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Wie geht es mit der Warn-App weiter? Sang-Il Kim, Leiter Abteilung Digitale Transformation beim Bundesamt für Gesundheit (BAG), gehört zu den Entscheidungsträgern.
Wie geht es mit der Warn-App weiter? Sang-Il Kim, Leiter Abteilung Digitale Transformation beim Bundesamt für Gesundheit (BAG), gehört zu den Entscheidungsträgern.Bild: keystone
Kommentar

Wie beim Impfen verpasst das BAG bei SwissCovid eine grosse Chance

Die Schweizer Corona-Warn-App verzeichnet sinkende Nutzerzahlen und könnte dringend eine Attraktivitätssteigerung brauchen. Doch beim Bund scheint man dafür (noch) nicht bereit zu sein.
13.03.2021, 19:5914.03.2021, 10:56

Die SwissCovid-App funktioniert, sie warnt Smartphone-User vor einer möglichen Corona-Ansteckung und trägt dazu bei, Infektionsketten möglichst rasch zu unterbrechen.

Während die Lockerungs-Diskussionen zunehmen, ist die Zahl der aktiven SwissCovid-User am Sinken. Auf rund 1,8 Millionen Smartphones lief die im Juni 2020 lancierte App, nun sind es noch 1,67 Millionen, gemäss der offiziellen Schätzung, die das Bundesamt für Statistik online veröffentlicht.

Gefordert ist nun eine andere Abteilung der eidgenössischen Verwaltung, das Bundesamt für Gesundheit (BAG), die offizielle Herausgeberin der Schweizer Warn-App. Doch eine watson-Anfrage beim SwissCovid-Sprecher zeigt, dass die Verantwortlichen zögern, etwas zu ändern.

Dies verwundert umso mehr, als dass es von den SwissCovid-Machern eine pfannenfertige Lösung gäbe, um die Attraktivität und Effizienz der App zu steigern. Gemeint ist die Crowdnotifier-Technologie, die seit Anfang Jahr an der Technischen Hochschule in Lausanne (EPFL) getestet wird und von der Softwarefirma Ubique entwickelt und als eigenständige App fürs iPhone und Android veröffentlicht wurde.

Sie ermöglicht, sogenannte Corona-Cluster nach dem Zusammentreffen von Leuten schnell zu bekämpfen. Wenn man einen Event besucht, scannt man beim Eingang einen QR-Code ein und kann sich in der Folge warnen lassen, falls unter den Teilnehmenden eine ansteckende Person war.

NotifyMe ist eine von der Ubique AG entwickelte App, die wie SwissCovid höchsten Datenschutz-Standards entspricht und die Anonymität gewährleistet. Sie ermöglicht es, Corona-Cluster schnell zu bekämpfen und könnte (technisch) problemlos integriert werden.
NotifyMe ist eine von der Ubique AG entwickelte App, die wie SwissCovid höchsten Datenschutz-Standards entspricht und die Anonymität gewährleistet. Sie ermöglicht es, Corona-Cluster schnell zu bekämpfen und könnte (technisch) problemlos integriert werden. Screenshot: notify-me.ch

watson hat beim BAG nachgefragt.

Fragen ans Bundesamt für Gesundheit (BAG)

Wird NotifyMe, bzw. die CrowdNotifier-Technologie in die SwissCovid-App integriert?

Dazu teilt der für die SwissCovid-Kommunikation zuständige BAG-Mitarbeiter Marco Stücheli mit:

«Nein, das ist zur Zeit nicht vorgesehen. Für eine Integration bräuchte es eine Anpassung der gesetzlichen Grundlage zur App.»

Worauf will/muss das BAG noch warten?

«Die Integration einer CrowdNotifier-Technologie in das bestehende Contact-Tracing muss genau analysiert werden und ebenfalls von den Kantonen begrüsst werden. Wir sind dabei, die Bedürfnisse der Kantone zu klären.»

Eine solche Check-in-Funktion würde die Attraktivität, bzw. den Nutzen der SwissCovid-App massiv steigern und könnte dazu führen, dass die Zahl der aktiven User erhöht wird. Wie beurteilt das BAG dies?

«Die Grundidee der SwissCovid-App hat diese Funktionalität nicht vorgesehen. Bei einem solchen Schritt würde es sich um eine massgebliche Weiterentwicklung der bestehenden App handeln. Wir stimmen Ihnen bezüglich dem Attraktivitätsgewinn und der Funktionalitätsgewinn zu.»

Welche technischen Hilfsmittel zur Cluster-Bekämpfung plant das BAG für die kommenden Öffnungen?

«Aktuell gibt es diesbezüglich keine konkreten Pläne.»

