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Symbolfigur der Boni-Debatte der 2010er-Jahre: Daniel Vasella, damaliger Chef von Novartis.
Symbolfigur der Boni-Debatte der 2010er-Jahre: Daniel Vasella, damaliger Chef von Novartis.
Bild: KEYSTONE

«Solch hohe Boni sind Gift» – wie die Pandemie die Boni-Debatte befeuert

Die Millionen von Novartis-Chef Vasella empörten einst – nun, in der Krise, bahnt sich eine neue Boni-Debatte an.
14.03.2021, 07:3514.03.2021, 14:14
niklaus vontobel / ch media

Selbst eine globale Pandemie kann den Spitzenlöhnen anscheinend nichts anhaben, die auf den Chefposten der grössten Konzerne verdient werden. ABB, UBS, Roche und Novartis zahlen Gehälter von zehn Millionen Franken aus und mehr. Zugleich geht es Zehntausenden von Normalbürgern schlechter, das Land steckt in einer Jahrhundertkrise. Damit geht erstmals seit der «Abzocker-Initiative» die Schere wieder auf zwischen Normalbürgern und den Spitzenmanagern.

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Vor der Abzocker-Initiative stand der damalige Novartis-Chef Daniel Vasella symbolisch für die entrückte Lohn-Realität der Managerklasse. Vasella hatte sich bis zu 40 Millionen für ein Jahr auszahlen lassen. Sein Abschiedspaket über 70 Millionen wurde 2013 kurz vor der Abstimmung über die Abzocker-Initiative bekannt. Deren geistiger Vater Thomas Minder bezeichnet Vasellas Löhne noch heute als «Oster- und Weihnachtsgeschenk zugleich für meine Initiative». Kommt nach dem Vasella-Effekt ein Corona-Effekt: eine erneute Gegenreaktion gegen hohe Manager-Boni?

«In Sachen Entschädigung des Verwaltungsrates und der Geschäftsleitungen ist speziell in der Coronazeit viel Sensitivität gefragt», appelliert Valentin Vogt. Der Industrielle und Präsident des Arbeitgeberverbands sagt, es gelte, die wirtschaftliche Lage der einzelnen Firma zu beachten – und eine «gesellschaftspolitische Dimension».

Kurzer Weg von Empörung zur Volksinitiative

Damit sagt Vogt auch, dass es nicht ausreicht, allein auf den eigenen Geschäftsgang und den Aktienkurs zu schauen. Vogt warnt: «Das ultimative Korrektiv in der Schweiz – auch in Sachen Vergütung – ist die direkte Demokratie. Es gibt kein Land auf der Welt, wo der Weg von der Volksempörung zum Verfassungsartikel so kurz ist.»

Das Beachten einer «gesellschaftspolitischen Dimension» ist nicht zu erkennen bei den Toplöhnen, die schon veröffentlicht wurden. Bei der Grossbank UBS kommt Sergio Ermotti für sein letztes Jahr als CEO auf 13 Millionen Franken. Sein ehemaliger Chef Axel Weber erhält als Verwaltungsratspräsident erneut um die fünf Millionen. Nächste Woche dürfte mit der Credit Suisse die zweite Grossbank am Zürcher Paradeplatz das Bild von der Unverrückbarkeit der Toplöhne bestätigen.

Die Geschichte wiederholt sich beim Industriekonzern ABB und den Pharmariesen Roche und Novartis. Den Lohn von Björn Rosengren (neun Millionen für zehn Monate) hat Covid-19 nicht gedrückt, genauso wenig jenen von Severin Schwan (elf Millionen) bei Roche und Vas Narasimhan (12,7 Millionen) bei Novartis. So wird der Gegensatz zur Lebensrealität der allermeisten Menschen wieder grösser. Gemäss Bundesamt für Statistik haben aktuell 630'000 keine oder zu wenig Arbeit – das ist jede achte Erwerbsperson. In der Gastronomie sind zehn Prozent aller Erwerbspersonen bei einem Arbeitsamt gemeldet.

