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Der Schwingerkoenig Rudolf Hunsperger, Sieger beim 27. Eidgenoessischen Schwing- und Aelplerfest, wird im August 1966 in Frauenfeld von seinen Fans begeistert gefeiert. (KEYSTONE/Str)

Schwingerkönig Ruedi Hunsperger wird nach seinem Triumph am Eidgenössischen 1966 gefeiert. Bild: KEYSTONE

Rudolf Hunsperger – Triumph und Tragik eines eidgenössischen Königs

Er hat das Schwingen gerockt, geprägt und aufgemischt wie Muhamad Ali das Boxen. Rudolf «Rüedu» Hunsperger, der beste Schwinger aller Zeiten, ist am Samstag im Alter von 72 Jahren viel zu früh gestorben.



Dies ist eine Geschichte über sportliche Triumphe und menschliche Tragik. Über Aufstieg und Fall eines grossen Sportlers und liebenswerten Menschen.

Rudolf «Rüedu» Hunsperger ist der kompletteste, beste Schwinger aller Zeiten. Er wird 1966, 1969 und 1974 König und verlässt nach der dritten Krönung 1974 die Arena unbesiegt. 1966 hatte er als Rekrut in Frauenfeld den eigentlich unbesiegbaren Titanen Karl Meli, den König von 1961 und 1964, gestürzt und eine Epoche beendet.

Rudolf «Rüedu» Hunsperger

Rudolf Hunsperger (6. Juni 1946 – 18. August 2018) ist der beste, kompletteste und populärste Schwinger der Geschichte. Er ist der erste und neben Jörg Abderhalden der einzige «Böse», der dreimal König wurde: 1966 in Frauenfeld (Schlussgang gegen Karl Meli), 1969 in Biel (Hans Stucki) und 1974 in Schwyz (Fritz Uhlmann). Er trat nach diesem Fest, erst 28-jährig, zurück. 1972 hatte er auf eine Teilnahme verzichtet. Sein Vater war zwei Tage vor dem Eidgenössischen in La Chaux-de-Fonds verstorben. Sonst hätte «Rüedu» wohl auch dieses Fest und damit seinen vierten Titel geholt. In seiner Abwesenheit holte David Roschi die Krone.

Seine Popularität ist beim Rücktritt in den 1970er Jahren mit jener von Bernhard Russi vergleichbar. Eine bessere Basis für ein weiterhin erfolgreiches Leben ist kaum denkbar. Aber der König kann sein Glück nicht festhalten.

Anfang der 1970er Jahre heiratet er die Emmentalerin Margrit Wittwer. 1972 kommt Tochter Fränzi zur Welt, später Bäuerin auf dem legendären Minger-Hof in Schüpfen. Ein Jahr später Sohn Remo. Er wird ein guter Kranzschwinger. Auch beruflich läuft's. Aus dem Automechaniker Hunsperger wird ein Garagist. Der Rubel rollt in den Goldgräberjahren des bernischen Immobilienhandels. Da fliegt «der Rüedu» schon mal nach England, um für einen Kunden einen Jaguar einzukaufen.

Der Niedergang kommt nicht mit einem Donnerschlag. Eher schleichend. Unmerklich. 1987 die erste Scheidung. Finanzielle Engpässe. Das Geschäft gibt nicht mehr genug her. Vielleicht ist er manchmal zu gutmütig. Vielleicht auch etwas zu leger in geschäftlichen Dingen. Item, er muss aus dem Autobusiness aussteigen.

Der Schwinger Karl Meli, links, tritt am 3. August 1967 an der 8. Kilchberger Schwinget gegen den den Schwinger Rudolf Hunsperger an. (KEYSTONE/Str)

Hunsperger im Sägemehl mit Karl Meli. Bild: KEYSTONE

Doch es kommt noch einmal eine Chance. In der richtigen Erkenntnis, dass der Namen Hunsperger ein Magnet sein würde, erhält er Mitte der neunziger Jahre den Zuschlag als Pächter der «Linde» in Habstetten. Die Gäste kommen in Scharen. Jetzt hätte «Rüedu» eine Frau gebraucht wie Margrit, die später erfolgreich im «Bellevue» in Ittigen-Eyfeld wirtet. Zusammen mit seiner zweiten Frau Maya, der ehemaligen Chefsekretärin des legendären YB-Bosses Ruedi Bär, klappt das mit dem ländlichen Gasthof nicht. Auch diese Ehe und das Engagement auf der «Linde» enden im Debakel. 1996 muss Hunsperger Konkurs anmelden.

