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WM 2022: Warum der Final Argentinien – Frankreich kein Spektakel wird

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Bei der WM 2018 gab es für die Fans viele Tore zu bejubeln, ob das beim Spiel am Sonntag auch so wird darf bezweifelt werden. Bild: www.imago-images.de
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Argentinien gegen Frankreich – ein Fussballspektakel ist nicht zu erwarten

Messis Krönung oder Mbappés zweiter Streich? Beide Szenarien sind möglich. Doch vor allem die Taktik Argentiniens dürfte für den Ausgang des WM-Finals entscheidend sein.
16.12.2022, 17:56
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Für Argentinien und Frankreich geht es im WM-Final jeweils um den dritten Weltmeistertitel. Am Sonntag um 16 Uhr treffen im Lusail Iconic Stadion aber auch zwei Teams aufeinander, welche eine völlig unterschiedliche Spielphilosophie verfolgen.

Der Weltmeister Frankreich, von Verletzungssorgen gebeutelt, muss bei dieser WM ohne Paul Pogba, N'golo Kanté, Christopher Nkunku und den Weltfussballer Karim Benzema auskommen. Dennoch hat es die Mannschaft von Didier Deschamps erneut in den Final geschafft.

Lediglich eine Niederlage im unwichtigen dritten Gruppenspiel gegen Tunesien musste der Titelverteidiger auf dem Weg ins Endspiel hinnehmen. Dieses Spiel kann allerdings nicht als Gradmesser genommen werden, da Frankreich viele Stammkräfte für den Achtelfinal bereits schonte.

Ist Frankreich überhaupt schlagbar?

Diese Frage dürften sich einige Fussball-Fans nach den Auftritten der «Équipe Tricolore» gegen England und Marokko gestellt haben. Frankreich hatte sowohl gegen die «Three Lions» im Viertelfinal als auch gegen die «Atlas Löwen» im Halbfinal wesentlich weniger Ballbesitz. In beiden Spielen wirkten sowohl England als auch Marokko dominanter und waren torgefährlicher, doch Frankreich setzte sich am Ende immer durch.

Das ist genau, was Didier Deschamps will. Frankreich spielte im Viertelfinal und Halbfinal, jeweils die frühe Führung in die Karten. Denn mit der Führung im Rücken ziehen sich die Franzosen gerne tief in die eigene Hälfte zurück und überlassen dem Gegner das Spieldiktat. Frankreich agiert dabei taktisch äusserst diszipliniert und die Spieler halten sich genau an die Defensiven-Vorgaben des Trainers, welcher sehr ergebnisorientiert spielen lässt. Bei der WM 2018 agierten die Franzosen bereits ähnlich und waren damit erfolgreich. Und weil sie mit Mbappé wahrscheinlich den besten Umschaltspieler der Welt in ihren Reihen haben, ist diese Taktik auch klug gewählt.

Auch 2018 in Russland kam es bei der WM zum Aufeinandertreffen zwischen Argentinien und Frankreich. Damals setzten sich die Franzosen knapp mit 4:3 durch, doch Argentinien war die einzige Mannschaft, die Frankreich an den Rand einer Niederlage brachte und auch das einzige Team, welches gegen die Franzosen zwischenzeitlich überhaupt in Führung ging.

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Nicolas Otamendi (links) und Kylian Mbappé (rechts) standen auch beim Duell 2018 schon auf dem Platz.Bild: www.imago-images.de

Wie ist Frankreich schlagbar?

Frankreichs letzte Niederlage vor dem Spiel gegen Tunesien war ein Aufeinandertreffen mit Dänemark in der Nations League. Die Dänen gewannen damals mit 0:2 in Kopenhagen und es war auch Dänemark, welches Frankreich in der Gruppenphase vor die grössten Probleme stellte. Das Team von Kasper Hjulmand agierte in einer 3-4-2-1-Formation gegen das offensive 4-3-3 der Franzosen.

Dadurch wurden die offensiven Läufe von Linksverteidiger Theo Hernandez unterbunden. Dieser wird durch den Schienenspieler auf der Aussenbahn mehr in der eigenen Hälfte gehalten. Dadurch kann auch Kylian Mbappé nicht wie von Deschamps gewollt mehr ins Zentrum rücken und bleibt vermehrt Linksaussen.

Frankreich – Dänemark

Frankreich in Ballbesitz gegen Dänemark.
Frankreich in Ballbesitz gegen Dänemark.screenshot: youtube

Wie es ansonsten gegen die Franzosen läuft, zeigt das Auftaktspiel der Franzosen exemplarisch. Australien agierte wie beispielsweise auch England, Polen oder zuletzt Marokko mit einer Viererkette in der Abwehr. Dadurch hatte Hernandez in der Offensive mehr Freiheiten und Mbappé konnte sich zentraler positionieren.

Frankreich – Australien

Frankreich im Ballbesitz gegen Australien.
Frankreich im Ballbesitz gegen Australien.screenshot: youtube

Allerdings ist auch eine Formation mit einer Dreierkette in der Defensive nicht die Allzweckwaffe gegen die Franzosen, denn schliesslich mussten sich die Dänen gegen Frankreich auch geschlagen geben. Aber wer sich die Treffer Frankreichs im Duell mit dem Europameister von 1992 nochmals ansieht, merkt, dass die Dänen bei beiden Gegentreffern stets mit mehr Verteidiger hinter dem Ball waren. Die Gegentreffer wären bei einer besseren Ordnung in der Defensive also vermeidbar gewesen.

