Tragödie von Crans-Montana: Sicherheitschef hat Brandschutz-Prüfung nicht bestanden
Weshalb fanden in der Bar Le Constallation, in der 41 Menschen ums Leben kamen, ab 2019 keine Brandschutzkontrollen mehr statt? Diese Frage beschäftigt die Schweiz, aber auch Italien und Frankreich. Die Nachbarländer haben in der Silvesternacht mehrere Mitbürgerinnen und Mitbürger verloren. Am Freitag befragte die Walliser Staatsanwaltschaft den Sicherheitschef von Crans-Montana stundenlang dazu.
Noch im Januar hatten erste Befragungen in den Räumen der Walliser Staatsanwaltschaft in Sitten stattgefunden. Doch diese sind inzwischen deutlich zu klein geworden. Das Interesse an den Untersuchungen ist zu gross dafür. Bis zu 130 Anwälte von Opfern und Beschuldigten wollten dabeisein. Deshalb finden die Befragungen nun im Campus der Fachhochschule Westschweiz Wallis beim Bahnhof Sitten statt, wie die «SonntagsZeitung» schreibt.
Die Nachfragen der Anwälte offenbarten eine neue Komponente im Fall: Der Sicherheitsverantwortliche von Crans-Montana räumte ein, dass er die Prüfung zum Erwerb des eidgenössischen Fachausweises als Brandschutzfachmann nicht bestanden habe. Das schreibt der private französische 24-Stunden-Nachrichtenkanal BFM TV. Die entsprechende Ausbildung umfasst in der Schweiz eine zweiwöchige Schulung mit Prüfung. Der Sicherheitsverantwortliche verteidigte sich und hielt fest, 85 Prozent der Kandidaten bestünden die Prüfung für dieses Zertifikat nicht. Fachleute teilen diese Einschätzung.
Der Sicherheitsverantwortliche betonte aber, er habe Schulungen für Brandschutz absolviert. Zudem sei er 16 Jahre lang bei der Feuerwehr gewesen und anschliessend Sicherheitsbeauftragter einer anderen Gemeinde. Ob das Zertifikat für seine Arbeit in Crans-Montana obligatorisch gewesen wäre, ist unklar. Das muss die Justiz klären.
IT-Chaos verhindert Brandschutzkontrollen
Der Sicherheitschef, der seine Stelle in Crans-Montana im Frühling 2024 antrat, sagte vor der Staatsanwaltschaft, dass ein Informatikdebakel die Ursache war für die fehlenden Brandschutzkontrollen. Das schreibt die «SonntagsZeitung». Die Affäre habe nicht nur Crans-Montana betroffen, sondern den ganzen Kanton Wallis. Da vollständige Dateien verschwunden seien, hätten die Sicherheitsbehörden nicht mehr gewusst, welche Betriebe wann kontrolliert worden seien und welche nicht. Man habe alles manuell nachführen und Kontrollen nachholen müssen.
Deshalb habe er bei der Gemeinde eine Aufstockung des Personals um fünf bis sechs Stellen beantragt. Die zusätzlichen Personen wären nötig gewesen, um den Teilausfall des Informatiksystems zu kompensieren. Doch die Aufstockung der Stellen sei nicht genehmigt worden. Gemeindepräsident Nicolas Féraud habe, betonte der Sicherheitschef, davon gewusst.
Eine interne Liste von Crans-Montana weise bei mehreren Schulen der Gemeinde ebenfalls fehlende Brandschutzprüfungen aus, schreibt die «SonntagsZeitung». Auch eine Jugendherberge sei zuletzt 2018 kontrolliert worden. Zudem seien Dutzende Hotels und Restaurants überhaupt nie angeschaut worden.
Inzwischen hat die Gemeinde Crans-Montana reagiert. Am Donnerstag schloss sie das Fünfsternehotel Grand Hôtel du Golf & Palace per sofort. «Im vergangenen Sommer wurden bei einer periodischen Kontrolle mehrere Mängel im Bereich der vorbeugenden Brandschutzmassnahmen festgestellt», schrieb die Gemeinde in einer Mitteilung. Trotz wiederholter Aufrufe, die Mängel zu beheben, seien die Verbesserungen nicht realisiert worden.
Gerät nun der Kanton Wallis in den Fokus?
Die Fragen nach der Verantwortung für das Drama in Crans-Montana werden immer zentraler. Für den Rechtsgelehrten Laurent Moreillon könnte die Untersuchung nicht nur Gemeindebeamte betreffen, sondern auch den Kanton. Das hielt er gegenüber Radio RTS fest.
Kommunale Verantwortliche könnten nicht nur als Beschuldigte sondern mit anderen Personen auch «als Angeklagte» vor Gericht gestellt werden, hält Moreillon fest. Man müsse aber wohl noch weitergehen. «Vielleicht hat tatsächlich ein Beamter etwas versäumt. Aber wenn das der Fall ist, wurde dieser Beamte kontrolliert? Und wenn ja, wer hätte ihn kontrollieren müssen?»
Moreillon sagt, die Verantwortung könnte bis zur Gemeinde selbst oder sogar bis zum Kanton zurückverfolgt werden. Er erwähnt explizit die kantonale Feuerwehr, die möglicherweise eine Kontroll- oder Überprüfungspflicht gehabt hätte. (aargauerzeitung.ch)