Im Sommer 2000 ist er drauf und dran, wieder Tritt zu fassen. Er gibt sein Leben als Wirt auf und will wieder in die Umgebung von Bern zurück. Im Temporär-Büro von Hans-Peter Bickel, dem Ex-YB-Goalie, lässt er sich anstellen. Nur vorübergehend, vom Lohn her fast nur symbolisch. Er will sich umsehen, wie er seine Geschäftsverbindungen reaktivieren kann und sich dann wieder selbständig machen.

In diesem Moment ereilt ihn der schwerste Schicksalsschlag, von dem er sich nie mehr erholen wird. In Form einer infizierten Spritze. Im Juli 2000 bekommt er wegen Rückenschmerzen eine Spritze. Sie löst eine Blutvergiftung aus. Ein ärztlicher Kunstfehler. Wenig später müssen «Rüedus» Kinder Remo und Fränzi ihre Unterschrift geben, um in einer letzten Operation das Leben ihres Vaters zu retten. Die Ärtze geben ihm noch 20 Prozent Überlebenschancen. Fünf Kilo infiziertes Gewebe werden ihm herausgeschnitten. Er liegt zwei Wochen im Koma und zwei Monate auf der Intensivstation – und er kommt noch einmal davon.

Der Mann, der den Bären besiegte

Rudolf Hunspergers Name steht nicht nur für schwingerischen Triumphe. Das Schwingen blieb lange Zeit von der Heimsuchung des Mammons verschont. Ein lebenslängliches absolutes Werbeverbot für die Bösen war statutarisch festgeschrieben. «Rüedu» ist der erste Medienstar der Schwingergeschichte, einer der populärsten Schweizer seiner Zeit überhaupt und deshalb interessant für die Werbeindustire. Und so kommt es, dass er, bereits im sportlichen Ruhestand, 1977 durch Obmann Ernst Marti offiziell aus der Schwinger-Gemeinde exkommuniziert wird.

Weil der König von 1966, 1969 und 1974 (im Schwingen behält einer den Titel eines Königs sein Leben lang, es gibt keine Ex-Könge) nach seinem Rücktritt Werbung für Herrenanzüge gemacht und im Zirkus Knie mit einem Bären gerungen, gegen die Bestie obsiegt (!) und einen Schaukampf gegen den damals weltberühmten japanischen Ringer Antonio Inoki bestritten hatte. Der Verstossene sollte jedoch beim Eidgenössischen in Basel für Radio Beromünster arbeiten. Ernst Marti verwehrte ihm den Zutritt und drohte, das Eidgenössische werde nicht beginnen, wenn sich der Geächtete in der Arena aufhalte.

«Rüedu» ignorierte den Zorn des «Zwilchhosen-Ajatollahs», schritt stolz an allen Eingangskontrollen vorbei, nahm hinter dem Mikrofon Platz – und das Fest begann. Diese «Affäre Hunsperger» gipfelte schliesslich in einem Gerichtsfall: Der Schwingerverband hatte nämlich an seiner Abgeordnetenversammlung Nationalrat Fritz Marthaler (BGB, später SVP) die Ehrenmitgliedschaft entzogen – weil er sich in der Sache öffentlich für Rudolf Hunsperger eingesetzt und die Massnahmen gegen den König verurteilt hatte. Marthaler erhob beim Amtsgericht zu Fraubrunnen Klage, bekam Recht und seine Ehrenmitgliedschaft zurück. Weil der «Fall Marthaler» nicht auf der Traktandenliste der Abgeordnetenversammlung gestanden hatte. Der Schwingerverband musste auch noch die Gerichtskosten bezahlen. (kza)

Letzte Woche hat er einen Schlaganfall erlitten und am Samstagmorgen ist er verstorben. Wegen einer Beinverletzung, die nicht heilte und schliesslich zu heftigen Komplikationen führte, lag er vorher mehrere Monate im Spital.

