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Die Merchandise-Lawine rollt, obwohl der Film bereits 4 Jahre alt ist: «Frozen».
Die Merchandise-Lawine rollt, obwohl der Film bereits 4 Jahre alt ist: «Frozen».
Kommentar

Wie ich den Krieg gegen Disney und «Frozen» verlor

14.03.2017, 11:2815.03.2017, 05:06

Seit dem 0:7 im Mini-Tischtennis gegen Sportchef Fehr habe ich mich nicht mehr so schlecht gefühlt. Absolute Hilflosigkeit, Ekel vor mir selbst, Ohnmachtsgefühle. Meine Freundin fühlte sich fast noch mieser: «Wenn ich gewusst hätte, dass ich so ende, hätte ich mich vor vier Jahren erschossen».

Es war eine Niederlage von epischem Ausmass. Wenigstens gab es auch eine Siegerin: unsere Tochter. Sie sass mit leuchtenden Augen und einem viel zu grossen Helm auf der Ursache des Übels, ihrem neuen Velo, einem «Frozen»-Velo. Ja. So weit ist es also gekommen. Wir haben unserer Tochter ein Disney-Velo made in China gekauft.

Sie liebt es, wir weniger – Frozen-Velo.
Sie liebt es, wir weniger – Frozen-Velo.bild: Toy's r us

Es ist ja nicht so, dass wir uns nicht gewehrt hätten, nicht gekämpft hätten. Vielleicht an diesem Tag nicht ganz so verbissen wie auch schon, aber gekämpft haben wir. Im Prinzip hat man als Eltern aber keine Chance.

Der Gegner befindet sich seit ewigen Zeiten im Kriegszustand. Er hat seine Taktik verfeinert, seine Angriffe präzisiert. Wir hingegen sind erst seit vier Jahren Eltern. Es ist wie bei der Schlacht bei den Thermopylen als sich Leonidas' bescheidene Truppe gegen Xerxes' riesiges Heer verteidigen musste. Die Niederlage war vorprogrammiert. Es ging beim Kampf nur noch darum, Würde zu bewahren.

Der Krieg gegen die schamlosen Verführer der Kinder ist ein Mehrfrontenkrieg. Spielzeug-, Klamotten-, Unterhaltungsprogramm- und Nahrungsmittelhersteller. Alle greifen gleichzeitig an. Täglich, stündlich, manchmal sogar im Sekundentakt.  

«Aber weisch, Schätzli, dä Maa, wo das gmacht hätt, dä Opa Disney, das isch en rassistische, fraueverachtende Antisemit gsii!»
Mein altersgerechter Versuch der subtilen Beeinflussung
«Weisch Pappi. Violett findi eigentlich nümä so schön, aber es violetts Velo isch mega schön!»
Die Antwort der Tochter. Bämm

Und dann sind da noch die Trojanischen Pferde, welche die elterlichen Positionen unterwandern. Meist repräsentiert von der Verwandtschaft. Sie meinen es gut. Aber «gut gemeint» ist ja bekanntlich das Gegenteil von gut.

Sie liebt sie, wir weniger – Frozen-Leggins
Sie liebt sie, wir weniger – Frozen-Leggins

Die momentan brachialsten Waffen des Gegners lauten Elsa und Anna. Sie sind die Protagonistinnen von «Frozen», einem Disney-Kinofilm, der 2013 auf den Markt kam, 1.3 Milliarden Dollar einspielte und eine Lawine an Merchandiseartikeln ausgelöste.

Im Januar 2016 belegte das Eismärchen hinter «Harry Potter», «Toy Story», «Cars» und «Star Wars» bereits den 5. Platz in Sachen erzielte Merchandise-Milliarden (5.3 Milliarden). Und das mit nur gerade einem Film. Schätzungen gehen davon aus, dass «Frozen» mittlerweile bereits auf Rang zwei vorgedrungen ist. 

Von alledem hat unsere Tochter natürlich keine Ahnung. Überhaupt hält sich ihre Ahnung von «Frozen» in überschaubaren Grenzen. Sie hat den Film nie gesehen. Nicht eine Sekunde davon. Ihre Kenntnis beschränkt sich auf die Namen der Protagonisten: «Dä Christoff findi schön», sagte sie kürzlich und bevor ich begriff, lief vor meinem geistigen Auge ein ganz anderer (Horror-)Film ab.

