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Was der SNB-Rekordverlust mit dir zu tun hat – und 4 weitere Punkte

Eine Frau steht vor der Nationalbank und hat Fragen.
So viel Verlust musste die Schweizer Nationalbank noch nie hinnehmen.Bild: shutterstock/watson

Was der 132-Milliarden-Verlust mit dir zu tun hat – und 4 weitere Punkte zur Nationalbank

09.01.2023, 13:0610.01.2023, 16:37
Lara Knuchel
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132 Milliarden Franken. Ein Rekordverlust. Das Loch klafft in der Bilanz der Schweizerischen Nationalbank für das Jahr 2022. Dies zeigt eine provisorische Berechnung, die die SNB am Montagmorgen publizierte. Doch wie kam es dazu und welche Folgen hat dieser Verlust? Das Wichtigste in fünf Fragen und Antworten:

Wie ist der Verlust einzuordnen?

Das Minus von 132 Milliarden ist der grösste Jahresverlust der Nationalbank seit ihrer Gründung 1907. Gerade im Vergleich zu den letzten drei Jahren, als immer ein Gewinn in zweistelliger Höhe resultierte, sticht dieser Rekordverlust heraus.

Seit 2003 gab es lediglich fünf Jahre, in denen die SNB rote Zahlen schrieb. Der grösste Verlust bis jetzt resultierte 2015 (über 23 Milliarden).

Trotz seiner Rekordhöhe ist das Minus 2022 keine Überraschung. Schon in ihrem letzten Quartalsbericht, den sie Anfang November veröffentlichte, gab die SNB einen Verlust von über 142 Milliarden innerhalb von neun Monaten bekannt. Das bedeutet, dass sie Ende Jahr sogar noch rund zehn Milliarden gutgemacht hat.

Starke Schwankungen

Die SNB betonte in der Vergangenheit stets, dass ihr Ergebnis überwiegend von der Entwicklung der Gold-, Devisen- und Kapitalmärkte abhängig sei. Starke Schwankungen seien deshalb die Regel.

Ausserdem sind mit der vergrösserten Bilanz die Ergebnisse der SNB volatiler geworden. Wie die Handelszeitung vor einem Jahr schrieb, kommt die SNB-Bilanz nämlich einem Weltrekord gleich: Kein anderes Land hat im Vergleich zu seinem Bruttoinlandsprodukt eine solch grosse Nationalbankbilanz (140 Prozent). Diese weist naturgemäss stärkere Schwankungen auf.

Die riesige Bilanz der SNB
Seit der Finanzkrise 2008/2009 hat sich die Bilanz der Nationalbank massiv aufgebläht. 2007, vor der Krise, betrug sie noch etwa 127 Milliarden – 2021 waren es knapp mehr als 1000 Milliarden.
Der Grund für diese Vergrösserung ist die sogenannte expansive Geldpolitik, die lange betrieben wurde: Die Nationalbank vergrösserte die sich im Umlauf befindende Geldmenge, indem sie bei Geschäftsbanken Wertpapiere kaufte. Das Halten dieser Wertpapiere vergrösserte die Bilanz der SNB und weil die SNB in «Bargeld» dafür bezahlte, brachte es mehr Geld in Umlauf.

Was sind die Gründe für den hohen Verlust?

Kurz gesagt: der starke Franken und die Taucher der Aktienkurse im letzten Jahr.

Die SNB veröffentlichte am Montag lediglich erste Eckdaten. Über die einzelnen Posten und deren Verluste gibt es also noch keine Details. Was aber bekannt ist: Von den 132 Milliarden Franken Verlust kamen 131 Milliarden auf den sogenannten Fremdwährungspositionen zustande.

Tauchende Aktienkurse

Weil der starke Franken ab 2015 die Schweizer Wirtschaft bedrohte, kaufte die Nationalbank damals besonders viele Devisen – also ausländische Zahlungsmittel, die in einer Fremdwährung notieren. Im Falle der SNB sind das vor allem Aktien (etwa ein Viertel), Staatsanleihen und Obligationen aus dem Ausland (etwa drei Viertel). Das sollte Fremdwährungen aufwerten und den Franken abwerten.

