wird dieser Kampf immer ungleicher?
Wir können mit den Preisen der Skitickets schlicht nicht mehr tiefer gehen, sonst verdienen wir nichts mehr. Die grossen Gebiete haben da mehr Spielraum. Während der Zwischensaison locken sie mit Angeboten, die auf ähnlichem Niveau sind, wie unsere. Allerdings werden sie fast dazu gezwungen wegen der Konkurrenz aus dem Ausland.

Wie meinen Sie das?
Den grossen Schweizer Destinationen wandern die Gäste nach Österreich ab. Gebiete wie Ischgl oder St.Anton verzeichnen jedes Jahr mehr Schweizer Gäste. Und die Frankenstärke ist nicht das einzige Problem. 

«In erster Linie müssen wir unsere Stammkunden pflegen und die Schweizer dazu bringen, im eigenen Land Skiferien zu machen.»

Welche weiteren Probleme gibt es denn noch?
Die österreichische Winterindustrie gehört einer ganz anderen Dimension an als unsere. Sie hat einen ganz anderen Stellenwert im eigenen Land. Das fängt beim Skirennsport an, geht bei den Skiherstellern weiter und endet bei den Politikern, die voll hinter dem Wintertourismus stehen. Es gibt halbstaatliche Tourismusbanken​, die einem Betreiber eines Hotels beispielsweise Kredite zu Konditionen anbieten, von denen wir nur träumen können. In Österreich kommt man viel einfacher zu Kapital. Zudem macht der Wintertourismus einen massiv grösseren Teil des Bruttosozialprodukts aus als bei uns. Entsprechend wird investiert. 

Wie können die Schweizer Gebiete da dagegenhalten?
Darauf zu reagieren, ist nicht einfach. Ein Patentrezept gibt es nicht. Es bestehen aber viele gute Ansätze. In erster Linie müssen wir unsere Stammkunden pflegen und die Schweizer dazu bringen, im eigenen Land Skiferien zu machen. Zudem muss in kleineren und mittleren Destinationen an der Qualität der Positionierung gearbeitet werden. Der Österreich-Trend dürfte sich dennoch fortsetzen. Immer mehr Schweizer werden dort jetzt zu Stammgästen und erzählen ihren Schweizer Kollegen, wie toll und anscheinend günstig es dort ist. 

2005 wurden laut Bundesamt für Sport noch fast 2600 Schneesportlager durchgeführt. Im Jahr 2014 waren es noch 2224, das entspricht einem Minus von 14 Prozent. Müsste man nicht hier ansetzen, um die Schweizer Kinder überhaupt wieder zum Skifahren in den Schweizer Bergen zu bringen?
Sie sprechen ein weiteres Problem an. Die Lehrer stehen unter einem grösseren Druck. Die Anforderungen an den Unterricht sind gestiegen, die Lehrer müssen mehr Stoff vermitteln als früher, da passen Skilager schlecht ins Konzept. Ausserdem verursachen Skilager Kosten. 

«Immer mehr Schweizer verlieren den Bezug zu den Schneesportarten.»

Sind die Lehrer nicht einfach zu bequem?
Nein. Es bringt nichts, jemandem den Schwarzen Peter zuschieben zu wollen. Es ist schlicht und einfach ein Fakt, dass der Skisport in der Schweiz immer weniger wichtig wird, immer weiter an Bedeutung verliert. Dagegen etwas zu unternehmen, ist schwierig. Mit dem geplanten Schneesport-Zentrum gibt es aber erste Ansätze. 

Warum ist das so?
Es ist aufwändig mit einer Familie Skifahren zu gehen. Alle auszurüsten ist zudem teuer.

Das war früher doch auch so.
Das stimmt. Aber früher hatte der Skisport wenig bis fast keine Konkurrenz. Heute gibt es unzählige Alternativen. Schneeschuhlaufen zum Beispiel. Aber es gibt auch viel mehr Unterhaltungsmöglichkeiten in den Städten als früher. Zudem ist es schon so, dass mehr und mehr Unterländer bei so schlechten Wintern nicht mehr in die Berge gehen. Schneit es nicht bis in die Niederungen, kommen sie nicht zu uns, selbst wenn bei uns die Bedingungen gut sind. So verlieren immer mehr Schweizer gänzlich den Bezug zu Schneesportarten. 

Die gute alte Zeit

Kann man sagen, dass die Schweiz immer weniger Winterdestination ist?
Ja, damit müssen wir uns wohl abfinden. Schon jetzt spüren wir eine Verlagerung in den Sommer. Sommertourismus ist jedoch nicht gleich lukrativ wie der im Winter. 

Winter

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