Es ist Anfang 2016 und der CS-Chef Tidjane Thiam ist gescheitert. Denn er hatte grosse Pläne angekündigt, um die marode Bank wieder auf Vordermann zu bringen, doch die Kurse sind im Sinkflug. Der Zauber des ambitionierten Thiams ist weg. Die «Bilanz» titelt auf dem Cover: «Wer rettet die CS?»
Doch während die CS schwächelt, wittert UBS-CEO Sergio Ermotti seine Chance: Die UBS soll die CS übernehmen.
Er trommelt seine Führungsetage für eine erste Übernahmeprüfung im Kempinski-Hotel in St. Moritz zusammen. Am Abend geht es, wie es sich gehört, noch in die Bar, die gleich gegenüber der Signal-Bahn steht. Und so kommen die geheimen Übernahmepläne zu ihrem Namen: «Projekt Signal».
Was das «Projekt Signal» genau umfasst, hat das «Bilanz»-Magazin jetzt, knapp sieben Jahre später, recherchiert:
Die erste Aufarbeitung von Zahlen und Daten scheint Gutes zu versprechen: Bei einer Übernahme würde die UBS im Kerngeschäft, dem Wealth Management, den Vorsprung global massiv ausbauen. Vor allem das äusserst lukrative Südostasien-Geschäft der CS lockte mit satten Gewinnen.
Auch aus dem Investmentbanking gäbe es starke Teile, die man sich herauspicken könnte. Und im Asset Management, der Vermögensverwaltung für Stiftungen und Institutionen, würde man bei einer Übernahme endlich auch die kritische Masse erreichen.
Natürlich kann eine solche Übernahme nicht einfach so vonstattengehen, die Wettbewerbsbehörde hätte sicherlich ein Wörtchen mitzureden. Deswegen wird für jeden Kanton spezifisch berechnet, wie die Wettbewerbslage aussieht und ob man Kartellprobleme bekommen könnte.
Mit an Bord dieser Aufklärungen sind auch zwei Herren, die in Zukunft noch eine grössere Rolle spielen werden. Da ist zum einen Axel Lehmann, der gerade frisch aus dem UBS-Verwaltungsrat in die Konzernleitung gewechselt ist. Und zum anderen Ulrich Körner, der als Chef des Asset Managements der UBS waltet.
Ob die Herren bereits wissen, dass sie gerade über den Kauf ihres zukünftigen Arbeitgebers diskutieren?
Noch kommt es nicht zu einer Kontaktaufnahme. Denn CS-CEO Thiam ist mit seinen Sparmassnahmen plötzlich doch erfolgreich, der Aktienkurs erholt sich. Das Projekt Signal ist bei der UBS aber noch nicht vom Tisch, sondern steht weiterhin oben auf der Agenda.
Wir spulen vor ins Jahr 2018. UBS-Verwaltungsratspräsident Axel Weber trifft sich mit seinem CS-Counterpart Urs Rohner, um über einen möglichen Kauf zu diskutieren. Rohner ist der Idee nicht abgeneigt – CEO Thiam schon. Zwar spricht der CEO intern vom «einzigen Merger im europäischen Banking, der Sinn ergibt»; doch er ahnt, dass er bei einer UBS-Übernahme seinen Job wohl kaum behalten wird.
Wir spulen noch einmal vor, jetzt schreiben wir das Jahr 2020. Thiam hat die CS nach der Beschattungs-Affäre verlassen, an seiner Stelle steht nun Thomas Gottstein. UBS-Weber probiert es wieder, und wieder steht Rohner hinter ihm. Diesmal ist auch Bern in die Pläne eingeweiht. Doch die CS sagt ab: Die Kartellproblematik sei zu gravierend.
Damals hätte man für rund 1,5 CS-Aktien eine UBS-Aktie erhalten. Heute braucht man etwa 22.
Wir sind im Oktober 2022 – und die CS fährt sich an die Wand. Nach personellen Hau-Ruck-Aktionen (siehe die Causa António Horta-Osório) steht nun Axel Lehmann an der Spitze der Credit Suisse. Er darf sich mit dem (einmal mehr) eingebrochenen Aktienkurs auseinandersetzten – und mit dem Problemkind Investment-Banking.
Seine Methoden sind fragwürdig. Er holt die Saudi National Bank als reputativ schwierige Grossaktionärin ins Boot. Der Plan für die Sanierung wird medial schlecht aufgenommen und wirkt zu kompliziert und zu wenig weitreichend. Ende Oktober floppt der Aktienkurs «kolossal», wie die «Bilanz» es nennt.
Im Februar 2023 zeigen sich die Auswirkungen: Die CS macht die massiven Anlageabflüsse publik. Langsam, aber sicher, ist es an der Zeit für ein Umdenken. Doch die CS-Spitze Lehmann und CS-Verwaltungsrats-Präsident Körner (ja, es sind dieselben beiden, die noch vor wenigen Jahren auf der Seite der UBS Pläne schmiedeten, die CS zu übernehmen) sehen keinen Grund für einen Plan B.
Wenn die beiden doch bloss eine pfannenfertige Lösung für eine Übernahme in der Schublade hätten ...
Währenddessen wissen ihre Counterparts bei der UBS, welche Chance sich für sie auftut. Verwaltungsrats-Präsident Colm Kelleher und CEO Ralph Hamers wissen bestens Bescheid um Projekt Signal. Ihre Bank hat seit Herbst 2022 das Szenario einer Übernahme mehrfach durchgespielt; und das nicht ohne Grund: «Wir gingen alle davon aus, dass in einer Notsituation die Schweiz AG die Bank rettet, mit der UBS im Lead», sagt der Chef einer europäischen Grossbank. Und:
Das CS-Führungsduo will sich aber partout nicht übernehmen lassen, sondern versucht, sich von der SNB (diesmal die Schweizer, nicht die Saudi) aus dem Schlammassel ziehen zu lassen. Offenbar ist es eine zu grosse persönliche Schlappe, sich vom ehemaligen Arbeitgeber aufkaufen zu lassen.
Ein langjähriges UBS-Kozernleitungsmitglied bestätigt:
Wohin sie diese Einstellung gebracht hat, wissen wir alle. Die CS wird auf staatlichen Druck hin zum Spottpreis an die UBS verschachert. Kelleher konnte Ermottis Projekt Signal zu den besten Konditionen abschliessen – ob die neue «Monsterbank» sich halten kann, wird sich noch zeigen.