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Das Beste 2023

Gino Mäder war der etwas andere Radprofi – und sagenhaft talentiert

Gino Mäder Portrait Porträt 2022 Swiss Cycling
Er wurde nur 26 Jahre alt: Radprofi Gino Mäder.Bild: Keystone

Gino Mäder war der etwas andere Radprofi – und sagenhaft talentiert

Er galt als das grösste Schweizer Rundfahrten-Talent seit vielen Jahren. Jetzt ist Gino Mäder tot. Gestorben nach einem schweren Unfall auf der Abfahrt vom Albulapass. Mit ihm geht ein ganz besonderer Sportler.
16.06.2023, 15:5618.12.2023, 16:35
Ralf Meile
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Als der Verband Swiss Cycling vor einem Jahr zu einem Medientreffen lud, kamen viele Athlet:innen mit dem Velo dorthin. Gino Mäder kam mit Pello. Mit seinem Hund.

Der Schweizer Radsportler Gino Maeder spricht zu den Journalisten anlaesslich einer Medienkonferenz von Swiss Cycling zum Kickoff-Event im Hinblick auf Olympia 2024 in Paris, aufgenommen am Montag, 2. ...
Gino Mäder und sein geliebter Vierbeiner.Bild: KEYSTONE

Der Mischling war in Spanien auf der Strasse gefunden worden, er wäre dort getötet worden. Durch eine Tierschutzorganisation kam er zu Mäder und wurde von ihm nach seinem Teamkollegen Pello Bilbao getauft.

Es ist nur eine von vielen Anekdoten, die aus Gino Mäder einen etwas anderen Profisportler machten. Er wirkte nicht nur oft nachdenklich, er war es auch. Bevor er sich eine Antwort zurechtlegte, nahm er sich einen Moment Zeit, um diese gut zu formulieren. Er las viel und galt als ein Sportler, der über den Tellerrand hinausblickte.

Zum Radsport kam Mäder durch die Familie – und Profi wurde er, weil diese Familie nicht mehr war, was sie einmal war. Als der Vater dem 16-Jährigen eröffnete, dass er sich von der Mutter trennen und ausziehen werde, fasste der Jugendliche einen Plan. Er wollte Profi werden, weil er hoffte, dass seine Eltern dann gemeinsam am Streckenrand stehen.

Gino Mäder schaffte es tatsächlich, das Velofahren zu seinem Beruf zu machen. Schon als Junior feierte er Erfolge, gewann Medaillen auf der Bahn, holte wertvolle Resultate auf der Strasse. Als Marc Hirschi 2018 in Innsbruck U23-Weltmeister wurde, hatte Teamkollege Mäder einen grossen Anteil daran; er selber wurde Vierter.

An einem regnerischen Donnerstag im Mai 2021 schlug Mäder erstmals im ganz grossen Stil zu. Am Giro d'Italia setzte er sich bei einer Bergankunft von seinen Gefährten in einer Fluchtgruppe ab, wehrte sich gegen die heranstürmenden Gesamtersten und feierte einen Solosieg.

Photo Gian Mattia D Alberto/LaPresse May 13, 2021 Grotte di Frasassi, Italy Cycling Giro d Italia 2021 - 104th edition - Stage 6 - from Grotte di Frasassi to Ascoli Piceno In the pic: MADER Gino SUI B ...
In Ascoli Piceno feiert Gino Mäder seinen Etappensieg am Giro d'Italia.Bild: www.imago-images.de

Genau einen Monat später triumphierte er bei der Königsetappe der Tour de Suisse. Gino Mäder war eine der grossen Zukunftshoffnungen des Schweizer Radsports. Wahrscheinlich hatte das Land seit den Zeiten von Tony Rominger und Alex Zülle keinen so talentierten Rundfahrer mehr.

Im Herbst des gleichen Jahres liess er dieses Talent ein erstes Mal bei einer dreiwöchigen Rundfahrt aufblitzen. An der Vuelta in Spanien wurde er Gesamtfünfter und er entschied die Nachwuchswertung für sich. Gleichzeitig sorgte Mäder dabei auch mit einer anderen Aktion für Aufsehen – einer Aktion, die für ihn typisch war.

