Darum geht es beim neuesten Fitnesstrend Hyrox
Es riecht etwas streng in der riesigen Halle – oder umwerfend animalisch. Schweiss, Blut und Tränen, alles begleitet von starken Bässen, die aus den riesigen Lautsprechern dröhnen. Das ist Hyrox. Oben ohne ist bei einigen angesagt, die Muskelpakete müssen gezeigt werden, die Tattoos auch. Viele Hyrox-Athleten mit ihren Scrunch-Bum-Leggings und Muscle-Shirts sind aber einfach gut trainiert, sehnig, ausdauernd und vom Willen angetrieben, den Kraft- und Ausdauer-Parcour so schnell wie möglich zu durchlaufen.
Wer sich nicht täglich auf Instagram tummelt und über 30 ist, denkt sich: Hyrox, hä? So wundert sich auch der Schreibende in der lauten Olma-Halle in St. Gallen, wie viele Athleten hier zusammen stöhnen und schwitzen. Doch Hyrox ist der weltweit am schnellsten wachsende Fitness-Hype. Und so blutjung die Athleten sind, ist es auch der Sport selbst.
Eine Erfindung zweier junger Hamburger
Ein Sportmanager und ein Landhockey-Olympiasieger haben den boomenden Fitness-Sport im Jahr 2017 erfunden. Die Hamburger Christian Toetzke und Moritz Fuerste sind damit reich geworden und haben bisher 130 Millionen Euro Umsatz gemacht. Nahmen 2025 noch etwa 600'000 Athletinnen und Athleten teil, erwarten die beiden Unternehmer in dieser Saison eine Million Teilnehmer. Starten werden diese in 23 Ländern an über 80 Events.
1. Ski-Erg mit Langlauf-Stockstössen
2. Sled-Push, Schlitten stossen
3. Sled-Pull, Schlitten an einem Seil ziehen
4. Burpee-Broad-Jump, beidbeinig nach vorne springen.
5. Rowing, 1000 Meter Rudern
6. Farmer’s Carry mit schweren Gewichten in den Händen
7. Sandbag-Lunges, Ausfallschritte mit Gewicht auf den Schultern
8. Wall-Balls, Medizinball 100 Mal in die Höhe auf ein Ziel werfen.
«Hy» steht für Hybrid und meint die Kombination von Laufen und Kraft. «Rox» steht für Rocks: Stärke und Härte. Zwei Hyrox-Events gab es in dieser Saison in der Schweiz. Im Oktober in den Palexpo-Hallen in Genf und Mitte Januar in der grossen Olma-Halle in St. Gallen.
Wer nicht schwitzen, sondern nur zuschauen wollte, musste sich online anmelden und diese Anmeldung gleich noch personalisieren. 15 Franken kostete es, wen man dem Leiden beim «Fitness racing for every body» zusehen wollte.
Acht Kilometer müssen die Hyrox-Sportler an einem Event insgesamt rennen. Nicht in einem Stück, sondern auf achtmal einen Kilometer aufgeteilt. Dazwischen ist viel Kraft gefragt. Da werden in acht Workouts unter anderem Gewichte auf einem Schlitten geschoben, dieser mit einem Seil gezogen, gerudert und zum Schluss Medizin-Bälle auf eine Scheibe nach oben geworfen.
In St.Gallen rennen und schwitzen an drei Tagen täglich etwa 3000 Athletinnen und Athleten. Auch der 28-jährige Adrien Carrel – ganz ohne Tattoos. Er hat sich zusammen mit einem Kollegen im vergangenen Sommer für die Teilnahme entschieden. Nicht in der Einzel-, sondern in der Kategorie Double Men von insgesamt zehn Hyrox-Kategorien.
Im August hat Adrien mit dem Training für den Hyrox-Event begonnen. Fokussiert hat er sich auf den Puls, der bei einem solchen Wettkampf immer sehr hoch ist. Diesen nach den einzelnen Kraftübungen wieder runterzubringen, sei eine Herausforderung. Intervalltraining war angesagt, neben den Trainings im Fussballklub. Und ein Fitnesscenter in St.Gallen hat extra Stationen für Hyrox-Teilnehmer aufgebaut. Zudem hat er einige Wochen lang vor dem Event ganz auf Alkohol verzichtet: sozusagen einen «Dry Hyrox» auch über die Festtage durchgezogen.
Vor dem Start sagt Adrien Carrel, dass er weniger nervös sei als vor einem Fussballmatch, «eine gewisse Anspannung ist aber da». Nach der 80-minütigen Tortur wird er sagen, dass er wohl etwas zu schnell und zu heftig gestartet sei. Am meisten hat ihn die Workout-Übung Sled-Pull gefordert, bei der über 100 Kilogramm Gewichte über einen Teppich gezogen werden.
Exakte Ausführung der Workouts wird kontrolliert
Die Beine des 28-Jährigen und seines Kollegen werden Workout für Workout immer schwerer. Kontrolleurinnen und Kontrolleure schauen zu, dass alle die Übungen richtig machen. Also zum Beispiel jeder und jede beim Wall Balls nach jedem Wurf immer genug in die Hocke geht. Wer sich nicht daran hält, bekommt Zeitstrafen oder kann sogar disqualifiziert werden. Eine 30- und 15-Sekunden-Strafe holen sich die beiden.
Die Zeit sei nicht so relevant, sagt Adrien Carrel. Beide hatten «mega Plausch» trotz der Strapazen. Der 28-Jährige schwärmt vom Team-Erlebnis, wie er und sein Freund sich gegenseitig wieder anspornten, wenn sie die Kräfte verlassen hatten. Jede ihrer Kraft- und Laufübungen ist digital dokumentiert und auf dem Smartphone abrufbar. Der Ehrgeiz ist geweckt, bei einem nächsten Hyrox wollen sie sich verbessern.
Gewundert hat Carrel sich, dass den Hyrox-Teilnehmern zu Beginn kaum etwas erklärt wird. Da seien einige dann doch überfordert gewesen. Auch die Frage nach der Gesundheit der Fitnesssportler und Sportlerinnen sei nie gestellt worden. Fraglos muss ein Körper auf solche Leistungen am Limit vorbereitet sein. Auch, weil alle am Hyrox mitmachen dürfen – Jung und Alt.
Verwunderlich ist am Hyrox in St. Gallen, dass es keine Duschmöglichkeiten gibt. Ein deutscher Athlet hat deshalb extra ein Tagesticket im nahen Fitnessstudio gelöst, um dort den Schweiss nach der Anstrengung loszuwerden. Die anderen haben ihre Duftspuren in der Halle gelassen, die auch mit den vibrierenden Bässen aus den Lautsprechern nicht zu vertreiben waren. (aargauerzeitung.ch)
