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Interview

«Meine Sekten-Kindheit holte mich immer wieder ein»: Divertimento-Star packt aus

Mit Divertimento feiert er Erfolge, doch privat stürzt Jonny Fischer immer wieder ab. Trank zu viel, hatte Wutausbrüche, fühlte sich einsam. Im grossen Interview erzählt er wie es war, als er mit 15 aus der Sekte seines Vaters austrat und warum er so lange mit seiner Homosexualität haderte.
16.09.2021, 08:5916.09.2021, 09:10
Katja Fischer De Santi / ch media

«Ich bin auch Jonathan»: So heisst die Biografie von Divertimento-Star Jonny Fischer aus Zug, die am 15. September erschienen ist. Das Buch sei seine Therapie gewesen, absolut schonungslose Ehrlichkeit der Weg dazu. Zu lange hatte er seine Vergangenheit zu verstecken versucht, zu lange den immer fröhlichen Jonny gespielt.

Jonny Fischer hat seine Biographie veröffentlicht – «Ich bin auch Jonathan»
Jonny Fischer hat seine Biographie veröffentlicht – «Ich bin auch Jonathan»
. Bild: SRF

Wer ist dieser Jonathan, der Ihrer Biografie den Titel gegeben hat?
Jonny Fischer:
Jener Teil von mir, mit dem ich lange nichts mehr zu tun haben wollte. Ein schüchterner Junge, der immer rote Ohren und Backen bekam, wenn er vor anderen etwas sagen wollte. Ein Bub, der sich ungeliebt gefühlt hat und so gerne einfach normal gewesen wäre.

Zur Person
Geboren 1979 und als Jonathan getauft, wächst Jonny Fischer mit zwei Brüdern in einer streng christlichen Familie in Läufelfingen (BL) auf. Der Vater ist Keramiker, die Mutter Lehrerin. Ende der 1980er-Jahre gründet der Vater eine eigene radikale Glaubensgemeinschaft. Mit 15 Jahren sagt sich Jonny von der Gemeinschaft los. Besucht später das katholische Lehrerseminar in Zug und unterrichtet als Sport- und Biologielehrer. Seit der Semi-Zeit tritt er mit Manuel Burkhart als Comedy-Duo auf. Ab 2005 werden sie so erfolgreich, dass er den Lehrerberuf aufgibt. Seit 2007 spielen sie als Duo Divertimento vor vollen Rängen, gewannen fünfmal den Prix Walo, füllten 2015 zweimal hintereinander das Hallenstadion. Diverse Programme, Touren und Fernsehprojekte folgten. Er ist verheiratet mit Michi Angehrn und lebt in Zug.

Warum haben Sie sich nicht normal gefühlt?
Meine Familie war anders als die anderen Familien in Läufelfingen. Wir wohnten in diesem uralten Haus, bei uns wurde gebetet oder gearbeitet – auch wir drei Buben –, alles andere war sündig, ich kam mir sündig vor. Öfters setzte es für mich, weil ich am meisten aufmuckte, Schläge meines Vaters. Ich habe mich dauernd geschämt, zu Hause für meine Gedanken, draussen für meine Familie. Ich gehörte nirgends dazu.​

«Sie haben danach einfach weitergemacht – ohne mich, als würde es mich nicht geben. Das war grauenhaft.»

Ihr Vater hat eine radikale Glaubensgemeinschaft gegründet. Predigte davon, dass das Ende nah sei und nur jene gerettet werden, die ein sündenfreies Leben führen. Was hat das mit Ihnen als Kind gemacht?
Es machte mir ungeheure Angst. Bei jedem heftigen Gewitter hatte ich das Gefühl, die Welt gehe unter. Ich versteckte mich unter der Decke und fürchtete, wenn ich den Kopf wieder rausstreckte, allein zu sein, als einziger Sünder zurückgelassen. Die ständige Angst, etwas Falsches zu tun, hat in mir bis heute tiefe Spuren hinterlassen.​

Mit 15 Jahren sind Sie aufgestanden und haben vor versammelter Gemeinde den Austritt aus der Sekte Ihres Vaters verkündet. Wie schafft man so etwas?
Ich weiss nicht mehr, woher ich diesen Mut aufbrachte. Ich habe damit mit einem Schlag alles verloren, meine Familie und meinen Glauben. Sie haben danach einfach weitergemacht – ohne mich, als würde es mich nicht geben, obwohl ich noch im Haus gewohnt habe. Das war grauenhaft. Aber es war der Drang in mir, aufrichtig zu sein, ich konnte diese Doppelbödigkeit nicht mehr länger ertragen, es hat sich falsch angefühlt.

Es gab in Ihrem Leben immer wieder diese klaren Zäsuren
Ja, mein Outing als Homosexueller war so eine, meine Selbsteinlieferung in eine psychiatrische Klinik war eine und auch dieses Buch ist wieder so ein Moment der Aufrichtigkeit.

Warum?
Ich habe sehr lange versucht, so zu tun, als gäbe es nur noch Jonny, den erfolgreichen Komiker, den immer gut gelaunten Freund, aber das hat nicht funktioniert, das war schlimm. Ich will zu Jonathan stehen.