Vor der Spanien-Rundfahrt hatte Mäder angekündigt, Geld für einen wohltätigen Zweck zu sammeln. Er spendete auf jeder Etappe einen Euro pro Fahrer, den er hinter sich liess. Nach 21 Renntagen überwies er 4500 Euro an eine Organisation, die in Afrika den Saharastreifen begrünt. «Die gepflanzten Bäume sollen helfen, die Erderwärmung zu reduzieren und den Klimawandel aufzuhalten», sagte Mäder.

Das war neben dem Radsport das andere Thema, mit dem er sich stark beschäftigte. Mäder musste dabei auch den Widerspruch aushalten, dass sein ökologischer Fussabdruck als Veloprofi bedingt durch die vielen Reisen gross war. «Für ein einziges Rennen bin ich nach Japan an die Olympischen Spiele geflogen. Das gibt mir ein schlechtes Gewissen», gab er zu. Er versuche, sich gut zu informieren und zu verstehen, was er beitragen könne. Eine Konsequenz, die er zog, war, dass er Vegetarier wurde.

Gino Maeder from Switzerland of Bahrain Victorious reacts after the eigth and final stage, a 160 km race with start and finish in Andermatt, at the 84th Tour de Suisse UCI ProTour cycling race, on Sun ...
Mäder feiert 2021 seinen Etappensieg an der Tour de Suisse in Andermatt.Bild: keystone

Mit Gesamtrang 5 bei Paris–Nizza in diesem Frühling zeigte Mäder ein weiteres Mal, über welches Potenzial er verfügte. Vor der Tour de Suisse tappte er im Ungewissen, was seinen Formstand betraf. Er hatte sich für den Giro d'Italia vorbereitet, doch wegen einer Corona-Erkrankung konnte er in Italien nicht antreten. Mit guten Leistungen an der Schweizer Landesrundfahrt hätte er sich vielleicht für einen Start an der Tour de France aufdrängen können.

Daraus wird nichts. In einer Kurve auf der Abfahrt des Albulapasses stürzte Gino Mäder schwer. Einen Tag nach dem Unfall hörte sein Herz auf zu schlagen. Er wurde 26 Jahre alt.

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Todesfälle im Radsport
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Todesfälle im Radsport
Velorennfahrer leben gefährlich – nicht nur im alltäglichen Strassenverkehr. Allein seit 2000 kamen 33 Profis bei Unfällen im Rennen ums Leben, zuletzt Gino Mäder an der Tour de Suisse 2023. Eine Übersicht mit den bekanntesten Fällen.
quelle: ap/ap / christophe ena
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13 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Watsrexli
16.06.2023 16:29registriert Juli 2022
Es ist um jeden Menschen der gehen "muss" traurig.
Nachdem ich diesen Text gelesen habe, sind meine Augen von Tränen gefüllt. Denn, es ist noch viel trauriger wenn man etwas Einblick in das Leben des Menschen erhält, der gehen "musste"..
R.I.P Gino Mäder. Viel Kraft der Familie und seinen Freunden in dieser brutalen Zeit...
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Volv
16.06.2023 16:39registriert März 2020
An alle Gümmeler: Sehr traurige Geschichte. Widmet doch alle eure Wochenendtour Gino Mäder - wenn ihr mögt mit einem schwarzen Bändeli um den Arm. Bitte weitersagen über Eure Kanäle, danke!
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Tsherish De Love aka Flachzange
16.06.2023 16:32registriert September 2020
einfach sprachlos. Wollte meinem Sohn morgen am Strassenrand das Spektakel TdS zeigen. Jetzt weiss ich nicht ob eir es boykottieren sollten oder genau wegen dem tragischen Unfall doch hingehen und still Gino Mäder die letzte Ehre erweisen.
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… sonst wird es Zeit, über die Entlassung von Patrick Fischer nachzudenken
Das Dutzend und das Mass sind voll. 13 Niederlagen in Serie. Nach den zwei schmachvollen, peinlichen, blamablen, beschämenden, demütigenden und unrühmlichen Niederlagen im slowakischen Humenné (0:3, 3:5) befindet sich die Schweizer Eishockey-Nati in der schlimmsten Verfassung in diesem Jahrtausend. Eine dringend notwendige Polemik.

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