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Die Schüler von Gossau ZH posieren für Facebook mit ihren Edelweiss-Hemden.<br data-editable="remove">
Die Schüler von Gossau ZH posieren für Facebook mit ihren Edelweiss-Hemden.
bild: facebook

Edelweiss ist Edelweiss, nur Rassist ist keiner: Gossau steckt im Nebel fest

In Gossau ZH steht die Welt Kopf: Hier gehen Eltern an die Medien, Schulleiter verurteilen ihre Fachkräfte und Schüler verteidigen ihre Lehrerin. Eine Geschichte über Adlerpullis, Edelweiss-Hemden, geheime Whatsapp-Chats und kalte Eisen.
15.12.2015, 08:4817.12.2015, 07:22

Am ehrlichsten ist vielleicht die «Kafi Huus»-Wirtin im Zentrum Gossaus – klipp und klar und gerade heraus: «Sie wollen wissen, was die Leute sagen? Das kann ich Ihnen schon sagen: Die Lehrerin ist schuld an dem Ganzen! Dass die sowas verbietet! Aus einer Mücke einen Elefanten machen», ruft die 53-Jährige. «Ein Kopftuch darf man tragen an der Schule, aber ein Edelweiss-Hemd nicht?», fragt sie.

Dass an der Sekundarschule Gossau keine einzige Schülerin ein Kopftuch trägt, überrascht die Wirtin dann doch ein bisschen. «Tatsächlich?», stutzt sie, und sie muss sich versichern: «Kein einziges Kopftuch? Ok gut, aber sonst haben wir alles hier!»

Aussprache am Montagmorgen

Der Nebel liegt tief in Gossau und niemand hat mehr so richtig den Durchblick. Am Freitag war etwas passiert, dass am Montag dann doch wieder nichts war. Eine Lehrerin hatte zehn Schülern verboten, ein Edelweiss-Hemd zu tragen, weil es rassistisch sei. Unbekannte steckten das der «Sonntags Zeitung».

Am Montagvormittag gab es dann eine Aussprache, die Lehrerin entschuldigte sich bei drei 15-jährigen Schülern. Diese erklärten, bloss «stolze Patrioten» zu sein und deswegen die Hemden getragen zu haben. Das werde ja wohl noch erlaubt sein. An einem Edelweiss-Hemd gebe es ja nun wirklich nichts auszusetzen. Da sind sich alle einig. Nichtsdestotrotz sind alle schrecklich aufgeregt.

Schüler am Montag vor der Sekundarschule Gossau.&nbsp;<br data-editable="remove">
Schüler am Montag vor der Sekundarschule Gossau. 
Bild: watson

Fabrizio*, Annalena* und Leon* kriegen sich im Innenhof der Schule beinahe in die Haare: «Zehn von denen sind so in die Schule gekommen», ruft Fabrizio. Sie alle drei gehen in die gleiche Klasse wie die Edelweiss-Crew. «Es ist einfach ein Unterschied, wenn einer so in die Schule kommt oder ob zehn so in die Schule kommen», sagt Fabrizio aufgeregt. «Ach was», erwidert Annalena, «es hätte auch Sprüche gegeben, wenn nur einer so gekommen wäre.» Annalenas Wangen werden rot. Sie schaut bittend: «Sie wollten nicht provozieren!»

«Aber nur deswegen ist es so eskaliert wie jetzt! Sogar der Schulleiter hat Angst gekriegt», sagt Fabrizio. Leon nickt, sodass seine Locken wippen: «Ja, wenn nur einer im Hemd gekommen wäre, wäre er niemals gebeten worden, es auszuziehen. Sie haben es geplant und abgemacht.»

«Sie», das sind rund zehn Jugendliche der dritten Sekundarklasse. Am Freitag verabredeten sie sich, Edelweiss-Hemden zu tragen, um zu zeigen, wie stolz sie auf die Schweiz sind. Am Tag zuvor hatte das Schülerparlament das Edelweiss-Hemd debattiert. Es ging darum, ob man es nun tragen dürfe oder nicht. Es war nicht das erste Mal, dass einer im Hemd erschien. Das Resultat der Debatte war noch nicht verkündet. 