Weil 2022 Aktien global stark an Wert verloren, verbuchte die SNB den grössten Teil ihrer Verluste in diesem Jahr auf solchen Aktien und Anleihen.

Starker Franken, schwacher Euro

Vor rund einem Jahr war der Euro noch 1.04 Franken wert. Ende 2022 notierte er bei 0.99 Franken. Das bedeutet, dass Wertpapiere, die in Fremdwährungen notieren und von der SNB gehalten werden, zusätzlich an Wert verloren haben.

Zwar konnte der Dollar im Vergleich zum Franken leicht erstarken (von 0.91 auf 0.92 Franken). Das konnte die Kursverluste auf den auf Euro aber bei weitem nicht wettmachen.

Welche Gründe wie viel ausmachten, werden wir aber erst Anfang März erfahren. Der ausführliche Bericht zum Jahresabschluss 2022 mit den definitiven Zahlen wird am 6. März, der Geschäftsbericht am 22. März 2023 publiziert.

Moment, ist dieses Geld wirklich verloren?

Nein. Es handelt sich beim Minus also um sogenannte Buchverluste. Das bedeutet, dass sich der Wert des Portfolios der Nationalbank auch rasch wieder erholen kann, sobald die Aktienkurse wieder zu steigen beginnen.

Was bedeutet der Verlust für Bund und Kantone?

Nun, sie müssen gänzlich auf die Nationalbankgewinne verzichten, über die sie sich üblicherweise freuen durften – zumindest in den vergangenen Jahren.

So gab es im letzten Jahr sechs Milliarden Franken zu verteilen – das ist der maximal mögliche Betrag. Das Geld ging zu einem Drittel an den Bund und zu zwei Dritteln an die Kantone.

Zwar hat die Nationalbank in guten Jahren regelmässig in die sogenannte Ausschüttungsreserve einbezahlt. Diese belief sich auf rund 102,5 Milliarden Franken. Nach Abzug des Verlusts von 132 Milliarden Franken allerdings bleibt ein Bilanzverlust von rund 39 Milliarden. «Dieser Bilanzverlust verunmöglicht gemäss den Bestimmungen des Nationalbankgesetzes sowie der Gewinnausschüttungsvereinbarung zwischen dem Eidgenössischen Finanzdepartement und der SNB eine Ausschüttung für das Geschäftsjahr 2022», schreibt die SNB in ihrer Mitteilung.

So reagieren die Kantone

Die Konferenz der kantonalen Finanzdirektorinnen und Finanzdirektoren (FDK) hat den Ausfall der Gewinnausschüttung in einer ersten Mitteilung am Montag als «unerfreulich» bezeichnet. Die Zwischenergebnisse der SNB hätten allerdings bereits auf deren Gefährdung hingedeutet.

«Es ist bekannt, dass die Gewinne der SNB stark schwanken und Ausschüttungen nicht als selbstverständlich angesehen werden können», schreibt die FDK gegenüber der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Bereits im Geschäftsjahr 2013 seien die Gewinnausschüttungen ganz ausgefallen.

Es liege in der Kompetenz und Verantwortung jedes einzelnen Kantons, der Lage Rechnung zu tragen. Es gebe folglich Unterschiede zwischen den Kantonen betreffend Budgetierung. Generell könne man sagen, dass die Kantone in ihren Budgets für das Jahr 2023 eine geringere Gewinnausschüttung als in den Vorjahren erwartet hätten.

Wie stark ein gänzliches Ausbleiben der Gewinnausschüttung die Kantone wirklich überrascht, ist hingegen unklar. Eine Umfrage des SRF zeigt, dass noch im November 2022 alle Kantone bis auf vier für das Jahr 2023 Ausschüttungen budgetiert hatten. Und dies, obwohl damals der Verlust von über 140 Milliarden nach neuen Monaten schon bekannt war.

