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«Arena» über Mobilität: «Wenn es Geld braucht, müssen Autofahrer bluten»

Der Publikumsgast Paul Gutknecht ist der Meinung, dass das Autofahren nicht teurer werden sollte.
Der Publikumsgast Paul Gutknecht ist der Meinung, dass das Autofahren nicht teurer werden sollte.Bild: Screenshot SRF
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Enttäuschter Ex-Busfahrer in «Arena»: «Wenn es Geld braucht, müssen die Autofahrer bluten»

Die Züge sind überfüllt und es staut zunehmend auf den Hauptverkehrsachsen. Welche Änderungen braucht es, um die Mobilität in der Schweiz zu verbessern? Dieser Frage widmeten sich die «Arena»-Gäste. Konsens? Fehlanzeige.
25.11.2023, 01:0526.11.2023, 10:36
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Die verschiedenen Verkehrsmittel bewegen die Schweizerinnen und Schweizer – und das nicht nur buchstäblich, sondern auch im übertragenen Sinn. Was muss nun billiger werden, das Autofahren oder doch das Zugbillett?

Im Studio 8 mit dem Moderator Mario Grossniklaus diskutierten:

  • Marionna Schlatter, Nationalrätin Grüne (ZH)
  • Benjamin Giezendanner, Nationalrat SVP (AG)
  • Peter Grünenfelder, Präsident Auto Schweiz
  • Ruedi Blumer, Präsident Verkehrs-Club der Schweiz

Im Fokus der Debatte stand, wie die Pendlerströme besser bewältigt werden könnten, ob die Kosten für die Autobahnvignette und das Autofahren insgesamt steigen sollten und ob das Strassen- und Schienennetz ausgebaut werden müsste. Dieser breit gefächerte Themenkatalog, gespickt mit verschiedensten Reizthemen, ermöglichte allen Gästen, einander kräftig aufs Dach zu geben – dies taten sie auch ausgiebig.

Die linke Seite behauptete, dass das Nett-Null-Ziel 2050 niemals erreicht werden könne, wenn die Rechten weiterhin das Autofahren und insbesondere die Verbrennungsmotoren propagieren würden. Umgekehrt kritisierte die rechte Seite, dass die Argumentation der Linken ideologisch verblendet sei und diese letztlich nur das Ziel verfolgen würden, das Autofahren extrem teuer zu machen. Auf diese Weise würde dem Volk die Möglichkeit verwehrt, selbst zu entscheiden, ob es lieber das Auto oder den Zug benutzen möchte.

«Was haben wir die letzten 50 Jahre gemacht? Wir haben hauptsächlich das Auto in den Fokus gestellt.»
Marionna Schlatter, Grüne-Nationalrätin

So warf Benjamin Giezendanner von der SVP der Grünen-Nationalrätin Marionna Schlatter vor, dass die Grünen das Autofahren und den öffentlichen Verkehr gegeneinander ausspielen würden.

Schlatter reagierte souverän und ruhig: «Ich finde es etwas zu einfach, wenn man sagt, man solle es nicht gegeneinander ausspielen. Was haben wir die letzten 50 Jahre gemacht? Wir haben hauptsächlich das Auto in den Fokus gestellt.» Die Nationalstrassen seien in den vergangenen 50 Jahren um das Dreifache gewachsen, während die Zugschienen praktisch nicht ausgebaut worden seien. Weiter erklärte sie, dass der öffentliche Verkehr im Vergleich zum Autofahren immer teurer geworden sei und auch das Argument, dass Elektroautos das Problem lösen könnten, entkräftete sie – denn dafür würde irgendwann der Strom nicht mehr ausreichen.

Schlatter erklärt, dass das Auto aus dem Fokus rücken sollte

Video: watson

Ruedi Blumer, Präsident des Verkehrs-Clubs der Schweiz, unterstützte Schlatters Argumentation. Er anerkannte zwar, dass es gewisse Personen gäbe, die auf ihr Auto angewiesen seien, er sagte aber: «Ich stelle fest, dass die Autos heute schwerer, grösser und stärker werden. Wir sind das Land, das am meisten Allrad-Antrieb hat im Fahrzeugpark in ganz Europa. Das zeigt, dass offenbar die Kaufkraft hier ist, um sich teure Autos leisten zu können.» Falls man dringend ein Auto benötige, dann sollte es zumindest ein kleineres Modell sein.

Blumer äusserte ein kontroverses Argument, indem er darauf hinwies, dass er es für unangemessen halte, dass Elektroautos aufgrund der fehlenden Mineralölsteuer günstiger zu fahren seien. «Es kann nicht sein, dass man mit einem E-Motor günstiger fährt. Denn es ist nicht besser, es braucht gleich viel Platz und wenn man den ganzen Lebenszyklus eines E-Autos anschaut, dann ist auch die CO₂-Belastung ähnlich.»

