Die wohl persönlichste «Arena»: Parteichefs zur Brandkatastrophe
Für einmal sassen sie alle zusammen an einem runden Tisch, die Spitzen der vier Bundesratsparteien. Ein Zeichen des Zusammenhalts an diesem Tag, der dem Gedenken und der Trauer gewidmet war. Und ein Zeichen, dass dies keine gewöhnliche «Arena» werden würde.
Keine zehn Tage waren vergangen seit der Brandkatastrophe von Crans-Montana, bei der 40 junge Menschen ihr Leben verloren und 116 weitere teils schwerste Verletzungen erlitten haben.
Die erste «Arena» des Jahres widmete sich dem Horror der Silvesternacht und dessen Folgen. Dies, während junge Menschen in Spitälern noch immer um ihr Leben kämpfen, wie Moderator Sandro Brotz betonte.
Was hilft in einem solchen Moment kollektiver Trauer? Und wie kann eine solche Tragödie künftig verhindert werden? Darüber sprach Brotz mit diesen Gästen:
- Thomas Matter, Vizepräsident SVP
- Cédric Wermuth, Co-Präsident SP
- Susanne Vincenz-Stauffacher, Co-Präsidentin FDP
- Philipp Matthias Bregy, Präsident Die Mitte
Crans-Montana berührt alle
Mitte-Präsident Philipp Matthias Bregy, selbst aus dem Kanton Wallis, erhielt als Erster das Wort. Er hatte am Nachmittag an der Trauerfeier in Martigny teilgenommen. «Ich habe noch nie einen Ort erlebt, an dem so viel Trauer zusammengekommen ist», sagte er. Die anwesenden Familien, Freunde, Bekannten der Opfer und ihren Schmerz zu sehen, das werde ihn wohl fürs Leben prägen.
SP-Co-Präsident Cédric Wermuth hatte die Trauerfeier im Fernsehen mit seiner jüngeren Tochter geschaut. «Es hat mich mehr berührt, als ich gedacht hätte», sagte Wermuth. Er habe während der Feier das ganze «Bad der Emotionen» durchgemacht: Schock, Mitgefühl, Trauer, Unverständnis, Wut, Dankbarkeit.
Thomas Matter, Vizepräsident der SVP, hat selbst drei Töchter im Alter von 17 bis 27 Jahren. Als er die Schreckensnachricht von Crans-Montana am 1. Januar gesehen habe, sei ihm «schwarz vor den Augen» geworden. Auch seine älteste Tochter habe die Bar Le Constellation bereits besucht. «Ich kämpfe seither jeden Tag», sagte Matter.
Thomas Matter: «Mir wurde fast schlecht»
FDP-Co-Präsidentin Susanne Vincenz-Stauffacher zeigte sich insbesondere beeindruckt von der Trauerfeier, wo Worte dafür gesucht worden seien, wofür es eigentlich keine Worte gebe.
Die vier Politikerinnen und Politiker waren sich einig: Im Vordergrund stünde nun die Versorgung der Verletzten und die Unterstützung der Angehörigen. Die Frage der Verantwortung läge zunächst bei der Justiz.
«Bevor die Politik irgendetwas macht, muss sie die Fakten kennen», sagte Matter.
Und so sprachen die Politikerinnen und Politiker an diesem Abend in erster Linie als Menschen und als Eltern, teilten persönliche Eindrücke und Geschichten, sprachen gedämpft, nahmen sich zurück.
Die Frage nach der Verantwortung
Zwar sei der 9. Januar ein Tag der Trauer und nicht ein Tag der Schuldzuweisungen, sagte Moderator Sandro Brotz. Trotzdem müssten sie auch darüber sprechen, wie eine solche Katastrophe künftig verhindert werden könnte. Und welche politischen Konsequenzen jetzt gezogen werden müssten.