Ganz auszuschliessen wäre eine Ausschüttung tatsächlich nicht gewesen. Im Gesamtjahr 2020 hat die SNB zum Beispiel einen Reingewinn von rund 21 Milliarden ausweisen können. Und das, obwohl sie nach dem ersten Quartal, bedingt durch Corona und den Einbruch an den Finanzmärkten, noch einen Verlust von 38 Milliarden hinnehmen musste.

Was bedeutet das für mich?

Direkt hat der Verlust der SNB keinen Einfluss – ausser, du bist Besitzer oder Besitzerin von Aktien der Nationalbank. Denn neben Bund und Kantonen gehen in diesem Jahr auch Aktionärinnen und Aktionäre leer aus. Im Vorjahr hatten diese nämlich noch 15 Franken pro Aktie erhalten.

Indirekt ist allerdings nicht auszuschliessen, dass Schweizerinnen und Schweizer vom Verlust betroffen sein werden, konkret aufgrund der ausbleibenden Ausschüttungen.

Reisst das nämlich ein Loch in die Bilanz der Kantone – weil die Ausschüttung für das laufende Jahr schon einberechnet wurde –, kann das Folgen haben. So sagte ein Thurgauer Regierungsrat in der Umfrage des SRF von Ende November, man müsste in einem solchen Fall Reserven auflösen.

Einige Kantone müssten gar Sparmassnahmen vornehmen oder Steuersenkungen zurückstellen, so das Fazit der SRF-Umfrage. Wäre das der Fall, könnte es also sehr wohl dazu kommen, dass auch Herr und Frau Schweizer die Verluste ihrer Nationalbank am Ende zu spüren kriegen.

Mit Material der Nachrichtenagentur sda.

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34 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Pat the Rat (das Original)
09.01.2023 13:51registriert Februar 2017
Man sollte den Kantonen per Gesetz verbieten, diese nicht gesicherten Gewinnausschüttungen im Budget zu verplanen. Man könnte sie auch einfach im Budget des Folgejahres verwenden...
Sonst gibt es unschöne Überraschungen.

So wie bei einem Kollegen, der eine teure Uhr gekauft hat mit der zukünftigen Treuepräme für 20 Dienstjahre. Diese Prämie wurde aber in einen Gutschein umgewandelt, der nicht in Bargeld umtauschbar ist. Jetzt hat Er 2 teure Uhren und Ihm fehlen ein paar Fränkli....
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TommyGun
09.01.2023 15:12registriert Oktober 2020
Die Hauptaufgabe der SNB ist die Preisstabilität bzw. Kontrolle der Geldmenge / Umlaufs. Die Kantone haben sich aber an die SNB als Investmentbank gewöhnt, die jedes Jahr schöne Dividenden auszahlen soll. Spannend wird es jetzt wenn die Eigenkapitalquote bedingt durch Zinserhöhungen, CHF Aufwertungsdruck und weitere Kursverluste weiter sinken sollte, bzw. über einen längeren Zeitraum sogar negativ wird.
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rephil
09.01.2023 14:00registriert August 2021
Man sollte ganz einfach nicht mit Geld budgetieren, welches man vielleicht bekommen wird. Im positiven Fall kann man es zur Schuldentilgung brauchen oder für das Folgejahr ins Budget aufnehmen.

Man sollte sich auch darauf einstellen, dass es öfters zu solchen Ausfällen kommen wird. Denn dass der Euro gegenüber dem Franken zulegen wird, glaube ich nicht.

Wenn der Ausfall der Ausschüttungen das kleinste Problem ist, bin ich ja beruhigt... Leider kann dies aber auch ganz andere Auswirkungen haben, wenn eine Nationalbank in schieflage gerät. Und die Politik war leider nicht wirklich nachhaltig.
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