Weiter weist Stücheli auf das in der vergangenen Woche vorgestellte Abwasser-Screening der EAWAG hin. Diese Messungen erlaubten es ebenfalls, Cluster aufzuspüren.

Hier wurde an der Pressekonferenz des Bundes über das Projekt informiert:

Bleibt die Frage, mit welchen kommunikativen Massnahmen das BAG in den kommenden Monaten für SwissCovid (und allfällige weitere technische Hilfsmittel zur Seuchenbekämpfung) bei der Schweizer Bevölkerung werben will?

Dazu der BAG-Mann:

«Wir evaluieren zur Zeit verschiedene Möglichkeiten. Spruchreif ist noch nichts.»

Die nächste Chance

In einer Pandemie bietet sich den Verantwortlichen eine begrenzte Anzahl von (nicht im Vornherein bekannten) Chancen, den weiteren Verlauf positiv zu beeinflussen.

Dies zeigte sich beispielhaft bei den Impfungen. Weil das Bundesamt für Gesundheit, respektive der Bundesrat, bei der Impfstoffbeschaffung zögerlich agierte und nicht bereit war, viel mehr Geld auszugeben, mangelt es seit Monaten an Impfdosen, während andere Länder «durchimpfen»

Bei der SwissCovid-App droht das BAG durch Beobachten zögerliches Verhalten eine Verbesserung der Gesamtsituation zu verpassen. Und erneut führt man das Argument einer fehlenden gesetzlichen Grundlage ins Feld, wie dies auch schon bei der Berichterstattung über eine angeblich mögliche eigene Impf-Produktionslinie im Wallis der Fall war.

(Zwar hat der Bundesrat am Freitag dementiert, dass es ein konkretes Angebot für eine Produktionsstrasse gegeben habe. Doch bleiben Zweifel, ob der Bund tatsächlich mutig und entschlossen verhandelt hat in der Sache.)

Zurück zu SwissCovid: Dass gesetzliche Anpassungen erforderlich sind, um die App technisch zu erweitern und die sinnvolle Corona-Cluster-Bekämpfung zu integrieren, sollte keinesfalls ein Hinderungsgrund sein. Im Gegenteil! Alle Lockerungs-Turbos im Parlament dürften einer solchen Lösung nach geltender Logik ohne Wenn und Aber zustimmen – oder würden sonst als heuchlerische Populisten entlarvt.

Angesichts der lauter werdenden Lockerungs-Rufe und der sinkenden App-Nutzerzahlen muss die Bevölkerung dringend sensibilisiert und besser informiert werden. Vor allem aber braucht SwissCovid eine Attraktivitätssteigerung, denn offensichtlich erkennen je länger, desto je weniger Leute den Nutzen. Dies könnte man mit der zusätzlichen Funktion erreichen, die Superspreader-Events bekämpfen hilft.

Quellen

Das Erklärvideo zu NotifyMe.

Ist SwissCovid ein Flop?

Alles über die Schweizer Corona-Warn-App

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Das Coronavirus in der Schweiz – eine Chronologie

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Das Coronavirus in der Schweiz – eine Chronologie
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So funktioniert der Corona-Spucktest

Video: watson

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82 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Dr Boefei
13.03.2021 21:47registriert November 2020
Eine COVID App mit QR Code Reader und Bluetooth gibts in Neuseeland seit 9 Monaten. History und Handshakes werden auf dem Gerät gespeichert, und nach 2 Monaten gelöscht. Alle Geschäfte sind verpflichtet, ihren QR Code auszuhängen, ebenso ist das Rollmaterial des ÖV mit individuellen QRs ausgestattet. Funktioniert sehr gut, die Akzeptanz ist hoch. Community Cases sind mit Hilfe der App sehr schnell isoliert und die Verbreitung des Virus eingegrenzt worden.
Aber warum nicht monatelang entwickeln und tökterle?
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3klang
13.03.2021 21:22registriert Juli 2017
Soviel Ignoranz gegenüber Marktbedürfnissen zu zeigen, schafft auch nur ein Bundesamt.

Genau dieses Szenario wird auch der E-ID blühen. Jede technologische Weiterentwicklung wird einer Gesetzesänderung bedürfen, was das Ganze für die schnelllebige digitale Welt zu einer Totgeburt werden lassen wird. Das Parlament taugt sehr schlecht als Produktmanager.
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Locutus70
13.03.2021 22:40registriert September 2018
Fassen wir mal zusammen: Beim Einkauf von Impfdosen wurde viel zu spät bestellt und noch dazu geknausert, ebenso bei den Tests. Die App wurde mal entwickelt so nach dem Motto "Das wird schon von alleine laufen" . Und sonst so? Lockdown Lockdown Lockdown - das war wohl für den Bundesrat und das BAG die einfachste Lösung.
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