Einigkeit herrschte am Tisch vor allem in einem: dass auf die Katastrophe nun eine lückenlose Aufarbeitung folgen müsse. Juristisch, aber auch politisch. «Es darf kein Tabu geben», sagte SP-Co-Präsident Cédric Wermuth und deutete damit auch die Untersuchung einer möglichen Mitverantwortung kommunaler und kantonaler Behörden an. Und auch der Mitte-Präsident Philipp Matthias Bregy betonte:
Dass bei der politischen Aufarbeitung Uneinigkeiten auftreten dürften, zeigte sich in dieser sonst rekordverdächtig harmonischen «Arena» dann doch noch: etwa anhand der Frage, ob es einen nationalen Sonderfonds brauche, um die Verletzten und deren Familien finanziell zu entlasten – jetzt, aber auch in den kommenden Jahren.
Während Wermuth und Bregy einen Sonderfonds begrüssten, reagierte Susanne Vincenz-Stauffacher zurückhaltend und verwies auf bereits bestehende Instrumente. Matter betonte zwar, dass bei der medizinischen Betreuung keine Kosten gescheut werden dürften, bezweifelte jedoch, dass die Familien der Opfer aktuell an Geld denken würden, und appellierte auch an private Unterstützungsleistungen.
Cédric Wermuth: «Diskussion über Kosten wird kommen»
Auch in Bezug auf Verschärfungen beim Brandschutz fielen die Reaktionen unterschiedlich aus. So warnte Vincenz-Stauffacher vor Aktionismus und einem Regulierungsschub, Matter plädierte für mehr Eigenverantwortung.
An diesem Punkt hakte Sandro Brotz nach: Ist Crans-Montana nicht gerade der Beweis, dass Eigenverantwortung nicht funktioniert? Matter erwiderte darauf, dass Politik dort nicht mehr nütze, wo sich Einzelne nicht mehr an Regeln halten würden.
Bregy hielt derweil weniger die Regelungen als die Umsetzung und Kontrolle ebendieser für entscheidend. Und die Aufarbeitung der Fehler im Fall von Crans-Montana müsse zeigen, ob es allenfalls ein besseres Brandschutz-System als das aktuelle gebe.
Skeptischer äusserte sich Wermuth, gemäss dem die Frage nach der Zuständigkeit für den Brandschutz neu gestellt werden müsse: «Kann man kleinen Gemeinden diese Verantwortung übergeben?», fragte er in die Runde. Und antwortete selbst: Viele schienen mit dieser Aufgabe überfordert.
Zwar riefen sowohl Wermuth als auch Vincenz-Stauffacher die Kantone und Gemeinden dazu auf, ihre Brandschutz-Systeme zu überprüfen. Die Parteispitzen hüteten sich allerdings vor deutlichen Voten oder Schuldzuweisungen – und wiesen immer wieder darauf hin, dass zunächst die Angehörigen im Zentrum stehen müssten.
Susanne Vincenz-Stauffacher: «Es ist noch zu früh»
Die Jugend hat das letzte Wort
Und so gehörte der Schluss der Sendung nochmals den Opfern und ihren Angehörigen. «Kann es so etwas wie eine Verarbeitung überhaupt geben?», fragte Moderator Sandro Brotz an den Mitte-Präsidenten gewandt. Philipp Matthias Bregy antwortete:
Als Gesellschaft müsse eine Verarbeitung aber stattfinden, um die Familien und die Verletzten zu unterstützen. Die Solidarität dürfe dabei nicht am 9. Januar aufhören – sie müsse weitergehen. Und hoffentlich könne man den Angehörigen dann irgendwann erklären, wie es zu dieser Katastrophe kommen konnte, so Bregy.
Philipp Matthias Bregy: «Es wird lange dauern»
Das letzte Wort hatte Aline Morisoli, eine der drei Jugendlichen, die an der Trauerfeier in Martigny eine Rede gehalten hatten. In einem Videoausschnitt lauschte der runde Tisch ihrem Appell an die Jugend:
Und so endete die erste «Arena» des Jahres. Eine ungewöhnliche Sendung, in der den Politikerinnen und Politikern zuweilen die Worte fehlten, in der sie Ängste und Selbstkritik aussprachen und in der sie Empathie und Wertschätzung zeigten. Eine «Arena», die gerade wegen ihrer Zurückhaltung in Erinnerung bleiben dürfte.