Blumer fordert Mineralölsteuer auf E-Autos

Video: watson

Einem in der Runde gefiel diese Aussage überhaupt nicht: dem Präsidenten von Auto Schweiz, Peter Grünenfelder. Die Widersprüchlichkeit in dieser Argumentation sei frappant: «Frau Schlatter hat am Anfang gesagt, dass es um den Klimaschutz ginge. Die Autoindustrie ist auf dem Weg zur Dekarbonisierung, das Ziel ist es klimaneutral zu werden bis 2035, da stehen alle dahinter.» Der öffentliche Verkehr sei übersubventioniert im Vergleich zum Individualverkehr und die Bevölkerung kämpfe ohnehin mit der Inflation – man solle dem «Büetzer» nicht noch mehr Geld «abschröpfen».

Grünefelder: «Widersprüchlichkeit ist frappant»

Video: watson

Schlatter konnte die Aussage von Grünenfelder nicht nachvollziehen und erklärte ruhig: «Sie machen Ihren Job gut als Interessensvertreter für die Autolobby. Das ist ganz klar. Aber man muss sagen: Wir sind überhaupt nicht auf Kurs mit den Klimazielen.» Die Mobilität sei der einzige Bereich, in dem die Klimaziele seit der Einführung des Klimavertrags von Paris konstant verfehlt würden.

Nun schalteten sich auch die zwei geladenen Publikumsgäste ein. Mit ihrem Erscheinen wird deutlich: Auch ausserhalb der Politik gibt es klare Standpunkte zur Mobilität in der Schweiz. Der Surprise-Verkäufer, Michael Philipp Hofer, ist fest davon überzeugt, dass das Autofahren stärker besteuert werden sollte, da die Umweltbelastung zu hoch sei.

Der pensionierte Buschauffeur, Paul Gutknecht, vertrat einen anderen Standpunkt. Er ist der Meinung, dass das Autofahren nicht teurer werden sollte, da er bereits jetzt immer mehr zahle. Zum Beispiel sei die Versicherung teurer geworden. Er sagte: «Ich komme mir vor, wie eine Milchkuh. Wenn es irgendwo Geld braucht, müssen die Autofahrer bluten.»

Gutknecht: «Wenn es Geld braucht, müssen die Autofahrer bluten»

Video: watson

Schlatter widersprach dem Rentner, doch er glaubte ihr nicht so ganz. Die Diskussion ging wie gewohnt weiter: Rechts argumentierte, dass der Individualverkehr, vor allem die Elektroautos grossartig seien, während auf der linken Seite darauf beharrt wurde, dass der öffentliche Verkehr gefördert werden sollte.

Sogar als Grossniklaus am Schluss der Sendung noch ein Bild einer verschneiten Winterlandschaft zeigte, um die Stimmung aufzulockern und die Gäste fragte, wie sie denn zum Schnee stünden, musste er mehr als einmal sagen: «Jetzt reicht es aber mit dem politisieren.»

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437 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Wolf von Sparta
25.11.2023 01:43registriert Februar 2019
Verbote und Zwänge haben die Leute nie motiviert das Gegenteil zu tun sondern dies stösst höchstens auf noch mehr Ablehnung. Habe die Hoffnung, dass wenn die ÖV noch mehr und gut subventioniert werde, es dann automatisch mehr Autofahrer gibt welche von sich aus sagen „Oh jetzt habe ich dort und dort eine faire und gute Verbindung, die nehm ich“. Vielleicht aber auch Wunschdenken… Was ich sicher sagen kann ist, dass diese Arena genau nichrs gebracht hat…
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reich&schön
25.11.2023 04:52registriert Januar 2018
Ich hoffe doch schwer, dass Frau Schlatter nicht wirklich sagte, die Zugschienen seien die letzten 50 Jahre "nicht ausgebaut" worden!

Was ist mit
- Gotthard-Basistunnel
- Ceneri-Basistunnel
- Lötschberg-Basistunnel
- Neubaustrecke Mattstetten-Rothrist
- Zimmerbergtunnel
- Adlertunnel
- neuen Doppelspurabschnitten
- vielen weiteren kleineren Ausbauten?
etc.

Vom grossen Ausbau der ÖV-Leistungen auf dem bestehenden Schienennetz ganz zu schweigen.
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Phuphi
25.11.2023 02:11registriert Juni 2020
Man kann ja schon einen f**ck auf unseren Planeten geben wenn man damit besser einschlafen kann. Aber man sollte sich dann auch nicht wundern wenn man dafür zur Kasse gebeten wird. Apropos Ideologien. Das Auto als Lösung der Zukunft ist m.E. nicht weniger eine ideologische Betrachtung der Zukunft. Man weiss aus der Wissenschaft eigentlich längst, dass das Auto wie wir es kennen keine Zukunft hat, es ist einfach kein effizientes Verkehrsmittel und benötigt verhältnismässig viel zu viel Platz. Um das zu erkennen muss man kein grüner Aktivist sein. Gesunder Menschenverstand reicht völlig aus.
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