Das Buch ist an einigen Stellen so detailliert und intim, dass es schwer erträglich ist. Warum müssen alle wissen, wie oft Sie sich unglücklich in heterosexuelle Männer verliebt haben?
Weil ich aufrichtig sein und meine ganze Seele auf den Tisch knallen will. Halbe Sachen interessieren mich nicht.

Wäre dieses Buch auch möglich gewesen, wenn Ihr Vater noch leben würde?
Nein, das hätte ich ihm nicht angetan, er hätte es nicht verstanden. Aber ich habe ihm verziehen. Anders meine Mutter, sie war selbst auch Opfer der Umstände, mit ihr konnte ich mich aussöhnen. Leider ist sie nun sehr schwer krank, sonst wäre sie an die Buchpremiere gekommen, was mir unglaublich viel bedeutet, nachdem meine Eltern ja nicht an meine Hochzeit gekommen sind.

Es gibt da diese Szene im Buch: Ihr habt als Divertimento gerade den ersten Prix Walo überreicht bekommen und dann sitzen Sie nachts allein in einer Bar und trinken sich ins Elend, war das wirklich so?
Es war noch schlimmer, diese Bar war noch so ein Drecksloch und ich hätte jeden Freund anrufen können und jeder wäre gekommen, aber ich wollte mich niemandem zumuten. Traurig und doof zugleich.

«Ja, in meinen Anfängen brauchte ich den Applaus, als Liebesersatz, aber ich fürchtete den Auftritt.»

Haben Sie sich in ihrer Einsamkeit neben dem Schein werferlicht nicht auch etwas gesuhlt?
Ich hatte wirklich das Gefühl, es nicht wert zu sein, dass man sich um mich kümmert. Mir hat das Nest gefehlt, wo ich mich jederzeit und bedingungslos sicher fühlen konnte. Heute habe ich das – auch dank meines Mannes.

Hat Sie dieses Gefühl, nicht geliebt zu werden, auf die Bühne getrieben?
Ja, in meinen Anfängen brauchte ich den Applaus, als Liebesersatz, aber ich fürchtete den Auftritt. Ich starb tausend Tode, mir wurde schlecht. Als wir 2015 im Hallenstadion vor achteinhalbtausend Leuten spielten, kotzte ich zwei Minuten vor dem Auftritt in eine Tonne.

Warum haben Sie es trotzdem getan?
Früher, um zu gefallen. Ich arbeitete unglaublich viel, aber ich schaffte 92 Prozent dafür, dass die Leute Freude an mir haben und gerade mal 8 Prozent für mich. Wer so arbeitet, der brennt aus und das tat ich mit grosser Zuverlässigkeit immer wieder.

Alkohol diente Ihnen dann als Tröster?
Ja, Alkohol half mir herunterzukommen, endlich mich selbst zu sein, mit dem Resultat, dass ich regelmässig ins heulende Elend kam, mich einmal bis zu einer Alkoholvergiftung soff.

Trinken Sie heute gar nicht mehr?
Doch, ich kann jetzt genusstrinken. Ich war ja nie ein Alkoholiker, ich konnte immer lange ohne Alkohol sein. Heute trinke aber nur, wenn es mir gut geht.

«Ich hatte und habe keinen Plan B.»

2017 hätte sich Divertimento fast aufgelöst, auf dem absoluten Höhepunkt. Was war passiert?
Manu hatte die Schnauze voll und ich fiel aus allen Wolken. Das war Horror, es kam so aus dem Nichts für mich. Wir hatten einen Streit wie schon Hunderte zuvor. Aber es war ein Wutausbruch meinerseits zu viel gewesen.

Was hätten Sie getan, wenn Sie beide sich nicht mehr versöhnt hätten?
Keine Ahnung, ich hatte und habe keinen Plan B. Und vor allem es gab uns ja in der Öffentlichkeit gar nicht als Einzelpersonen. Das haben wir seither geändert, machen mehr Projekte alleine und freuen uns dann umso mehr, endlich wieder zusammenarbeiten zu können.

Was bedeutet Manu Burkard Ihnen?
Er ist der Mensch, mit dem ich im Leben am allermeisten Zeit verbrachte habe. Aber wir sind nicht beste Freunde. Ich habe meine Abstürze nicht mit ihm geteilt. Wir sind sehr verschieden, gehen fast jede Sache anders an, das hätte uns auch fast getrennt, unterdessen ist es wieder zu einer Stärke von uns geworden.

Die Cabaretisten Divertimento Jonny Fischer (links) und Manuel Burkart.
Die Cabaretisten Divertimento Jonny Fischer (links) und Manuel Burkart.
Bild: PPR

Glauben Sie noch an Gott?
Nein, nicht im kirchlichen Sinn. Aber mir fällt in meinem Leben so viel in den Schoss, dass ich glaube, dass es da eine Kraft gibt, die mein Leben lenkt, die mich als das akzeptiert, was ich bin, wenn ich bei mir bin.

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