Wahl des neuen SRF-Chefs sorgt für Aufruhr – Verwaltungsrätin tritt plötzlich ab
«Diese Konstellation scheint mir unglücklich», sagt Ursula Gut-Winterberger. Bis vor wenigen Wochen gehörte die frühere Kantonalzürcher Finanzdirektorin dem SRG-Verwaltungsrat an. Nun ist der Posten verwaist. «Vakant», heisst es dazu auf der Website der SRG.
Gut-Winterbergers Abgang erfolgte offenbar dermassen kurzfristig, dass es Medienminister Albert Rösti (SVP) nicht schaffte, nahtlos einen Nachfolger zu präsentieren. Die vormalige FDP-Regierungsrätin war im SRG-Verwaltungsrat eines von zwei Mitgliedern, die vom Bundesrat berufen werden. Das andere ist der vormalige SVP-Nationalrat Hans-Ueli Vogt.
Welche Konstellation erachtet Gut-Winterberger als unglücklich?
Die Deutschschweizer Sektion der SRG sucht derzeit einen neuen Direktor für das Schweizer Radio und Fernsehen. Der Regionalvorstand der SRG Deutschschweiz hat einen fünfköpfigen Nominationsausschuss einberufen, dem auch SRG-Generaldirektorin Susanne Wille angehört. Die SRG Deutschschweiz unterbreitet dem Verwaltungsrat der SRG einen Wahlvorschlag, über den dieser im Anschluss befindet.
Unter den SRG-Angestellten wächst der Ärger
Präsident der SRG Deutschweiz ist seit Herbst 2025 Lukas Bruhin. Der Jurist war während acht Jahren Generalsekretär im Eidgenössischen Departement des Innern unter Alain Berset. Bruhin hat für die Suche des neuen SRF-Chefs einen Headhunter engagiert.
Seine Wahl fiel dabei auf Sandro Rüegger von der Roy C. Hitchman AG. Rüegger ist verheiratet mit der SVP-Nationalrätin Monika Rüegger. Nun weist das Onlinemagazin «Republik» darauf hin, dass er ausserdem im Verwaltungsrat des «Nebelspalters» sitzt.
Das ist von Belang im Zusammenhang mit der Topposition beim Schweizer Fernsehen. Denn in die Endausscheidung hat es die erfahrene Radio- und Fernsehjournalistin Anita Richner geschafft. Sie ist verheiratet mit Markus Somm, dem Verleger und Chefredaktor des «Nebelspalters.»
Der von der SRG mandatierte Headhunter ist in einem Unternehmen aktiv, dessen Chef der Ehemann einer Kandidatin für das Amt der Direktorin von Schweizer Radio und Fernsehen ist. Das ist die Konstellation, die Ursula Gut-Winterberger als unglücklich bezeichnet.
Die vormalige SRG-Verwaltungsrätin formuliert ihre Kritik zurückhaltend. Das Vorgehen lässt sich nur schwer als professionell bezeichnen. In einem Auswahlverfahren für eine hohe Position bei einem öffentlich finanzierten Unternehmen darf nicht der Eindruck entstehen, dass eine der involvierten Personen befangen ist. Headhunter pusht Kandidatin, mit deren Ehemann er eng zusammenarbeitet – diese Vermutung ist jetzt aber unvermeidlich.
In der SRG wächst der Ärger. Einige Mitarbeiter des öffentlichen Rundfunks können nicht verstehen, warum die Berufung des neuen SRF-Direktors in den Abstimmungskampf um die 200-Franken-Initiative fällt. Naheliegend wäre es, den Nachfolger von Nathalie Wappler erst zu suchen, wenn das künftige SRF-Budget bekannt ist. Braucht es jemanden, der in erster Linie die Kosten reduziert? Das weiss man nach dem 8. März.
Präsident der Deutschschweizer SRG-Sektion rechtfertigt sich
Mehrere SRG-Angestellte finden, dass das Verfahren gestoppt und neu gestartet werden sollte. Lukas Bruhin wird als jemand beschrieben, der sich gerne in langen Ausführungen über den künftigen Kurs der SRG verliert. Bei seiner ersten wichtigen Aufgabe verhält sich der Präsident der Deutschschweizer Sektion jedoch ausgesprochen ungeschickt.
Das Berufungsgremium hat der Kandidatin Anita Richner keinen Gefallen getan. Sollte sie zur SRF-Direktorin gewählt werden, könnte der Vorwurf aufkommen, dass ihr Erfolg das Ergebnis einer Kungelei sei. Das wäre unwürdig.
Ursula Gut-Winterberger betont derweil, sie habe geplant, den Verwaltungsrat der SRG Ende 2023 zu verlassen. «Wegen mehrerer personellen Wechsel im Gremium verlängerte ich mein Engagement aber um zwei Jahre. Diese Zeit ist nun abgelaufen.» Bleibt allerdings die Frage, warum sie bei der Wahl des neuen SRF-Direktors nicht mehr mitwirken wollte.
Lukas Bruhin schreibt: Der externe Suchpartner sei nach einer vergleichenden Prüfung mehrerer Offerten ausgewählt worden; das Mandat werde durch zwei Partner begleitet. Die Verantwortung für Auswahl, Steuerung, Beurteilung und den Entscheid in den einzelnen Verfahrensschritten liege ausschliesslich bei den zuständigen Gremien der SRG. «Der externe Suchpartner unterstützt das Verfahren methodisch, verfügt jedoch über keinerlei Entscheidkompetenz.»
Allfällige private oder berufliche Engagements von involvierten Personen seien transparent offengelegt und im Verfahren berücksichtigt worden. Wo potenzielle Interessenkonflikte bestehen könnten, gälten klare Regeln zur Ausstands- und Rollenabgrenzung. «Entsprechend besteht weder eine Befangenheit noch ein Einfluss auf die Auswahlentscheide der SRG-Gremien.»
Dass einzelne Namen potenzieller Kandidaturen oder involvierte Personen medial miteinander in Beziehung gesetzt würden, ändere nichts daran, dass die Beurteilung ausschliesslich auf fachlichen und persönlichen Eignungskriterien basiere. «Von einer ‹Farce› oder einer Notwendigkeit, das Verfahren neu zu starten, kann daher keine Rede sein», meint Lukas Bruhin. (aargauerzeitung.ch)