Ein solches Leben, hier bloss im gerafften Überblick mit knappen Strichen angedeutet, macht nachdenklich. Ein Sprichwort passt allerdings am allerwenigsten dazu: «Hochmut kommt vor dem Fall». Denn überheblich war «Rüedu» nie. Auch in seinen besten Zeiten nicht. Er war vielleicht eher zu weich, so fest er als Schwinger seinerzeit zupackte, und manchmal zu leichtsinnig und zu gutmütig. Zu weich und zu gutmütig, sich als Geschäftsmann zu behaupten.

Der dreifache Schwingerkoenig Ruedi Hunsperger am Eidgenoessischen Schwinger- und Aelplerfest in Schwyz am 25. August 1974. Mit dem Sieg ueber den Berner Fritz Uhlmann wurde Hunsperger zum dritten Mal Schwingerkoenig, etwas, das vor ihm noch niemandem gelang. Gemaess eines Berichts des Bundes vom Mittwoch, 26. Juli 2000, ist der dreifache Schwingerkoenig mit einer Blutvergiftung in kritischer Verfassung ins Berner Inselspital eingeliefert worden. Hunsperger liegt gemaess der Meldung auf der Intensivstation; sein Zustand wird als stabil bezeichnet. (KEYSTONE/STR) ===  ===

1974 feierte Hunsperger seinen dritten Sieg am Eidgenössischen. Bild: KEYSTONE

Doch Rüedu war nie einer, der sein Los bejammerte und den anderen die Schuld gab. Er wusste, dass er Fehler gemacht hatte, die sich bitter rächten. Für die Spritze freilich, die ihn schon vor 18 Jahren an den Rand des Todes gebracht hatte und ihn so viel Lebenskraft kosten sollte, konnte er rein gar nichts.

«Rüedu» bleibt als grösste Schwingergestalt aller Zeiten unvergessen. Aber mehr noch als warmherziger, liebenswerter, gutmütiger und sensibler Mensch. Vielleicht zu warmherzig, liebenswert, gutmütig und sensibel, um vor einem unergründlichen Schicksal als König bestehen zu können.

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6Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • laska 19.08.2018 15:08
    Highlight Highlight Beim Lesen des Artikels merkt man sofort, der Journalist kannte nicht nur den Schwinger, sondern auch den Menschen Hunsperger. Wer Rüedu gekannt hat, weiss, dass man seine Persönlichkeit nicht treffender beschreiben kann. Chapeau!
    6 0 Melden
  • Tikkanen 18.08.2018 18:09
    Highlight Highlight ...wunderbarer Artikel Chlöisu. Ich hatte zwei Begegnungen mit Rüedu selig, eine vor vielen Jahren im Tell im Thuner Westamt wo der Rüedu kurz Pächter war, dann vor 3 Jahren in Innertkirchen wo er bei seiner Freundin zu Besuch war. Haben zwei, drei Gläsli Wyssä genossen und dazu über Gott, die Welt und den Schwingsport philosophiert😀Behalte den Rüedu als eine wahrhaft beeindruckende, bescheidene und chumlige Persönlichkeit. Mit seiner legeren Art und seinem Witz wäre Rüedu heutzutage ein Werbegigant und Reich👏🏻
    Item, ruhe in Frieden, grosser, lieber und unvergesslicher König Rüedu😪🐻👑🇨🇭
    64 2 Melden
    • Chili 19.08.2018 12:36
      Highlight Highlight Gut geschrieben grosser! Ab jetzt gits aber wider nurno blitzli vo mir. gruss vo eim us em züzziland!
      4 0 Melden
  • fernandopessoa 18.08.2018 18:03
    Highlight Highlight Ich verstehe nicht ganz, weshalb Ruedi Hunsperger als der "Grösste" betitelt wird? Stuck und Abderhalden sind doch ebenso dreimal Schwingerkönig geworden. Was hat denn der Ruedi den anderen voraus?
    9 52 Melden
    • Mia_san_mia 19.08.2018 10:53
      Highlight Highlight Anstatt zu Blitzen, könntet Ihr lieber eine Antwort geben
      2 2 Melden
  • rundumeli 18.08.2018 17:56
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