Der schöne Kristoff aus «Frozen» 
Der schöne Kristoff aus «Frozen» bild: screenshot Frozen

So läuft das heute. Zuerst die Merchandise-Flut, dann der Film. Die Kinder werden infiziert, ohne dass sie es bemerken, in der Krippe, im Kindergarten, bei Verwandten oder auf dem Spielplatz. Von dort bringen sie es nach Hause und die wahren Leidtragenden sind die Eltern. «Frozen» ist eigentlich nichts anderes als eine Magendarm-Grippe.

«Weisch, dä armi Maa in China, wo das Velo gmacht hett, dä chuntt fascht nüt defür über und muess so vill schaffe, dass er sini Chinde nie cha gsee!»
Der zweite Versuch der subtilen Beeinflussung
«Es hätt es Chindersitzli für mini Bäbis!»
Die Antwort der Tochter. Bähähämm

Natürlich muss man sich dem nicht fügen. Selbstverständlich gibt es Alternativen und ja, in vielerlei Hinsicht sind wir konsequente Eltern mit einer manchmal recht harten Linie.

Der Krieg gegen die schamlosen Verführer der Kinder ist aber eben auch ein Abnützungskrieg. Totaler Sisyphos. Gelingt ein Teilsieg in der Spielwarenabteilung, wartet bereits die nächste Schlacht an der Kasse. Wer nur eine Sekunde nicht aufpasst wird Opfer eines Hinterhalts – manchmal reicht ein unvorsichtiges Abbiegen im Kaufhaus. Und dann bleibt nur noch die Wahl zwischen Kapitulation oder Terror.

Sanitäre Anlagen in der Zhen-Yang- und Lam-Sun-Fabrik in China. In beiden wird für Disney produziert.
Sanitäre Anlagen in der Zhen-Yang- und Lam-Sun-Fabrik in China. In beiden wird für Disney produziert.bild: china labour watch
Chinesische Arbeiter beim Herstellen von Disney-Produkten in der Zhen-Yang-Fabrik in Guangdong.
Chinesische Arbeiter beim Herstellen von Disney-Produkten in der Zhen-Yang-Fabrik in Guangdong.bild: China labour watch

Der Krieg gegen die schamlosen Verführer der Kinder ist ein Stellvertreterkrieg. Denn unser eigentlicher Feind betritt das Schlachtfeld nie. Im Gegenteil. Er liefert nur die Munition – in der Regel made in China. 30'000 Hersteller produzieren dort Disney-Produkte. Laut China Labour Watch, das nur ganz wenige Fabriken besuchen konnte, sind die Verhältnisse sogar für dortige Verhältnisse zum Teil katastrophal.

Der Krieg gegen die schamlosen Verführer der Kindes ist aber vor allem ein persönlicher Krieg. Die Prinzipien meiner Freundin und mir gegen die leuchtenden Augen meiner Tochter, die sich in Sekundenbruchteilen mit Tränen füllen können.

Man mag uns verzeihen, wenn wir manchmal einknicken. Wenigstens hin und wieder. Denn meine Tochter ist erst vier Jahre alt – und wir sind bereits jetzt schon sehr, sehr kriegsmüde.

Disney World nach der Apokalypse

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Disney World nach der Apokalypse
quelle: michael feeney / michael feeney
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45 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Karl Müller
14.03.2017 12:30registriert März 2015
Und der Computer, mit dem Papi diesen Text geschrieben hat, wurde wahrscheinlich im Emmental handgeklöppelt bei einem Stundenlohn von 50 Fr. Und bei den Werbeeinahmen, mit denen Papi letztlich das Velo bezahlt hat, wurden kinderbeeinflussende Konzerne konsequent ausgeschlossen ... oder?
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Asmodeus
14.03.2017 11:37registriert Dezember 2014
Still hating on Frozen?

Let it go, man.

Let it go.
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Hand-Solo
14.03.2017 11:50registriert März 2014
Was ist genau denn jetzt das Problem an Frozen? Das es von Disney ist, und der alte Herr (übrigens seit 50 Jahren tot) damals Salonfähige Haltungen vertrat? Oder das der Plunder in Fernost unter fragwürdigen Bedingungen produziert wurde, wie z.B: iPhones und fast sämtliche Kleidung auch? Oder geht es generell gegen Kapitalismus/Konsumverhalten im generellen?
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