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Die ländliche Schweiz ist mehr denn je SVP-Territorium.<br data-editable="remove">
Die ländliche Schweiz ist mehr denn je SVP-Territorium.
Bild: KEYSTONE
Kommentar

Die SVP kassiert den Lohn der Angst – die Schweiz lebt sich auseinander

Die Schweiz ist ein gespaltenes Land: Der Rechtsrutsch findet auf dem Land statt, die urbanen Gebiete bleiben eine Domäne der Linken. Das bedeutet nichts Gutes für die nächsten vier Jahre.
18.10.2015, 20:4009.11.2015, 13:49

Die SVP und ihr Vordenker Christoph Blocher berufen sich gerne auf das «Volk». An diesem denkwürdigen Sonntag zeigt sich in aller Deutlichkeit, dass die Schweiz kein einig Volk von Brüdern und Schwestern mehr ist (wenn sie es denn jemals war). Die nationalen Wahlen 2015 haben eine abgrundtiefe Kluft zwischen der ruralen und der urbanen Schweiz aufgerissen. Die SVP hat die Landschaft regelrecht abgegrast und Sitz um Sitz abgeräumt.

Beispielhaft dafür ist der einstige Durchschnittskanton Aargau, der seit Jahren immer mehr nach rechts abdriftet. Nun hat sich dieser Trend verstärkt. Es ist der Lohn der Angst, den die «Volks»-Partei kassiert hat. Die Hüslischweiz fürchtet den Verlust ihrer Idylle aufgrund der starken Zuwanderung und der grossen Flüchtlingstrecks. Die Aussicht hat genügt, dass die Syrer, Iraker und Afghanen auf der Balkanroute an unseren Grenzen auftauchen könnten.

Die Aversionen zwischen der städtischen und der ländlichen Schweiz werden zunehmen. Und damit auch die Entfremdung zwischen den unterschiedlichen Lebensrealitäten.

Die Flüchtlingskrise in Europa war Wasser auf die Mühlen der SVP. Bis vor wenigen Monaten sah es so aus, als ob die SVP stagnieren oder gar leicht verlieren würde. Ihr zunehmend radikales Gebaren hatte Teile ihrer Basis ins Grübeln gebracht. Die FDP schien davon profitieren zu können. Nun haben die Freisinnigen zugelegt, aber nicht so stark wie das «Original».

Hätte die Dampfwalze gestoppt werden können? «Die Stärke der SVP basiert auch auf der Schwäche der Konkurrenz», habe ich in meinem Porträt der Partei geschrieben. Das hat sich im Wahlkampf erneut bewahrheitet. Warum haben die anderen Parteien keine Kampagne gestartet, um das SVP-Referendum gegen das revidierte Asylgesetz anzuprangern? Sie hätten aufzeigen können, dass die SVP an echter Problemlösung nicht interessiert ist.

Ob es etwas genützt hätte, ist eine andere Frage. Gegen Emotionen haben Fakten einen schweren Stand. Und Mässigung ist nicht in Sicht, im Gegenteil. Die Provokateure Christoph Mörgeli und Hans Fehr müssen zwar unfreiwillig den Hut nehmen, sie haben mit Roger Köppel und Andreas Glarner aber mehr als adäquaten Ersatz erhalten. Auch von den anderen «Neuen» ist zu erwarten, dass sie auf Konfrontation und nicht auf Kompromiss geeicht sind.

Vermutlich muss uns das Ausland noch einige Male einen Tritt in die Weichteile geben, wie beim Bankgeheimnis oder zuletzt im FIFA-Skandal.

Es sind düstere Perspektiven für die Schweiz, denn gleichzeitig hat die Linke ihre Vormachtstellung in den städtischen Gebieten zementiert. Dort ist seit längerem eine zunehmend aggressive Stimmung gegenüber der SVP erkennbar. Die Aversionen zwischen der städtischen und der ländlichen Schweiz werden besonders im deutschsprachigen Landesteil zunehmen. Und damit auch die Entfremdung zwischen den unterschiedlichen Lebensrealitäten.

Das macht das Politisieren in den nächsten Jahren zur Herausforderung. Im Nationalrat werden SVP und FDP fast die Hälfte der 200 Sitze einnehmen, im Ständerat dagegen dürften die Verhältnisse stabil bleiben. Grosse Reformen lassen sich damit nur schwer durchbringen. Klar sind dafür die Verhältnisse im Bundesrat. Der Sitz von Eveline Widmer-Schlumpf lässt sich mit noch so viel Haarspalterei nicht länger rechtfertigen. Die SVP muss in die Pflicht genommen werden.

Wo führt das alles hin? Die Herausforderungen für die Schweiz werden nicht kleiner, im Gegenteil. Die nächsten Jahre dürften stürmisch werden. Das betrifft nur schon unser ungeklärtes Verhältnis zur Europäischen Union, wo eine heftige Auseinandersetzung absehbar ist. Ein polarisiertes Land mit einem dysfunktionalen Parlament sind dafür eine denkbar schlechte Voraussetzung.

Vermutlich muss uns das Ausland noch einige Male einen Tritt in die Weichteile geben, wie beim Bankgeheimnis oder zuletzt im FIFA-Skandal. Erst dann lernen wir vielleicht, dass wir uns nicht ins Schneckenhüsli verkriechen und von der bösen Welt abschotten können.

Aber eben nur vielleicht.

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