«Alice» bringt uns nicht ins ESC-Wunderland
Die Thunerin Veronica Fusaro ist eine versierte Pop- und Soulmusikerin, sie durfte 2019 gar beim traditionsreichen Glastonbury Festival in England auftreten. Die internationale Bühne ist ihr bereits vertraut und im Mai wird sie die Schweiz am 70. Eurovision Song Contest in Wien verteten. Mit ihrem ESC-Song «Alice» liefert die 28-Jährige einen schönen, soliden Song, ESC-Format hat der Beitrag aber nicht.
«Alice» ist sanft und rockig
Der Song «Alice» beginnt sachte, tastet sich vor mit bluesigem Beat. Veronica Fusaros Stimme setzt ein und bringt Wärme mit. Nach 19 Sekunden schickt die E-Gitarre einen ersten kleinen Gruss. Die Bridge ist noch langsamer, Veronica Fusaro bettet uns kurz auf Wolken, bevor sie uns im Refrain mit dem Fallschirm aus dem Kleinflugzeug fallen lässt und rockiges Tempo aufnimmt. Dieses Schema wiederholt sich, es folgt ein Gitarren-Solo und «Alice» schliesst zum Ende so, wie er begonnen hat: sanft.
Es fehlt an grossen Emotionen
Was ausbleibt: Die Überraschung. Fusaros melancholischer Bluesrock-Song «Alice» ist vorhersehbar. Er fällt im Vergleich zu den Titeln, die die Schweiz in den letzten Jahren an den ESC geschickt hat, deutlich ab. Seit 2019 selektioniert SRF die Songs intern, zuvor wurde am TV per Vorentscheidung samt Publikum entschieden. Die neue Strategie hat sich seither ausgezahlt. Luca Hänni erreichte mit «She got Me» 2019 in Tel Aviv den sensationellen 4. Schlussrang. Gjon's Tears toppte dies 2021 mit «Tout L’Univers» und dem dritten Schlussrang. Der absolute Exploit folgte 2024: Nemo gewann in Malmö mit «The Code» den ESC für die Schweiz. Auch Zoë Më durfte sich letztes Jahr über den 2. Platz im Juryvoting freuen, vom Publikum wurde ihr Song «Voyage» jedoch mit 0 Punkten abgestraft.
Was alle Titel gemeinsam hatten: Sie waren speziell. Sie bewegten, sie regten an, den Song noch einmal zu hören, nochmals tiefer zu tauchen. Kurz: Sie lösten Emotionen aus. «Alice» schafft das nicht. Zumindest nicht in diesem Mass. Der Song ist solide, gut produziert und Veronica Fusaros Stimme überzeugt, ein guter Radiosong. Musikalisch ist er jedoch zu unauffällig, er wagt nichts. Er eckt nicht an, er stört nicht. Diese Eigenschaften stehen jedoch nicht im ESC-Rezept für einen erfolgreichen Song am Wettbewerb. Es geht darum, aufzufallen, zu überraschen, etwas im Publikum auszulösen.
Finaleinzug wird Zitterpartie
«Alice» dürfte es darum im Vergleich zum diesjährigen ESC-Tableau, welches viele laute, schrille Halli-Galli-Songs enthält, schwierig haben, aufzufallen. Veronica Fusaro tritt im zweiten Halbfinal am 14. Mai 2026 an. Was ihr helfen könnte: In diesem Jahr werden auch in den Halbfinals wieder Jurypunkte vergeben. Letztes Jahr entschied alleine das Publikum darüber, welche Länder ins Finale einziehen. Das Publikum liebt tendenziell Auffälliges, Lautes, Spassiges. Jurys verteilen oft mehr Punkte für gut gemachte, anspruchsvoll komponierte und inszenierte Songs. Mit ihrer musikalischen Qualität dürfte die Thunerin darum von der Jurywertung profitieren. Eine Zitterpartie dürfte der Einzug in den Final dennoch bleiben.