Der ominöse «Chat»

Fabrizio und Annalena hätten am Freitag auch ein Hemd tragen sollen. «Sie haben gefragt, ob ich mitmache», sagt Annalena. «Ich wollte aber nicht, obwohl ich Schweizerin bin.» Von den zehn Schülerinnen und Schülern seien sowieso höchstens drei richtig patriotisch, sagt sie. Die anderen wüssten gar nicht, was sie tun.

Die Albaner hätten halt manchmal Adler-Pullis getragen und so. Aber nie zu zehnt. Deshalb wollte auch Fabrizio nicht mitmachen. «Das wäre ja komisch gewesen, ich als Mischling», sagt der dunkelhaarige 15-Jährige. Er sei auch nicht im «Chat» dabei, sagt er: «Gott sei Dank.»

Die Sekundarschule Berg in Gossau.<br data-editable="remove">
Die Sekundarschule Berg in Gossau.
Bild: watson

Vom «Chat» redet die ganze Schule. «Die wahren Schweizer», soll er heissen. «Jeder weiss, dass die, die drin sind, Ausländer hassen», sagt Paula* nach dem Mittag. Ihre langen schwarzen Haare verraten ihre südländischen Wurzeln. Sie ist auch in der betroffenen Klasse: «Das weiss auch die Klassenlehrerin», sagt sie weiter. «Deshalb hat sie gesagt, sie sollen es besser ausziehen.» Sie könne einem leid tun, die Lehrerin. Das alles komme ja nicht von nichts. Paula schreit beinahe.

Die Mutter von Paulas Freundin habe sogar schon mal einen anderen Lehrer angerufen, wegen «den Sprüchen». Und die Kommentare auf Instagram unter dem Edelweiss-Bild seien auch recht eindeutig gewesen. Nett ausgedrückt habe da «Scheiss Ausländer» gestanden. Sie sind mittlerweile alle gelöscht.

Von diesen Kommentaren weiss Sarah* nichts. Sarah hatte die Idee für die Edelweiss-Aktion. Wer die Geschichte den Medien gesteckt hat, weiss sie auch nicht: «Wir wollten nicht provozieren», sagt die 15-Jährige abends am Telefon: «Das ging nicht gegen Ausländer. Wir wollten bloss zeigen, dass wir Patrioten sind.» Jeder sollte stolz sein auf sein Heimatland, findet Sarah. «Ich verstehe nicht, warum es diese ganze Diskussion überhaupt gibt.»

Die Schüler sind in den Klassenzimmern.<br data-editable="remove">
Die Schüler sind in den Klassenzimmern.
Bild: watson

Dass die Junge SVP ihre Aktion so unterstützt, freut Sarah dennoch: «Ich bin froh, dass die JSVP hinter uns steht». Und jetzt habe sich die Lehrerin ja entschuldigt. Sie habe einen Fehler gemacht. 

Das steht auch in der Medienmitteilung der Schule, die am Montagabend an die Medien geht. Die Schule hält darin fest, «dass die Schüler und Schülerinnen mit ihrem Auftreten und ihrer Kleidung keinerlei Regeln verletzt haben». Die Lehrperson habe sich bei den Jugendlichen für ihre Aussagen vom Freitag entschuldigt. Sie habe unbedacht und emotional reagiert. «Die Entschuldigung wurde von den drei Jugendlichen angenommen», heisst es weiter. 

Der Fall soll weiter diskutiert werden

Damit ist wieder alles gut. Das hofft zumindest Patrick Perenzin. Der Schulleiter hatte am Vormittag die Aussprache geleitet, auf die die Medienmitteilung folgte. Alle waren anwesend: Die betroffenen Schüler, die Lehrerin, der Präsident des Schülerparlaments, die Schulleitung, das Elternpräsidium und der Schulsozialarbeiter.

«Es sind pubertierende Jugendliche, die sich abgrenzen wollen», sagt Perenzin. An der Sekundarschule Gossau herrsche Respekt und Toleranz. Man werde den Vorfall noch weiter thematisieren. Wie genau, sei noch offen. Sofort wird es wohl nicht sein, wenn es nach dem Leitspruch des Schulleiters geht: «Schmiede das Eisen, wenn es kalt ist.»

* Namen von der Redaktion geändert

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