DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Fluechtlinge werden von einem Grenzwaechter auf einen provisorischen Polizeiposten gebracht, aufgenommen am Freitag, 25. September 2015, am Bahnhof in Buchs. (KEYSTONE/Gian Ehrenzeller)

Ankommende Flüchtlinge im st.gallischen Buchs: Die Logistik-Firma Planzer will mit Flüchtlingen Personallücken füllen und zeigt sich bereit, auch Umschulungen anzubieten.
Bild: KEYSTONE

Job-Offensive für Flüchtlinge: Was hinter dem Angebot der Schweizer Firmen steckt

Ikea plant Praktika-Programme für Asylbewerber und die Logistik-Firma Planzer ist an Flüchtlingen als Arbeitskräfte interessiert. Was ist die Motivation der Unternehmen?

Andreas Schaffner / Aargauer Zeitung



Die Wirtschaft entdeckt Flüchtlinge als Arbeitskräfte. So will das Einrichtungshaus Ikea in den nächsten sechs Monaten Praktika-Programme für Flüchtlinge starten. Auch das Transport- und Logistikunternehmen Planzer ist an Flüchtlingen als Arbeitskräfte interessiert. Gegenüber der «Nordwestschweiz» erklärt VR-Präsident Nils Planzer die Motive seiner Firma hinter dem Vorstoss.

Herr Planzer, was steckt hinter dem Engagement von Planzer für Flüchtlinge?
Nils Planzer:  
Wir haben uns in unserer Firma seit längerem Gedanken gemacht, was wir anbieten können. Das Schlimmste, das einem Flüchtling passieren kann, ist, wenn er am neuen Ort keine Betätigung hat. Und so sind wir auf das Seco, das Staatssekretariat für Wirtschaft, zu und haben unsere Dienste angeboten.

«Wir haben heute schon Programme, in denen wir Metzger oder Schreiner zu Lastwagenfahrern oder Logistikern ausbilden.»

Wie soll ein Flüchtling bei Ihnen arbeiten können?
Zunächst: Die ganzen technischen Fragen sind noch nicht geklärt. Sicher ist, dass wir einen Bedarf nach Arbeitskräften haben. Und wir können uns sehr gut vorstellen, dies mit diesen Menschen zu decken.

Was genau sollen die Flüchtlinge, die ja Asylbewerber sind, tun, wenn sie nicht einmal Deutsch können?
Wir haben viele Jobs, bei denen die Sprachenkenntnis nicht im Vordergrund ist. So beschäftigen wir heute schon bis zu 400 Leute im Bereich Kommissionierung und Konfektionierung. Es geht etwa darum, Lieferungen umzupacken oder neu zu beschriften. Ausserdem betreiben wir für unsere Kunden Lagerhäuser. Auch hier kann ich mir einen Einsatz vorstellen. Das Gleiche gilt beim Warenumschlag: Hier sind vor allem starke Hände gefragt, wenn es darum geht, Paletten von Lastwagen auf Züge zu verladen. Zu guter Letzt gibt es auch viel Bedarf an Reinigungskräften. Auch hier kann ich mir einen Einsatz von Flüchtlingen vorstellen.

Sie schulen heute schon Leute mit einem anderen Beruf um zu Transporteuren oder Fahrern. Können Sie sich das auch bei Flüchtlingen vorstellen?
Genau. Wir haben heute schon Ausbildungsprogramme, in denen wir Metzger oder Schreiner zu Lastwagenfahrern oder Logistikern ausbilden. Das dauert etwa drei Monate. Der Grund ist ganz einfach: Es gibt in der Schweiz zu wenig Chauffeure und Logistiker. Der Bedarf ist gross. Etwas Ähnliches kann ich mir auch mit Flüchtlingen vorstellen. Wir planen, Ausbildungsprogramme für rund hundert Flüchtlinge anzubieten. Hier ist klar, dass wir das nicht von einem Tag auf den anderen aufbauen können.

