Neuer Lewinsky-Roman über deutsch-jüdischen Filmproduzenten Melnitz
In seinem neuen Roman «Eine andere Geschichte» erzählt der Autor Charles Lewinsky das Leben des deutsch-jüdischen Filmproduzenten Curtis Melnitz. «Eine alltägliche Geschichte mit tragischen Einsprengseln» – wie der Protagonist sein Leben selbst beschreibt – wird raffiniert und mit viel Witz wunderbar erzählt.
Von Curtis Melnitz hörte Charles Lewinsky zum ersten Mal als kleiner Junge von seiner Grossmutter: Sie habe von einem Mann erzählt, der eines Tages, als sie in Leipzig lebten, im Auto vorgefahren sei und sich als Verwandter vorgestellt habe. Er sei ein wichtiger Mann in Hollywood, und sei vorbeigekommen, um sie zu warnen. «Verschwindet aus Deutschland», habe er gesagt, "hier wird es für Juden ganz schlimm. Das stellt Lewinsky selber in einer kurzen Erläuterung dem Buch voran.
Melnitz gab es wirklich, und seit Lewinsky Bücher schreibt, habe er einen Roman aus der Figur dieses Mannes machen wollen. Kurz vor dem 80. Geburtstag des Schweizer Schriftstellers (14. April) ist es nun soweit, dass Leserinnen und Leser den Roman in den Buchhandlungen finden. Mit dem Melnitz aus dem gleichnamigen Roman aus dem Jahr 2006 hat die neue Geschichte allerdings nichts zu tun. Eine andere Geschichte eben.
«Eine Scheissmethode»
Sie führt ins Los Angeles des Jahres 1959. Der 80-jährige Curtis Melnitz hat jede Nacht Albträume und braucht unbedingt Schlaftabletten. Aber die bekommt er nur, wenn er regelmässig zur Psychoanalyse geht. Auf der Couch des Psychiaters erzählt er von seinem Leben als Filmproduzent – zweimal pro Woche.
Anfangs betont widerwillig: «Es ist eine Scheissmethode, Ihre Gesprächstherapie. Eine Scheissmethode. Eine ganze Packung Schlafmittel auf einmal schlucken, das wäre das Vernünftigste.» Aber allmählich öffnet er sich.
Amüsant und selbstironisch erzählt Melnitz dem Psychiater «Dr. Cowan» seine Lebensgeschichte. Während sich der Arzt mehr für klassische Musik und Konzerte interessiert und nie ins Kino geht, findet Melnitz für jede Lebenslage eine Analogie aus einem Film, und er verpackt seine Erlebnisse in Szenen oder gedachte Drehbücher.
«Jeder Mensch denkt so, wie es zu seinem Beruf passt. Sie sehen in jedem, der Ihnen begegnet, einen Verrückten. Ich sehe in jedem Ereignis eine Filmszene.» So würde er etwa seiner ersten Ehe keine Jugendfreigabe geben, wegen der Kraftausdrücke, die regelmässig gefallen sind. Oder wenn er Leipzig nach dem Ersten Weltkrieg beschreibt: «Die Kulissen standen noch, aber der Film war abgedreht.»
Eine Geschichte voller Filmintrigen, durchgeknallter Regisseure und grössenwahnsinniger Schauspieler, über Blockbuster und grosse Flops. Wenn Melnitz von seinem Leben zwischen Hollywood und Berlin erzählt, von der Zeit des schwarz-weissen Stummfilms bis hin erst zum Ton- und dann zum Farbfilm, ist der Roman auch eine Reise durch die amerikanische Filmgeschichte – immer mit der passenden Pointe.
«Wissen Sie, was im Film am besten wie Blut aussieht? Schokoladensirup. Nicht im Farbfilm natürlich, aber in Schwarz-Weiss. Hitchcock hat ...»
Filmgeschichte als Metaebene
Eine weitere Erzählebene entsteht durch die Zeitsprünge zwischen der Gegenwart im Roman (1959) und der Vergangenheit: Vergleiche etwa von damals neuen mit früheren Filmen lassen die Leserinnen und Leser immer wieder auch Bezüge zu heute herstellen.
Melnitz erinnert sich an frühere Sensationen: «Damals sind die Leute noch gerannt, nur um vorgeführt zu bekommen, wie ein Zug einfährt.» Und vergleicht es mit seiner Gegenwart, in der Filme wie «Ben Hur» – mit elf Oscars einer der erfolgreichsten amerikanischen Filme – für dreieinhalb Stunden die Kinosäle füllen.
Das kontrastiert mit der Gegenwart: Heute sind die Kinos in einer Krise, Streaming-Dienste boomen und verdrängen das klassische Kino. Selbst Mitglieder der Oscar-Jury wollen die Streifen nicht mehr auf der grossen Leinwand sehen, sondern lieber als Stream zur Verfügung gestellt bekommen.
Melnitz auf der Couch seines Psychiaters schweift ab, findet aber immer wieder zurück zu seiner eigenen Geschichte. «Ich weiss selber, dass ich nicht beim Thema bleibe.»
Der ganze Roman «Eine andere Geschichte» besteht aus den Gedanken und Erzählungen eines einzigen Mannes. Selbst der Psychiater kommt nicht zu Wort. Die Leserin oder der Leser kann nur aus Melnitz' Reaktionen erahnen, was Doktor Cowan tut oder sagt. Faszinierend ist, wie gut das funktioniert.
Curtis Melnitz macht im Verlauf der Geschichte einen bemerkenswerten Wandel durch. Und genau wie er nach und nach Gefallen an den Therapiesitzungen findet, können auch die Leserin und der Leser es nicht erwarten, in jedem nächsten Kapitel wieder mit im Sprechzimmer zu sitzen. Dabei erzählt Melnitz auch von schmerzlichen Begegnungen und Schuldgefühlen. Aber über seine schlimmen Albträume will er einfach nicht sprechen. (sda)
