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Das Testkit des Antigen-Schnelltests von Roche.
Das Testkit des Antigen-Schnelltests von Roche.
Bild: keystone
Interview

Zurück zur Normalität mit Schnelltests für zu Hause? «Leider nein», sagt dieser Experte

Derzeit setzen viele ihre Hoffnung auf unkomplizierte Schnelltests, die auch alleine zu Hause angewandt werden können. Taskforce-Mitglied und Experte Didier Trono sagt, was diese Tests können – und was nicht.
12.02.2021, 23:5713.02.2021, 16:31

Der Antigen-Nasenabstrichtest von Roche hat Anfang dieses Monats eine Zulassung in der EU bekommen. Mitte Februar soll er auch in der Schweiz auf den Markt kommen. Der Vorteil bei diesem Test: Die Probe muss nur im vorderen Teil der Nase entnommen werden, was viel einfacher und schmerzfreier ist als beim herkömmlichen PCR-Test. Der Abstrich muss danach nicht in ein Labor geschickt werden, sondern kann mit einem Testkit innerhalb von 15 Minuten entwickelt werden. Kosten soll das Kit um die fünf Franken.

Klingt vielversprechend, oder? Entsprechend hoch sind die Erwartungen an den Test. Können wir uns künftig selber zu Hause testen, bevor wir uns mit grossen Gruppen treffen? Bringen uns die Tests eine Erleichterung im Alltag mit der Pandemie? Didier Trono, Leiter der Expertengruppe Diagnostics and Testing der Corona-Taskforce des Bundes, gibt Antworten und schätzt ein, was in den nächsten Wochen auf uns zukommt.

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Herr Trono, was versprechen Sie sich von den Schnelltests von Roche?
Didier Trono: Auf dem Papier sieht es zuerst so aus, als würden uns diese Tests das Leben vereinfachen: Es erlaubt den Leuten, sich selber zu Hause zu testen. Aber leider ist es nicht so einfach.

Sondern?
Die Qualität der Proben ist der Schlüssel. Und die kontrollierte Auswertung dieser Tests. Sie wurden bisher in einer überwachten Umgebung durchgeführt, das heisst mit jemandem, der sicherstellte, dass die Probenahme richtig durchgeführt wird. Das ist entscheidend, denn wir wissen, dass der vordere Teil der Nase im Allgemeinen geringere Virusmengen trägt als weiter hinten. Und weil Antigen-Schnelltests weniger empfindlich sind als PCR-Tests. Eine unzureichende Probenahme birgt also ein grosses Risiko für falsch negative Ergebnisse.

Didier Trono, Leiter der Expertengruppe Diagnostics and Testing der Corona-Taskforce des Bundes.
Didier Trono, Leiter der Expertengruppe Diagnostics and Testing der Corona-Taskforce des Bundes.
Bild: keystone

Und was heisst das nun?
Das heisst, dass der Test zwar gut sein mag, aber nur dann, wenn er auch richtig angewendet wird. Das ist das erste Problem mit dem Schnelltest. Ausserdem stellt sich bei Selbsttests die Frage nach den notwendigen Massnahmen. Wenn Menschen in einem Testzentrum positiv diagnostiziert werden, werden sie angewiesen, sich zu isolieren, ihre Kontakte werden aufgespürt und unter Quarantäne gestellt. Im Klartext heisst das: Wenn wir die Testung den Menschen zu Hause überlassen, können wir erstens nicht darauf vertrauen, dass der Test richtig angewendet wird, und zweitens, dass bei einem positiven Ergebnis die richtigen Massnahmen ergriffen werden.

«Es ist unwahrscheinlich, dass Sie das Ergebnis Ihres Schnelltests bei offiziellen Stellen vorweisen können.»

Ich werde mich also in Zukunft nicht selber zu Hause testen können?
Sie können das tun, wenn Sie für sich selbst wissen wollen, ob sie positiv sind. Stellen Sie dann aber sicher, dass Sie wissen, wie der Test verwendet wird, bevor Sie beispielsweise danach an einer Familienfeier teilnehmen. Aber es ist unwahrscheinlich, dass Sie das Ergebnis Ihres Schnelltests bei offiziellen Stellen vorweisen können. Sie können nicht zu Hause einen Schnelltest machen und dann mit dem negativen Resultat in ein Flugzeug steigen.

