Im Schnitt landet ein Drittel der Lebensmittel auf seiner langen Reise vom Feld oder Stall auf den Teller im Abfall – bereits beim Produzenten, im Verarbeitungsprozess in der Nahrungsmittelindustrie, in Restaurants und Läden oder in den Haushalten. Das geht aus den aktuellsten Zahlen des Bundesamtes für Umwelt (Bafu) hervor. Besonders häufig weggeworfen werden Backwaren, Lagergemüse und Fisch.
Aber auch beim Fleisch wird vieles nicht gegessen. Beim Geflügel sind es – jeweils gemessen am Nährwert des Lebensmittels – 23 Prozent, die weggeworfen werden, beim Schweinefleisch 25 Prozent und beim Rindfleisch gar 30 Prozent.
Ein Grossteil wird schon im Schlachtbetrieb aussortiert, ein weiterer gewichtiger Anteil wird gemäss der Bafu-Statistik von den Konsumenten entsorgt. Die Wegwerfrate im Detailhandel ist vergleichsweise klein, in absoluten Zahlen hingegen geht es um Tonnen von Fleisch.
Hier will nun Coop ansetzen. «Ausgewählte Frischfleischprodukte» werden neu am Tag des Verbrauchsdatums tiefgekühlt und dann für weitere 90 Tage zu einem um 50 Prozent reduzierten Preis angeboten. Das entsprechende Pilotprojekt startet am Montag, 24. Juni, in 16 ausgewählten Filialen im Raum Basel und in den Kantonen Aargau und Solothurn, wie Coop-Sprecherin Sina Gebel präzisiert. Falls die Erfahrungen mit dem Pilotprojekt positiv ausfielen, plane Coop «eine Ausweitung des Konzeptes auf weitere Verkaufsstellen».
Die Idee dahinter: Durch das Einfrieren bleiben das Entrecôte, die Pouletbrust und das Hackfleisch länger haltbar und können folglich auch länger verkauft - und verspeist werden. Die eingefrorenen Fleischstücke im Tiefkühlregal werden dann bei Coop mit dem Sticker «Verwenden statt Verschwenden» gekennzeichnet, ein Projekt.
Der Kampf gegen Foodwaste ist in der Schweiz freiwillig. Vor rund zwei Jahren hat die frühere Zürcher Grünen-Nationalrätin Meret Schneider eine Motion eingereicht, mit der sie ein Verbot für die Vernichtung von Fleischwaren im Detailhandel gefordert hat. Der Bundesrat und danach auch der Nationalrat hingegen wollten nichts davon wissen. Sie vertrauen auf den Aktionsplan gegen Foodwaste. Mit diesem soll die «Menge an vermeidbaren Lebensmittelverlusten in der Schweiz bis 2030» im Vergleich zu 2017 halbiert werden. Dabei setzt der Bundesrat vorerst auf «eigenverantwortliche Massnahmen».
Und auf Standards. So sind etwa die Regeln für die Verlängerung der Fleisch-Verkaufsdauer im Leitfaden zur Reduktion von Lebensmittelverlusten für den Gross- und Detailhandel geregelt, den das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) zusammen mit der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW erarbeitet hat. Er enthält genaue Vorschriften zum Einfrierungsprozess und zur Etikettierung. Hier sind auch die besagten 90 Tage festgeschrieben.
Auch Denner hat diesen Weg eingeschlagen. Der Discounter friert in 140 seiner insgesamt 570 Filialen nicht verkauftes Fleisch ein. Denner stellt es aber nicht ins eigene Tiefkühlregal, sondern gibt es kostenlos an die Caritas-Märkte weiter, wo es wiederum mit einem Rabatt von 66 Prozent verkauft wird. Das Tiefkühlfleisch sei gefragt, sagte Caritas-Märkte-Chef Thomas Künzler im Frühjahr zu CH Media. Es sei jeweils innert zweier Tagen ausverkauft gewesen – von Filet über Wurstwaren zu Gehacktem. «So können sich Menschen Fleisch leisten, deren Budget das sonst nicht zulässt.»
Anders als etwa Coop und Denner hätten kleinere Händler oder Hofläden nicht die Kapazitäten für aufwendige Programme zur Vermeidung von Lebensmittelverlusten, sagt Erika Bauert vom Verein Foodwaste. Doch auch im kleinen und mittelgrossen Detailhandel könnten jährlich insgesamt 20'000 bis 30'000 Tonnen Lebensmittel vor dem Abfallkübel gerettet werden. Der Verein unterstützt deshalb die kleineren Läden, stellt ihnen Informationen zur Verfügung, wie sie den «Verkauf von Produkten mit verlängerter Haltbarkeit unkompliziert, rechtskonform und sicher in die Praxis umzusetzen» können. Und verteilt auch kostenlose «Starter-Sets» mit verschiedenen Etiketten und Merkblättern.
Bei Denner hofft man, dass dank des vor rund einem halben Jahr breit ausgerollten Projekts künftig rund 30 Tonnen Fleisch mehr auf Tellern statt in der Biogasanlage landen. Wie viele Tonnen Fleisch Coop nun zusätzlich vor Foodwaste bewahren wird, kann der Detailhändler nicht beziffern.
Bis anhin hat Coop das Fleisch, das nicht verkauft werden konnte, mehrheitlich gespendet - an die Organisationen Schweizer Tafel und Tischlein deck dich. Allein im vergangenen Jahr habe Coop so rund 32 Millionen Teller für armutsbetroffene Menschen abgegeben, sagt Gebel. Das entspreche 6500 Tonnen Lebensmitteln im Wert von 42 Millionen Franken. «Wir sind damit der grösste Spender von Lebensmitteln an die beiden sozialen Organisationen.»
Die wenigen Reste, die heute weder verkauft noch gespendet werden könnten, würden zu Biogas und Flüssigdünger verwertet, ergänzt Gebel. Dieser Anteil soll nun nochmals etwas kleiner werden.