Die Highlights von Frankreich gegen Dänemark.Video: YouTube/SRF Sport

Argentiniens Vorteil

Für Argentinien spricht allerdings ein Faktor und dieser ist nicht ganz unwesentlich – der Trainer. Lionel Scaloni stand bei der WM 2006 selbst noch mit Lionel Messi auf dem Platz. Scaloni beendete mit Argentinien den Titelfluch und gewann im letzten Jahr bereits die Copa America. Von der Vergangenheit kann man sich im Fussball, bekanntlich aber nichts kaufen. Dennoch bringt Scaloni einen Vorteil mit: seine taktische Flexibilität.

In diesem System spielte Argentinien gegen Kroatien im Halbfinal.
In diesem System spielte Argentinien gegen Kroatien im Halbfinal.

Argentinien spielte bei dieser WM zumeist mit einem 4-2-2-2-System. Dabei versuchten sie häufig über aussen Torchancen zu kreieren – bestes Beispiel dafür ist der Führungstreffer gegen Polen von Alexis Mac Allister.

Mac Allister trifft zum 1:0 für Argentinien.Video: YouTube/SRF Sport

Dass Scaloni ein Taktikfuchs ist, zeigte er im Viertelfinal gegen die Niederlande. Er verwarf seine eigentliche Grundordnung, um das 3-4-1-2-System der «Oranje» auf dem Spielfeld zu spiegeln. Damit hatte er über den Grossteil der Partie auch Erfolg. Argentinien kassierte erst in der Schlussphase des Spiels zwei Gegentore, setzte sich am Ende aber doch im Penaltyschiessen durch.

Diese Taktik könnte Scaloni auch im Final gegen den Titelverteidiger wieder anwenden. Vor allem um die französische Offensive einzuschränken, wäre es ein probates Mittel wieder auf eine Dreierkette umzustellen. Auch die hohe Foulqoute von 11,5 Fouls pro Spiel ist eine Waffe der Albiceleste um sich gegen die Franzosen zur Wehr zusetzten, wenn auch nicht mit fairen Mitteln.

Die Schlüsselduelle

Logischerweise entscheiden das Spiel am Ende aber nicht die Trainer, sondern die Spieler auf dem Platz. Hier wird es zu einigen interessanten Duellen kommen, die den Ausgang des Spiels entscheiden könnten.

Auf die Torhüter wird eine entscheidende Rolle zu kommen. Emiliano Martinez wurde zwar im Spiel gegen die Niederlande zum Helden, seine Quote von gerade einmal 50 % abgewehrter Bälle bei dieser WM spricht allerdings nicht gerade für ihn. Sein Gegenüber Hugo Lloris hat mit einem Spiel weniger dennoch knapp 72 % der Schüsse auf sein Tor abgewehrt. Für Lloris spricht zudem auch die Erfahrung, er hat bereits einen WM-Titel gewonnen und damit etwas weniger Druck als sein Gegenüber.

Olivier Giroud ist mit bislang vier Treffer zu einem Schlüsselspieler der Franzosen geworden. Seine Körpergrösse dürfte ihm gegen die eher kleinen Innenverteidiger der Argentinier Cristian Romero (1,85 Meter), Lisandro Martínez (1,75 Meter) und Nicolas Otamendi (1,83 Meter) sicher weiterhelfen.

Rodrigo de Paul von Atlético Madrid bekam während dieser WM den Spitznamen «Messis-Bodyguard». Auf ihn und Leandro Paredes wird ebenfalls eine spannende Aufgabe zukommen. Sie müssen Antoine Griezmann in seiner neuen Rolle als zentralen Mittelfeldspieler stoppen. Griezmann machte bei den letzten Turnieren mehr als Torjäger auf sich aufmerksam, durch die zahlreichen Ausfälle rückte Griezmann in diesem Turnier etwas weiter zurück. Dadurch büsste er zwar seine Torgefahr ein, glänzt dafür als Vorbereiter und Zweikämpfer. «Griezou» ist der Kreativspieler in Frankreichs Mittelfeld und an den meisten gefährlichen Aktionen des Titelverteidigers beteiligt. Im WM-Final 2018 in Russland machte er mit einem Treffer und zwei Assists sein bestes Spiel des Turniers. Gut möglich, dass er sich sein bestes Spiel in Katar auch für den Schluss aufgehoben hat.

Das Schlüsselduell schlechthin ist logischerweise das Duell der beiden Mannschaftskameraden von Paris-Saint-Germain. Die Rede ist natürlich von Lionel Messi und Kylian Mbappé. Für beide ist es bereits das zweite WM-Final in ihrer Karriere, nur der junge Franzose konnte sein erstes Endspiel für sich entscheiden. Messi trat bei seinem Endspiel 2014 gegen Deutschland nicht wirklich in Erscheinung, während Mbappé 2018 sogar einen Treffer erzielen konnte.

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Für Paris stehen die beiden meist gemeinsam auf dem Platz: Lionel Messi (links) und Kylian Mbappé (rechts).Bild: www.imago-images.de

Wer von den beiden am Ende als Sieger vom Platz gehen wird, dürfte jedoch stark von den anderen Schlüsselspielern abhängen.

Ein Fussballleckerbissen sollten die Fans von Argentinien und Frankreich also nicht erwarten, der WM-Final dürfte eher zu einer Taktikschlacht verkommen. Ein Treffer – wie bei Argentiniens Niederlage 2014 – könnte auch in diesem Jahr den feinen Unterschied zwischen WM-Titel und Staatstrauer ausmachen.

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3 Kommentare
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Fuchs76
16.12.2022 19:37registriert September 2021
Und ich sage, der Autor irrt sich. Es wird Ein Spektakel.
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