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Manche nennen es Hysterie, andere Energydrink-Entzug, ca. 1890.
Manche nennen es Hysterie, andere Energydrink-Entzug, ca. 1890.bild: neuro24

Tagebuch einer Energydrink-Süchtigen auf Entzug

Meiner Mutter gewidmet.
31.01.2017, 10:5406.03.2017, 13:57

Der Sinneswandel

«Anna, da isch asä grüsig!», sagte meine Mutter, als ich meinen Sixpack Energydrink in ihren Kühlschrank stellte. Es war meine Überlebensration. Für die Festtage. Meine Mutter sagte noch mehr. Vorrangig sinnverwandte Adjektive wie dumm, doof, dämlich. Idiotisch, ignorant, infantil. Blöd, bescheuert, beschränkt. Und lachhaft. Vor allem lachhaft sei es, sich mit 31 Jahren immer noch jeden Tag so ein pubertäres Urinzeugs reinzupfeifen.

Gut, reinpfeifen hat sie nicht direkt gesagt. Das wär ja auch voll pubertär. Aber ganze neun Synonyme hat sie verwendet, um mich und meine liebe Gewohnheit zu vernichten. Obwohl sie immer behauptet, das Englische habe mehr Synonyme und ganz generell viel mehr Wörter als das Deutsche. Ich hab das immer bestritten. Ich bin Team Deutsche Sprache. Ich liebe sie. Sie ist meine Sprache. Sie ist kantig, präzis. Und manchmal so unerhört flaumig, dass man alles, was man so tagtäglich im Innern zusammenfühlt, sofort in sie einpacken will.

Und das geht sogar gleichzeitig.

Hab gegoogelt. Ideologien sind leider höchstens sieben Jahre haltbar. In meinem Alter muss man die Wahrheit ertragen können. #WasDichNichtTötetHärtetDichAb #ArnoldSchwarzenegger

«Keine Sprache, auch nicht die arabische oder chinesische – hat so viele Wörter wie die Englische. Englisch lehnt traditionellerweise Bezeichnungen aus anderen Sprachen aus und hat daher viele Ausdrücke für ein und dasselbe Ding.»
Das schreibt SRF. Und unserem Staatsfernsehen ist grundsätzlich zu trauen

Mist.

Da geht sie hin, meine Würde. Rinnt hinaus aus der Glorifizierung der deutschen Sprache (klingt das jetzt schon wieder nach Drittem Reich?) und aus meinem Energydrink-Konsum ebenso. Schmilzt zu einem unförmigen, winzigen Klumpen zusammen.

Ja, kommt her, ihr, die ihr wisst, dass Englisch mega viele Wörter hat und so viel grandioser ist als Deutsch. Ihr, die ihr die Banalitäten des Alltags mit «awesome» kommentiert. Kommt her, ihr Kaffee-Trinker, die ihr glaubt, ihr seid so viel erhabener mit eurem dummen Bio-Röstgesöff im restlos abbaubaren, kackbräunlichen Pappbecher, den ihr vom Hipster um die Ecke habt, der seinen Scheiss aus dem Kofferraum seines abgewrackten Shabby-Chic-Hippie-Busses verkauft. Ihr, die ihr unbeobachtet aber doch heimlich in den Starbucks geht, um euer verblödetes Fancy-Frappuccino-Shaky-Baby-Tasty-Gebräu zu holen.

Zerstampft doch meinen letzten Klumpen Würde mit eurem «Coffee to go».

Fahrt damit zur Hölle.

So.

Ok.

Ich werde aufhören mit den Energydrinks.

Aber ich werde nicht werden wie ihr.

Und meine Sprache behalt ich. Sie ist mein Kampfmaterial für die düsteren Zeiten, die da kommen werden.

Tag 1 der Abstinenz

Ich will nicht darüber reden.

Es ist zu früh.

bild: shutterstock

Tag 2 der Abstinenz

Mein Chef: «Willst du einen Tee, einen schwarzen oder grünen vielleicht?»
Ich: «Nein, danke.»
Mein Chef: «Willst du einen Kaffee?»
Ich: «Nein.»
Mein Chef: «Willst du ein Smoothie?»
Ich: «Geh sterben.»
Mein Chef: «Oha.»
Ich: «Verlier' doch du mal deine Morgenidentität.»