Zur Person

Nils Planzer führt gemeinsam mit Severin Baer seit 2012 die Geschicke des Transport- und Logistikunternehmens Planzer in dritter Generation. Nils Planzer und Severin Baer sind auch Miteigentümer der Firma. 1936 von Max Planzer senior gegründet umfasst die Planzer Gruppe heute 47 Gesellschaften und beschäftigt rund 4200 Mitarbeitende, davon 200 Lernende. Einen grossen Teil des Umsatzes macht Planzer nicht mit dem Transport von Gütern, sondern auch mit dem Umpacken und Konfektionieren von Gütern. Der Hauptsitz der Firma wurde 2012 von Dietikon ZH in den Kanton Schwyz verlegt. 

Wie viele Jobs können Sie insgesamt anbieten?
Genaue Zahlen kann ich Ihnen keine nennen. Was klar ist: Wir decken heute unseren Bedarf mit Temporär-Mitarbeitern und haben für Spitzen auch einen eigenen Pool an Mitarbeitern. Das sind schon heute Menschen mit einem sehr unterschiedlichen Hintergrund. Einige haben in ihren Ländern ganz andere Arbeit geleistet, andere waren Ärzte oder Akademiker. Wir können mit einer solchen Situation umgehen. Wir wollen auch keine Subventionen, sondern die Jobs sollen marktgerecht entlöhnt werden.

Der Aargauer Fuhrhalter und SVP-Nationalrat Ueli Giezendanner sagt, er könne keinen Flüchtling ohne Sprachkenntnisse als Fahrer anstellen.
Wir machen hier keine billige PR auf Kosten der Flüchtlinge. Unsere Aktion haben wir, soweit ich weiss, nicht einmal auf der Homepage aufgeführt. Wir versuchen zu helfen. Wenn es nicht geht, haben wir es zumindest versucht. Mir ist auch klar, dass es nicht geht, einen Fahrer ohne Fahrkenntnisse auf die Piste zu schicken. Für uns sind die Fahrer wichtige Aushängeschilder. Der Kontakt mit dem Kunden geschieht auf dieser letzten Meile. Hier ist neben guten Sprachkenntnis tadelloses Auftreten entscheidend.

Die Schweiz gilt als Hochlohnland. Die Frage stellt sich bei Flüchtlingen, ob sie günstig beschäftigt werden könnten. Fordern Sie, dass Billiglöhne gelten?
Nein. Es geht uns nicht darum, «Billigjobs» anzubieten, sondern die Entlöhnung soll gemäss marktüblichen Bedingungen gestaltet werden.

Flüchtlinge willkommen!

Warum zwei Appenzeller Piloten im Mittelmeer Flüchtlinge retten müssen – eine Reportage

Link zum Artikel

Diese 6 Dinge kannst du als Normalsterblicher tun, um Flüchtlingen in der Schweiz zu helfen

Link zum Artikel

Bist du eher Front-Kämpfer oder Cüpli-Helfer? 11 Retter-Typen und was sie für Flüchtlinge tun

Link zum Artikel

«Es gibt mehr als genug Arbeit für Flüchtlinge» – davon ist Integrationsexperte Thomas Kessler überzeugt

Link zum Artikel

Diese 6 Dinge machen die watson-User für die Flüchtlinge 

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

UNO-Folterexperte Nils Melzer: «Der Fall Assange ist wie ein dunkles Familiengeheimnis»

Der Schweizer Jurist Nils Melzer überwacht für die UNO das Folterverbot und hat ein Buch über seine Untersuchung zum Fall des Wikileaks-Gründers Julian Assange geschrieben. Dessen Rechte seien massiv verletzt worden, sagt Melzer. Und warnt vor der «gefährlichen» PMT-Vorlage, die am 13. Juni zur Abstimmung kommt.

Sie erheben in Ihrem Buch schwere Vorwürfe gegen westliche Staaten im Umgang mit Julian Assange. Was hat Sie bei Ihrer Untersuchung am meisten schockiert?Nils Melzer: Die Erkenntnis, dass der Rechtsstaat offenbar auch in westlichen Demokratien vollkommen ausgehebelt werden kann. Ich habe in den letzten 20 Jahren oft in Kriegs- und Krisengebieten gearbeitet und viele schwere Rechtsverletzungen gesehen. Aber ich habe immer daran geglaubt, dass in den westlichen Demokratien wenigstens noch der …

Artikel lesen
Link zum Artikel