Geringste Lohnzunahme in 80 Jahren für Normalbürger

Und viele Menschen hatten oder haben weniger Einkommen. Eine Studie der KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich zeigte: Haushalte mit monatlichen Einkommen von weniger als 4000 Franken hatten Einbussen von 20 Prozent. Und die Durchschnittslöhne dürften nächstes Jahr laut KOF so schwach zunehmen wie nie in den letzten 80 Jahren.

«Es ist unglaublich, dass sie das nicht begreifen.»

Gewerkschaftschef Pierre-Yves Maillard erzählt von einem Bekannten, der drei Jahrzehnte lang hart arbeitete für sein Restaurant, alles verlor und seit Monaten auf staatliche Hilfe wartet. Maillard: «Natürlich wird dann die Nachricht von solchen Boni sehr schlecht aufgenommen.» Darum brauche es Zurückhaltung von den Spitzenmanagern, das gebiete der Anstand. «Es ist unglaublich, dass sie das nicht begreifen.»

Nach Annahme der Abzocker-Initiative ging der Gegensatz zu den Normallöhnen tendenziell zurück. Aktionärsvertreter wie die Stiftung Ethos freuten sich, eine Obergrenze von etwa zehn Millionen habe sich als Norm herausgebildet. Allzu weit darüber getraue sich kein Konzern mehr zu gehen. Die Boni-Debatte beschränkte sich auf Einzelfälle, in denen Lohn und Leistung in krassem Missverhältnis standen.

Nun geht die Spanne wieder auf. Wie wirkt sich das aus – wirkt es sich überhaupt aus? Kommt es zu einer Gegenreaktion, wie sie die Abzocker-Initiative darstellte?

«Auch wenn sie gut gearbeitet haben, braucht es extreme Zurückhaltung bei ihren Löhnen – auf Boni sollten sie verzichten.»
Thomas Minder

«Diese Jahrhundertkrise ist nicht fertig», sagt Thomas Minder, Unternehmer und Vater der Abzocker-Initiative. Angesichts solcher Unsicherheit müssten sich Geschäftsleitung und Verwaltungsrat hinten anstellen, das erfordere eine gute Unternehmensführung. «Auch wenn sie gut gearbeitet haben, braucht es extreme Zurückhaltung bei ihren Löhnen – auf Boni sollten sie verzichten.»

Thomas Minder.
Thomas Minder.
Bild: KEYSTONE

Und doch: Dass es wieder zu einer Welle der Volksempörung kommt, glaubt Minder nicht. «Der Fokus hat sich verschoben: weg von den Boni und hin zur Verantwortung für Mensch und Natur

«Solche Löhne sind ein Symbol – und Symbolen kommt gerade in grossen Krisen eine hohe Bedeutung zu», sagt dagegen Maillard. Der Präsident des Schweizer Gewerkschaftsbundes weist darauf hin, dass der Wirtschaft mit viel Steuergeld geholfen wird. Vielleicht würden es dereinst 50 Milliarden Franken sein. Das komme allen zugute, auch den Konzernchefs. Doch bald stelle sich die Frage, wer dafür zahle. Dann komme es auf den Zusammenhalt im Lande an. «Solch hohe Boni sind Gift für diesen Zusammenhalt.»

Oberster Arbeitgeber: Boni mit Augenmass festlegen

Valentin Vogt mag nicht spekulieren über einen Corona-Effekt auf die Boni. Lieber versucht der oberste Arbeitgeber, das Verhalten der Betriebe zu beeinflussen: Er rät zu Zurückhaltung – das komme nach der Krise auch den Firmen zugute. «Ich erwarte speziell von den Firmen, die Mitarbeiter abbauen mussten, oder wo die Mitarbeiter wegen der Kurzarbeit weniger verdienten, dass sie ihre Vergütungen des Verwaltungsrates und des Managements mit viel Augenmass und der notwendigen Sensitivität festlegen.»

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