DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Die Talfahrt im Schweizer Detailhandel hat auch im Januar angehalten. (Archiv)

Welche Rechte haben Arbeitnehmende, die kein Home-Office machen können, in Zeiten von Corona? Bild: KEYSTONE

Darf mein Arbeitgeber mich zum Pendeln zwingen? Das sagt die Arbeitsrechtlerin

Zahlreiche Firmen haben ihren Mitarbeitenden Home-Office angeordnet. Doch was ist mit denen, die immer noch zu Stosszeiten pendeln müssen? Die Arbeitsrechtsspezialistin Michèle Stutz beantworten die drängendsten Fragen.



Frau Stutz, kann mich meine Chefin trotz des Coronavirus zwingen, während Stosszeiten zu pendeln, um im Büro anwesend zu sein?
Michèle Stutz: Die Arbeitgeberin hat eine Fürsorgepflicht gegenüber den Arbeitnehmenden, die sie wahrnehmen muss. Das heisst: Sie muss deren Gesundheit schützen. Aktuell sollte der Arbeitgeber somit eher eine Weisung rauslassen, wonach das Pendeln zu Stosszeiten möglichst vermieden werden soll. Hier ist aber auch Flexibilität und Kreativität von beiden Seiten gefragt.

«Verletzt der Arbeitgeber seine Fürsorgepflicht, könnte er schadenersatzpflichtig werden.»

Michèle Stutz

Das heisst konkret?
Vielleicht gibt es die Möglichkeit, dass man früher oder später zum Arbeitsort anreist oder auf das Velo umsteigt, um die Stosszeiten im ÖV zu vermeiden. Bei zwingend fixen Arbeitszeiten, beispielsweise im Verkauf, kann die Arbeitgeberin womöglich auch gewisse Schichten abtauschen unter Berücksichtigung des Arbeitsweges und Anreisemöglichkeiten (Velo, Auto, zu Fuss) der Mitarbeiter.

>> Hier gehts es zum Liveticker mit allen aktuellen News

Bild

Michèle Stutz ist Arbeitsrechtsspezialistin beim Unternehmen MME Legal Tax Compliance. bild: zvg

Wie sieht der Fall aus, wenn es sich um Mitarbeiter über 65 oder um solche mit chronischen Erkrankungen oder geschwächtem Immunsystem handelt?
In diesem Fall ist das Schutzbedürfnis dieser Arbeitnehmerinnen definitiv höher, das heisst, es ist bei der Einsatzplanung noch mehr Rücksicht auf sie zu nehmen. So werden ältere Mitarbeiter zum Beispiel an der Kasse in vielen Betrieben bereits jetzt in anderen, nicht so exponierten Funktionen eingesetzt. Verletzt der Arbeitgeber seine Fürsorgepflicht, könnte er schadenersatzpflichtig werden. Insbesondere dort, wo die Möglichkeit für Home-Office besteht, sollten Arbeitnehmer in der Risikogruppe angewiesen werden, von zu Hause aus zu arbeiten. Erst recht kann man sie in diesem Fall nicht zwingen, zur Arbeit zu kommen. Vor allem nicht, wenn solche Personen in einem Grossraumbüro arbeiten oder zu Stosszeiten pendeln müssten.

Es gibt viele Branchen, in denen Home-Office nicht möglich ist. Was sollen die Betriebe tun?
Dem Detailhandel raten wir beispielsweise, besonders schutzbedürftige Personen von der Front zu nehmen und möglichst auf Kundenkontakt zu verzichten. Womöglich gibt es Arbeiten im Backoffice oder im Lager, die erledigt werden können. Auch bei Mitarbeitern, welche nicht zur Risikogruppe gehören, werden heute bereits an vielen Orten Plexiglaswände als Schutz aufgestellt.

Wenn ich mich weigere, bei der Arbeit zu erscheinen, stattdessen Home-Office mache und mir meine Chefin dann kündigt, wäre diese Kündigung dann überhaupt gültig?
Man müsste die Fälle natürlich wie immer genau einzeln betrachten. Gültig wäre die Kündigung zwar, ich denke aber, dass sie in solch einem Fall missbräuchlich und damit entschädigungspflichtig wäre, falls die Arbeit tatsächlich problemlos über Home-Office machbar ist.

