Dass der nächste Gegner einen ähnlichen Fussball spielt wie der deutsche Double-Sieger Leverkusen, der von 53 Spielen während der letzten Saison nur eines verlor, hört man als Team natürlich gar nicht gerne. Dennoch blüht der Schweiz gerade das beim EM-Auftakt gegen Ungarn, wie der Taktik-Experte Constantin Eckner von spielverlagerung.de gegenüber watson erläutert.
Dies äussere sich vor allem in der Spielgestaltung des Teams von Marco Rossi, da «Ungarn ähnlich wie Leverkusen zunächst den Ball in den hinteren Reihen zirkulieren lassen möchte». Dazu kommt, dass auf der Seite des Balls Überzahlsituationen kreiert werden sollen, während sich einer der Aussenverteidiger in die Offensive schiebt – nämlich an die Seite der Halbstürmer, die in der 3-4-2-1-Formation hinter der Spitze agieren. «Das funktionierte für Leverkusen in der abgelaufenen Saison hervorragend», so Eckner.
Jedoch gibt es auch gute Nachrichten für die Schweiz. Denn: «Die generelle individuelle Qualität des ungarischen Kaders ist natürlich nicht mit der des deutschen Meisters zu vergleichen.» Unter anderem sind die ungarischen Verteidiger nicht so pass- und ballsicher wie Leverkusens Jonathan Tah oder Edmond Tapsoba. Der Experte fügt an: «Zudem fehlt ein Anker-Sechser wie Granit Xhaka, weshalb sich Dominik Szoboszlai zurückfallen lässt.»
Mit Anker-Sechser meint Eckner einen defensiven Mittelfeldspieler, der defensiv für Absicherung sorgen, aber der vor allem auch das Spielgeschehen kontrollieren kann und bei dem die Fäden des Spiels zusammenlaufen. Nati-Captain Xhaka füllte bei Leverkusen diese Rolle, die man auch mit einem Quarterback vergleichen kann, so hervorragend aus, dass er ins Team der Bundesliga-Saison gewählt wurde. Einen Spieler dieser Qualität besitzen die Ungarn auf dieser Position nicht.
Dafür ist der erwähnte Szoboszlai kaum minder talentiert – und vor allem gefährlich. Der 23-Jährige war im vergangenen Sommer einer der Wunschspieler von Jürgen Klopp und Liverpool, er wechselte für 70 Millionen Euro aus Leipzig zu den Reds. Auf ihn muss die Schweiz besonders aufpassen. Denn bei den Ungarn geniesst er alle Freiheiten – lässt sich mal zwischen die Sechser fallen, greift aber auch offensiv stärker ein. «Im Nationalteam übernimmt Szoboszlai in der Gestaltung der Angriffe nahezu jede Aufgabe – bis hin zum Finalisieren von Angriffen von der Strafraumgrenze aus», weiss Eckner.
Damit unterscheidet sich die Rolle des zentralen Mittelfeldspielers von jener in Liverpool, wo er sowohl defensiv als auch offensiv weniger stark eingebunden ist. Für Ungarn wird er hingegen «zum Schweizer Taschenmesser», wie Eckner, nicht ohne sich für die Metapher zu entschuldigen, sagt. Unter anderem das grosse offensive Potenzial von Szoboszlai bewog Trainer Rossi zum Umdenken vom auf Konter ausgelegten 5-3-2-System zu einem mutigeren Spielstil, der sich auch an Aspekten vom Inter Mailand von Simone Inzaghi bedient.
So halten sich die ungarischen Verteidiger zwar relativ klar an ihre Positionen, doch dürfen die Spieler davor relativ viel rochieren. Einer, der davon stark profitiert und der auch stark angehalten ist, dies zu tun, ist eben Szoboszlai. Der deutsche Fussball-Kommentator für unter anderem Sport 1 und DAZN gibt der Schweiz daher auch einen Tipp auf den Weg: «Man muss Szoboszlai ein Stück weit kommen lassen und darf ihn nicht sofort stoppen wollen.»
Stürmt einer der beiden defensiven Mittelfeldspieler der Schweiz zu früh auf den Premier-League-Star mit einem Marktwert von 75 Millionen Euro los, wenn sich dieser zurückfallen lässt, um das Spiel aufzubauen, könnten sich nämlich Räume vor der Abwehrreihe öffnen. Diese könnten Freiburgs Roland Sallai oder der ebenfalls flinke Loïc Nego von Ligue-1-Klub Le Havre bespielen. Das muss das Team von Trainer Murat Yakin aber unbedingt verhindern.
Gelingt es, Szoboszlai einigermassen in Zaum zu halten, hat die Schweizer Defensive gute Chancen, auch Ungarns Offensive zu kontrollieren. Jedoch gilt es auch, den durchsetzungsstarken Sallai und den torgefährlichen Stürmer Barnabas Varga im Griff zu haben. Denn jedes Gegentor könnte eines zu viel sein. Für den zuletzt ziemlich harmlosen Schweizer Sturm wird es gegen die stabile Defensive der Magyaren um Leipzigs Willi Orban nämlich alles andere als einfach. In den vier Testspielen vor der EM kassierte Ungarn nur zwei Tore – wobei die Gegner mit der Türkei (1:0), Kosovo (2:0), Irland (1:2) und Israel (3:0) nicht aus der höchsten Kategorie kamen.
Spannend wird die Partie aus taktischer Hinsicht auch, weil sich die beiden Formationen de facto spiegeln. So setzt auch Nati-Trainer Yakin wie Ungarn-Coach Rossi häufig auf eine 3-4-2-1-Formation. «Dadurch könnte es zu vielen Eins-gegen-Eins-Situationen kommen», sagt Experte Eckner. Als besonders interessant betrachtet er das Aufeinandertreffen von Aussenverteidiger Silvan Widmer mit dem hochexplosiven Flügelläufer Milos Kerkez.
Und Eckner hat noch einen Tipp für die Nati: «Im Zentrum muss die Schweiz versuchen, das Pressing auszulösen, wenn sich Szoboszlai nicht am Ball befindet. Andras Schäfer und Adam Nagy sind bei weitem nicht so pressingresistent.» Wichtig wird auch sein, dass sich die Schweiz von den aufopferungsvoll kämpfenden, vor keinem Zweikampf zurückscheuenden und stets als Team agierenden Ungarn nicht einschüchtern lässt. Dies schien im letzten Testspiel gegen Österreich geschehen zu sein, wie Murat Yakin nach der Partie gesagt hatte: «Ihre Robustheit hat uns am Anfang etwas überrascht, weil wir uns das nicht gewohnt sind.»
Insofern war die Partie gegen das Team von Ralf Rangnick eine gute Vorbereitung auf das erste EM-Spiel. Jedoch muss sich die Schweiz im Vergleich zu grossen Teilen des Auftritts beim 1:1-Unentschieden gegen den Nachbarn noch deutlich steigern, um erfolgreich in die Europameisterschaft in Deutschland zu starten.
Da wäre sowieso mal ein Thema für einen Watson-Artikel.