«Voraussichtlich im September» will die SRG kommunizieren, in welcher Stadt und Halle der Eurovision Song Contest (ESC) nächstes Jahr stattfinden wird. So berichtete es kürzlich das SRG-Medium SRF - und mit ihm verschiedene andere Titel. Denn nach dem Sieg von Nemo ist die Schweiz daran, die grösste Musikshow der Welt mit etwa 180 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauern vor dem TV auszurichten.
Doch der Zeitplan der SRG sorgt für Kritik. Denn das Alltagsgeschäft der infrage kommenden Arenen steht nicht still - und Konzerte werden oft über ein Jahr im Voraus gebucht, Kongresse zum Teil sogar über fünf Jahre. Die Zürcher Swiss-Life-Arena nimmt sich wegen bereits gebuchter Veranstaltungen und allfälligen Playoff-Spielen der ZSC Lions denn auch schon aus dem Rennen für den ESC 2025 - selbst wenn die Stadt eine Ausnahme im Konkurrenzverbot für das Hallenstadion ermöglichen würde. «Das würde nichts daran ändern, dass wir über weite Strecken schon besetzt sind», sagte ZSC-CEO Peter Zahner diese Woche der «NZZ».
Für die infrage kommenden Arenen wäre ein schneller Entscheid der SRG deshalb wichtig. Es kann ein grosser wirtschaftlicher Schaden entstehen, wenn eine Halle die Termine für den ESC freihält - dabei handelt es sich um ein Zeitfenster von mehreren Wochen -, diesen aber doch nicht erhält. In der Branche halten viele einen Entscheid erst im Herbst für zu spät.
In der Basler St.Jakobshalle sind ebenfalls bereits mehrere Veranstaltungen für den entsprechenden Zeitraum im April und Mai 2025 gebucht, die verschoben werden müssten. Weitere könnten in den nächsten Wochen und Monaten hinzukommen. Das Präsidialdepartement des Kantons Basel-Stadt hält sich mit offizieller Kritik am Zeitplan der SRG aber zurück. Den detaillierten Anforderungskatalog der SRG erwarte man noch diesen Monat, sagt Sprecherin Melanie Imhof. Zu möglichen Zeitplänen könne man sich deshalb nicht äussern. Aus heutiger Sicht kämen in Basel die St. Jakobshalle oder die Messe infrage.
Philipp Musshafen, Direktor des Zürcher Hallenstadions, müsste bereits jetzt zwölf Veranstaltungen umbuchen. «Ein Entscheid im September wäre aus unserer Sicht definitiv zu spät», sagt er. «Einerseits benötigen wir schnellstmöglich Klarheit, um den Austausch mit den Kunden bezüglich bereits reservierter Events zu suchen.» Andererseits könne er den Veranstaltungskalender nicht bis im September blockieren. «Wir müssen weiterhin Veranstaltungen annehmen, da wir im schlimmsten Fall sechs Wochen freihalten würden und letztlich keine Buchungen in diesem Zeitraum hätten.»
Je schneller ein Entscheid falle, desto besser. Er verstehe, dass solche Prozesse eine Weile dauerten. Dennoch würde er einen Entscheid in den nächsten Wochen «sehr willkommen heissen». Das Hallenstadion wolle den ESC 2025 «unbedingt». Sollte sich der Entscheid aber hinauszögern, müsste mit der SRG nach Lösungsansätzen gesucht werden, sagt Musshafen. Ein möglicher sei eine Reservationsgebühr für den entsprechenden Zeitraum.
Keinen Kommentar zur Frage nach den Zeitplänen abgeben will Tom Winter, Chef der Berner Bernexpo. Diese eröffnet nächsten Frühling die neue Festhalle und ist laut ihm weiterhin interessiert an einer Durchführung des ESC, «auch wenn es ein Kraftakt würde».
Die SRG lässt immerhin die Möglichkeit offen, schneller zu entscheiden. Laut Sprecher Edi Estermann habe man an der Medienorientierung am vergangenen Sonntag lediglich gesagt, dass es als Erfahrungswert in anderen Ländern bis August oder September gedauert habe, bis ein Austragungsort festgelegt worden sei.
Allerdings schafften es viele Veranstalter auch zügiger: Dass Malmö dieses Jahr zum Zug kam, wurde bereits Anfang Juli 2023 kommuniziert. Die Austragung des ESC im Jahr 2018 in Lissabon wurde ebenfalls bereits im Juli des Vorjahres bekannt gegeben. Dass die Ausgabe 2015 in Wien stattfindet, war schon Anfang August 2014 klar.
SRG-Sprecher Estermann sagt, dass die Arbeiten der Taskforce bereits begonnen hätten. Wichtig sei, dass der Auswahlprozess korrekt und fair durchgeführt werden könne.
Auch eine Woche nach dem Schweizer ESC-Sieg sehen in der Branche die meisten Genf mit den Palexpo-Hallen, Zürich mit dem Hallenstadion und Basel mit der St. Jakobshalle als Favoriten. Zürich ist zwar für viele in der Poleposition. Die Halle bietet mehr Kapazität und Dachlast als jene in Basel und müsste nicht umgebaut werden wie jene in Genf. Hinzu kommt der Vorteil der Hotelkapazitäten. Mit den Flughafengemeinden Opfikon und Kloten sowie Winterthur kann Zürich über 25'000 Betten in der Hotellerie bereit stellen, während Genf mit umliegenden Gemeinden auf gut 17'000 kommt und Basel mit Riehen, Liestal BL und Pratteln BL auf knapp 10'000.
Das Hallenstadion kann zudem das fertige Grossanlass-Konzept der wegen Corona abgesagten Eishockey-WM 2020 relativ schnell auf den ESC adaptieren. Doch das alleine reicht nicht. Mitentscheidend dürfte sein, wie viel finanzielle Unterstützung die öffentliche Hand leistet - und hier ist das Rennen offen. Sowohl die Kantone Genf und Basel-Stadt als auch die Stadt Zürich sind in einer komfortablen finanziellen Lage. Sie können sich die Ausgaben leisten - und sind es wohl auch gewillt. Das zeigen andere Beispiele.
Die Stadt Zürich etwa investiert alleine in die diesjährige Rad-WM knapp 8 Millionen Franken, der Kanton Zürich steuert weitere 3 Millionen Franken bei. Mindestens in dieser Grössenordnung, möglicherweise aber auch darüber, dürften sich die Ausgaben bewegen, die für eine Austragung des ESC fällig werden. Laut Untersuchungen können sie in Form von Wertschöpfung aber mehrfach hereingeholt werden - weil die Besucherinnen und Besucher in Hotels übernachten, in Restaurants essen oder in den Läden einkaufen. (aargauerzeitung.ch)