Ein SP-Ständerat will Twint verstaatlichen – das steckt dahinter
Twint ist in der Schweiz omnipräsent: Sechs von rund neun Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern nutzen die App. 99 Prozent der erwachsenen Bevölkerung kennt die Marke. In vier von fünf Geschäften kann man damit bezahlen. 773 Millionen Transaktionen pro Jahr werden per Twint getätigt (Zahl von 2024). Erst vergangene Woche ergab eine Umfrage: Twint ist das beliebteste Unternehmen der Schweiz.
Doch die Bezahlapp ist nicht jedermanns Liebling. Besonders bei Ladenbesitzern stossen die Gebühren, die bei Bezahlungen via Twint erhoben werden, auf Kritik. Diese betragen je nach Abomodell und Anbieter des Bezahlterminals zwischen 1,3 Prozent und 1,7 Prozent des Verkaufspreises, mit Mindestgebühren von 10 bis 12 Rappen, auch bei Kleinstbeträgen.
Im Juli 2025 reichte deshalb der Verband Swiss Retail Federation, der Firmen wie Manor, Ikea oder Aldi vertritt, bei der Wettbewerbskommission (Weko) eine Klage gegen Twint ein (watson berichtete). Der Vorwurf: Twint missbrauche seine «relative Marktmacht» und die Abhängigkeit der Händler, um Gebühren zu maximieren.
Wie Bargeld: Nationalbank soll über Twint verfügen
Nun wird Twint auch im Bundeshaus zum Politikum: Der Genfer SP-Ständerat Carlo Sommaruga hat vor Kurzem eine Motion eingereicht. Er verlangt vom Bundesrat, eine Strategie auszuarbeiten, damit Twint eine öffentliche und für Privatpersonen wie Händler kostenlose Dienstleistung wird. Anders formuliert: Twint soll verstaatlicht werden. Demnächst wird der Ständerat über die Forderung debattieren.
Die Schweizerische Nationalbank (SNB) stelle im Auftrag des Bundes das Bargeld der Öffentlichkeit kostenlos zur Verfügung, obwohl Herstellung und Distribution mit Kosten verbunden seien, schreibt Sommaruga in der Begründung seiner Motion. Angesichts der zunehmenden Bedeutung des elektronischen Zahlungsverkehrs, bei welchem Twint eine herausragende Rolle spielt, scheine es ihm «eine unverzichtbare öffentliche Dienstleistung zu sein», sagte der Genfer Ständerat am Montag in der Sendung «La Matinale» des Westschweizer Radios RTS.
Aktuell gehört Twint vier grossen Schweizer Banken (UBS, Raiffeisen, PostFinance, ZKB, Banque Cantonale Vaudoise) sowie den Finanzdienstleistungsunternehmen Six und Wordline. Weil Twint für Privatpersonen gratis nutzbar ist, stehe diese Nutzung für sie auf einer Stufe mit dem Bargeld, argumentiert Sozialdemokrat Sommaruga. Anders als beim Bargeld müssten Händler jedoch hohe Gebühren für Twint zahlen.
«Eine ziemlich bolschewistische Vision»
Für Sommaruga sind zwei verschiedene Wege denkbar, wie Twint in eine öffentliche Dienstleistung (Service public) transformiert werden kann. Er verweist dazu auf Beispiele aus dem Ausland. In nordischen Ländern wie Schweden und Norwegen, aber auch in Singapur, arbeiteten staatliche Behörden eng mit den Banken zusammen, um einen «quasi-öffentlichen, regulierten elektronischen Sofortzahlungsdienst» anzubieten.
Doch wie Sommaruga gegenüber RTS sagt, würde er sich wünschen, dass sich der Bundesrat an Brasilien orientiert. Dort führte die Zentralbank 2020 das Bezahlsystem Pix ein und verpflichtete die Banken zur Teilnahme. Damit wurde laut Sommaruga verhindert, dass Grossbanken mit einem privaten System «den Markt monopolisieren und ihre Bedingungen durchsetzen». Ähnlich wie Twint ermöglicht Pix kostenlose Transaktionen zwischen Privatpersonen. Für Geschäftstransaktionen fallen Gebühren von maximal 0,33 Prozent an – deutlich weniger als bei Twint.
Für den Genfer Mitte-Nationalrat Vincent Maitre ist Sommarugas Forderung der Verstaatlichung eines Privatunternehmens eine «ziemlich bolschewistische Vision». Eine Dienstleistung wie Twint könne nicht kostenlos sein, ob sie nun in privaten Händen oder durch die Nationalbank erbracht werde, so Maitre gegenüber RTS. «Irgendjemand zahlt am Ende immer: wenn nicht der Konsument, dann der Steuerzahler.» Statt einer Verstaatlichung plädiert der Mitte-Nationalrat dafür, die kleinen Unternehmen zu unterstützen, indem die von Twint und anderen Anbietern wie Debit- und Kreditkartenfirmen erhobenen Gebühren begrenzt werden.