WER ZUM TEUFEL BIN ICH? Die letzte Identitätskrise hatte ich während des Studiums. In den Semesterferien. Als ich plötzlich zu ahnen begann, dass mein schöngeistiges Studium niemals irgendwem was nützen wird. Ein Firlefanz-Studium, Klimbim, Tand, Ramsch, Plunder, weiter nichts. 

Meine Brüder hingegen bauten Maschinen für eine bessere Welt und kochten. Vielleicht hab ich deshalb mit den Energydrinks angefangen. Literatur und Stierurin. Das gehört zusammen.

Nein, eigentlich ganz und gar nicht. Rotwein passt besser zur Literatur. Aber den kann man morgens nicht trinken. Tatsächlich gibt es im Gegensatz zum Rotwein keinerlei Ästhetik in diesen Energiegetränken. Nicht mal ein Fünklein. Null. Sie stinken. Ich weiss das, weil die Menschen die Nase rümpfen, wenn man im Tram so eine Dose öffnet. Und der Urin so hinausweht. Auf manch einer Stirn bildet sich dann sogar eine Falte der Empörung.

Ich störe nicht gern. Von nun an werde ich niemanden mehr belästigen mit meiner übelriechenden Tunke. 

Tag 3 der Abstinenz

Auf dem Heimweg eine zerdrückte Dose entdeckt. Sie lag auf einem Bänklein, ganz einsam. Kurz daran gedacht, sie zu berühren. Sie zu riechen.

bild: shutterstock/watson

Tag 4 der Abstinenz

Krieg ich am Ende der Woche auch so eine Medaille wie die anonymen Alkoholiker? Mein Grossvater hat dazu immer «Medale» gesagt. Das war allerdings im Zusammenhang mit Skirennen. Wenn Didier Cuche fuhr, diese ewige Nummer 2, der Silbermann. Ihn nannte mein Grossvater wiederum einfach «Tisch». Er tauschte auch alle Ps in Bs um, wenn sie am Anfang eines Wortes standen: Da war das «Boulet». Und die «Bolizei». 

«Herr Bolizist, mein Beileid zum Verlust Ihrer Autorität.» Buchstaben sind so mächtig.

Eigentlich hätte ich lieber einen Bokal. 

Tag 5 der Abstinenz

Dani Huber sitzt hinter mir und stöhnt. Es klingt nach einem strengen Leben. Dabei weiss er nicht, was Energydrinks mit einem Menschen machen können. Erst spazieren sie in dein Leben, du nimmst sie bereitwillig darin auf, fängst an sie zu mögen, dann zu lieben. Irgendwann aber bist du alt und an deinem Mund hängen schlaff die dünn gewordenen, zerfalteten Lippen. Und die Dosen ekeln sich vor dem welken Fleisch.

Dann verlassen sie dich. Für jemand Jüngeres. 

ENERGYDRINK, DU BIST EIN VERMALEDEITER LUMP.

Tag 6 der Abstinenz

Der Gerechtigkeit halber muss ich gestehen, dass die Trennung schon auch ein bisschen meine Idee war. Es war eine unheimlich erwachsene Entscheidung. So wie die andere damals, die gegen Tangas. Da bin ich auch einfach auf natürliche Weise rausgewachsen. 

Tag 7 der Abstinenz

Sätze, die während eines Energydrink-Entzugs verfasst wurden:

«Gott ist tot.»
Nietzsche (untröstlich)
«Das Leben ist eine grosse Enttäuschung.»
Oscar Wilde (ohne jegliche Ironie)
«Erdolcht mich stracks!»
Shakespeare (im Delirium)
«Mehr Licht!»
Goethe (ist danach sofort gestorben)
«WO ZUM TÜFEL BISCH?»
Nella Martinetti (noch heute rufend)
«Garstig.»
Anna Rothenfluh (weiterkämpfend)

29 grandiose Gedanken, die wir nur unter der Dusche haben – oder auf Energydrink-Entzug

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29 grandiose Gedanken, die wir nur unter der Dusche haben
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