Das Bundesamt für Gesundheit rät derzeit den Arbeitgeberinnen, erst nach fünf Tagen Krankheit ein Arztzeugnis zu verlangen. Was, wenn mein Chef dennoch nach drei Tagen ein Zeugnis verlangt?
Der Arbeitgeber darf wohl darauf beharren. Die fünf Tage-Regel vom Bundesamt für Gesundheit ist keine gesetzliche Vorgabe, sondern eine Empfehlung. Es wäre aber unvernünftig, vom Arbeitgeber auf ein Zeugnis nach drei Tagen zu beharren, da viele Ärzte derzeit gar nicht die Kapazität haben, genügend früh ein Zeugnis auszustellen und dies das Gesundheitssystem nur mehr belasten würde.

Lohn trotz Quarantäne? «Wenn Sie freiwillig nach Asien gereist sind, wird das schwierig.»

Angenommen ich arbeite im Home-Office und muss mit meinem privaten Telefon Anrufe tätigen. Muss meine Arbeitgeberin die Kosten dann übernehmen?
Da ist die Situation etwas komplizierter. Angenommen, die Arbeitgeberin erteilt die Weisung, im Home-Office zu arbeiten, dann sind die Telefonkosten als notwendige Auslagen zu ersetzen, wenn die Arbeitgeberin nicht sowieso schon einen Teil der Abonnementskosten bezahlt. Leistet die Arbeitnehmerin hingegen Home-Office auf eigenen Wunsch, obwohl sie noch zur Arbeit erscheinen könnte, sind diese Auslagen nicht «notwendig» und daher nicht zu ersetzen. Überdies kommt es bezüglich Arbeitsmittel (Laptop, Drucker) auf die vertragliche Abmachung an. Falls vertraglich vorgesehen, hat der Mitarbeiter für diese Kosten aufzukommen.

Rechtsexperte klärt auf - vorsorglich zuhause bleiben

Video: srf/SDA SRF

Wie sieht es mit Reisen ins Ausland aus. Nehmen wir an, ich komme gerade von einer Asienreise zurück und mein Arbeitgeber hat mir zehn Tage Quarantäne verordnet. Habe ich Anrecht auf meinen Lohn?
Wenn Sie freiwillig nach Asien gereist sind, wird das schwierig. Können Sie von zu Hause aus arbeiten, muss der Arbeitgeber selbstverständlich zahlen. Fällt die Option für Home-Office weg, weil Sie beispielswiese Arzt sind, muss der Arbeitgeber keinen Lohn bezahlen. Hier liegt die Verhinderung an der Arbeit in der Risikosphäre des Arbeitnehmers.

Und bei Geschäftsfreisen?
Anders sieht es aus, wenn Sie in der gleichen Konstellation von einer Geschäftsreise zurückkommen: Hier wäre der Lohn geschuldet, auch wenn keine Möglichkeit für Home-Office besteht. Hier liegt die Verhinderung an der Arbeit klar in der Risikosphäre der Arbeitgeberin.

Darf mich mein Arbeitgeber überhaupt noch ins Ausland schicken?
Das ist aktuell problematisch und kommt natürlich stark auf die Destination an.

Bei vielen Betrieben ist wegen des Coronavirus derzeit Flaute. Können diese Firmen ihre Mitarbeiterinnen in die Zwangsferien schicken?
Eigentlich müssen Ferien mit einer relativ langen Frist von drei Monaten angeordnet werden. Ist der Betrieb aber in seiner Existenz gefährdet, dann überwiegt womöglich das Interesse des Arbeitgebers und die Zwangsferien wären rechtens. Eine elegantere Lösung könnte hier die Kurzarbeit sein, eventuell in Kombination mit dem Abbau von Überstunden.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Schweiz riegelt Grenze zu Italien ab

Die Forschung sucht fieberhaft nach Medikamenten gegen das Coronavirus

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

«Hohn gegenüber Gesundheitspersonal» – Versicherungen stellen sich bei Corona-Infekt quer

Das Gesundheitspersonal klagt vermehrt darüber, dass es mit Unfallversicherungen kämpfen muss, wenn es sich mit dem Coronavirus infiziert hat. Denn diese erkennen Covid-19 oft nicht als Berufskrankheit an.

Im Spital bekämpfen Pflegefachpersonen, Ärztinnen und Ärzte das Coronavirus an vorderster Front. Infizieren sie sich damit und werden krank, kommen die Versicherungen ins Spiel. Dann ist relevant, ob sie sich bei der Arbeit oder im Privaten angesteckt haben, ergo, ob die Unfallversicherung zahlt oder eine allfällige Krankentaggeldversicherung.

Diese Fragen erhalten noch mehr Gewicht, wenn die erkrankte Person über längere Zeit arbeitsunfähig wird. Das passiert etwa, wenn die Folgekrankheit …

Artikel lesen
Link zum Artikel