Die Leute sind pandemiemüde. Wäre es nicht möglich, dass wir mit etwas Erfahrung im Umgang mit den Schnelltests etwas Normalität zurückbringen? Und uns beispielsweise vor einem Restaurantbesuch schnell selber testen könnten?
Aber sehen Sie, der Restaurantbesitzer wird Sie dann fragen: Verehrte Dame, Sie haben sich zu Hause selber getestet, wie können ich und die anderen Gäste sicher sein, dass Sie den Test richtig gemacht haben und dass Sie mir die Wahrheit sagen?

Und was ist mit Tests vor einem grösseren Event? Zum Beispiel könnte man die Leute vor dem Club testen, während sie 15 Minuten in der Schlange stehen.
Ja, warum nicht, wenn es von jemandem gemacht wird, der weiss, wie es geht. Aber auch das hat seine Gefahren. Stellen Sie sich vor, eine infizierte Person mit einer Viruslast, die einfach zu niedrig ist, um vom Schnelltest erkannt zu werden, verbringt die Nacht damit, aufgrund der lauten Musik nur Zentimeter vom Gesicht anderer Personen entfernt sehr laut zu sprechen. Da besteht ein hohes Risiko der Virusvermehrung.

Wo würden Schnelltests denn Sinn machen?
In Situationen, in denen eine Ausbreitung wahrscheinlich ist. Zum Beispiel in einer Schule, in der Fälle identifiziert wurden. Dann kann eine grosse Anzahl von Personen schnell getestet und einfach in Quarantäne gestellt werden. Sie können die Tests drei Tage später wiederholen, um festzustellen, ob Fälle übersehen wurden oder sich gerade erst herausstellen. Wir wissen, dass mit den Antigen-Tests weniger Fälle erkannt werden als mit der PCR-Methode, aber mit einer guten Chance, dass der Schnelltest zumindest diejenigen erfasst, die ansteckend sind.

Könnte es eine Gefahr sein, dass Schnelltests dazu führen, die Massnahmen zu früh zu lockern?
Alles, was die wahre Ausbreitung der Infektion verdeckt, könnte zu dem Irrtum führen, dass die Massnahmen jetzt gelockert werden können. Wenn der Schnelltest nicht empfindlich genug ist und nicht zu viele Infektionen feststellt, handelt es sich um Fehlinformationen, auf deren Grundlage wir uns plötzlich zu sicher fühlen.

«Wir befürchten, dass genau dies vor einigen Wochen in Grossbritannien, Irland und Portugal geschah und diese Länder später von einem Tsunami neuer Fälle heimgesucht wurden. Das möchte man in der Schweiz nicht.»

Gibt es andere verheissungsvolle Projekte in der Pipeline, die uns helfen besser mit der Pandemie zu leben, bis zum Zeitpunkt, wo sie besiegt ist?
Der Schlüssel ist wirklich, wie schnell wir die Leute impfen können. Solange nicht genug Menschen geimpft sind, müssen wir leider gewisse Massnahmen beibehalten, die für manche Menschen als einschränkend empfunden werden und zu persönlichen wie auch kollektiven Leiden führen. Aber wir haben keine andere Wahl, so leid es mir tut.

Gibt es nicht mal ein kleines Fünkchen Hoffnung?
Doch klar, die Good News ist, dass es nicht nur einen, sondern mehrere sehr vielversprechende Impfstoffe gibt. Ich bin optimistisch, dass wir in den kommenden Wochen und Monaten massenhaft impfen können, oder zumindest diejenigen Leute, die sich impfen lassen wollen. Und je schneller wir das tun, desto schneller werden wir wieder so etwas wie ein normales Leben haben.

Und bis dahin keine Restaurantbesuche mit einer ausgeklügelten Teststrategie? Keine Events?
Nicht, wenn es nicht sehr sorgfältig eingerichtet ist. Und je grösser die Veranstaltung, desto komplizierter wird der logistische Aufwand.

Was erwarten Sie von den nächsten Monaten?
Im Moment beobachten wir, wie die Gesamtzahl der Fälle sinkt und wie sich die Infektionen mit dem konventionellen Coronavirus verringern. Gleichzeitig nimmt die Anzahl der Virusvarianten mit höherer Ansteckungsgefahr zu. Und das trotz der Massnahmen. Wir befürchten, dass genau dies vor einigen Wochen in Grossbritannien, Irland und Portugal geschah und diese Länder später von einem Tsunami neuer Fälle heimgesucht wurden. Das möchte man in der Schweiz nicht.

Was gilt es zu tun?
Die Massnahmen aufrechterhalten, so dass wir verhindern können, dass sich die mutierten Viren weiter verbreiten. Und schnell so viele Menschen wie möglich impfen.

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