Sex, Hund oder E-Zigarette: Dopinggefahr lauert überall – das wissen auch Betrüger
Ernst König spricht von der «grössten Herausforderung im Kampf gegen Doping, die sich in Zukunft sogar noch zuspitzt». Der Direktor der Schweizer Antidoping-Organisation Swiss Sport Integrity erlebt selbst Jahr für Jahr mehr und mehr komplexere Fälle, bei denen Kontamination ein Faktor ist. Sind verbotene Substanzen im Urin nun Doping oder sind sie nur zufällig und unabsichtlich in den Körper gelangt?
Die richtige Antwort auf diese Frage zu finden, ist enorm schwierig und technologisch oft äusserst aufwendig. Und sie entscheidet über Schicksale von Sportlerinnen und Sportlern. Ob sie als Betrüger für vier Jahre gesperrt oder als Opfer freigesprochen werden.
Die Problematik ist vielschichtig, wie die Diskussionen bei der erstmals durchgeführten internationalen Konferenz «Clean Sport in Action» in Lausanne mit über 200 Experten aus aller Welt gezeigt haben. Das Thema Verunreinigung war ein Schwerpunkt des zweitägigen Austauschs unter Federführung der International Testing Agency (ITA). Die Risiken von Sperren betreffen neben den Profis eben auch Amateur- und Freizeitsportler – zum Beispiel durch dubiose Nahrungsergänzungsmittel aus dem Online-Handel.
Die Dopinggefahr im Hightech-Müesli
Die modernen Analysegeräte in den weltweit 30 von der Welt-Antidoping-Agentur (Wada) anerkannten Labors messen immer kleinere Mengen von fremden Substanzen im Körper. Die millionenteuren Apparate finden wenn nötig auch einen einzigen Bluttropfen im Genfersee. Oder beim Einsatz auf anderem Gebiet zum Beispiel PFAS-Rückstände im Trinkwasser.
Auf dem (Schwarz-)Markt finden sich immer mehr Supplemente, deren trendige Substanzen optimalen Muskelaufbau, verlängertes Leben und ewige Schönheit versprechen. Unseriöse Anbieter mixen skrupellos im Sport verbotene Substanzen in ihre Wundermüesli. Sie werden von den Labors entdeckt und als Dopingsubstanz deklariert.
Umgekehrt setzen die Betrüger im Sport bei der Einnahme verbotener Substanzen längst auf eine Mikrodosierung. Sie nehmen nur eine derart kleine Menge beispielsweise an anabolen Steroiden zu sich, dass die verbotene Substanz bereits nach wenigen Stunden wieder abgebaut ist. Oder die entdeckten Rückstände im schlimmsten Fall derart klein sind, dass das Argument Kontamination als perfekte Ausrede taugt.
Die Industrie an zwielichten Experten
Ross Wenzel, Chefjurist der Wada, sagte in Lausanne, es habe sich in der Szene eine florierende Industrie an unseriösen Wissenschaftlern gebildet, welche die verdächtigen Athletinnen und Athleten auch dank Hilfe einer Heerschar an Juristen vor den Sportgerichten freiboxen. Ob Sex mit dem Partner, ob ein saftiges Steak vor dem Wettkampf oder ein falscher Riegel aus dem Supermarkt – das als Ausreden taugende Arsenal an Argumenten der Angeschuldigten ist riesig. Und es wächst mit jedem neuen dokumentierten Fall und jeder neuen wissenschaftlichen Studie von echter Kontamination. «Die Betrüger legen sich das Szenario im Fall einer positiven Probe zumeist bereits vor der Dopingeinnahme zurecht», sagt Wenzel.
In Wissenschaftskreisen erlebt man in jüngster Zeit eine wahre Flut von publizierten Arbeiten zum Thema. Doch während die Anzahl wirklich sachverständiger Experten im Nischenprodukt «Kampf gegen Doping» überschaubar bleibt, werden wissenschaftliche Publikationen von Kontaminations-Studien richtiggehend geflutet. «Mit teilweise haarsträubenden Schlussfolgerungen», wie Mario Thevis, Leiter des renommierten Antidoping-Labors in Köln, als Sachverständiger bei Gerichtsfällen selbst erlebt hat. Und tatsächlich gibt es mehrere Beispiele, in denen die Richter des Lausanner Sportgerichts oder nationale Instanzen mangels eigener Sachkompetenz solchen Argumentationen folgten und Angeklagte vom Doping freisprachen.
Das liegt auch daran, dass es tatsächlich aussergewöhnliche Fälle gibt, in denen selbst die untersuchenden Antidoping-Organisationen auf Kontamination plädieren. In Lausanne wurde ein Fall beschrieben, bei welchem mehrere Fussballspielerinnen in Norwegen durch kontaminierten Reifenabrieb im Kunstrasen einer Sporthalle positiv auf eine unerlaubte Substanz getestet wurden. Sie gelangte dann über die Trinkflasche am Spielfeldrand in den Körper. Erst nach langwierigen und aufwendigen Untersuchungen durch Antidoping Norwegen kam man dieser Kontamination auf die Spur und sprach die Spielerinnen von jeglicher Schuld frei.
Die Kiffer am Rande der US Open
Der deutsche Tischtennisspieler Dimitrij Ovtcharov, die ehemalige Nummer 1 der Welt, erzählte am Kongress über eine Kontamination durch Essen in einem chinesischen Hotel, welche ihm in jungen Jahren beinahe eine mehrjährige Sperre eingebracht hätte. Erst ein kreativer Testansatz des Labors, das bei seinen negativ getesteten Teamkollegen nachträglich auch Kleinstmengen an Clenbuterol nachwies, rettete ihn.
Oder jene Tennisspielerinnen, welche am US Open positiv auf Cannabis getestet wurden, weil sie auf einem Aussenplatz vis-à-vis einer bei Kiffern populären Parkanlage antraten. Das Beispiel zeigt, dass die Ursache einer Kontamination nicht nur beim Müsli oder im Steak liegen kann, sondern durchaus auch in der Luft, dem Wasser oder eben der Haut – beispielsweise durch Körperflüssigkeit eines Sexpartners.
Mat Fedoruk, Chefwissenschaftler der US-Antidopingbehörde, führt in seinem Referat in Lausanne Beispiele auf, wie in den USA Kontaminationen via E-Zigaretten, über Haustiere, intimen Kontakt oder Sonnencreme nachgewiesen werden konnten.
Der deutsche Radstar John Degenkolb sagte in Lausanne gegenüber CH Media, eine gewisse Angst vor einer Kontamination spiele immer mit, «aber als Athlet, der sich nichts vorzuwerfen hat, fühle ich mich auch sicher, dass die Gefahr für mich nicht übermässig gross ist». Die Wada nimmt das Thema sehr ernst. Aktuell befassen sich gleich drei internationale Arbeitsgruppen der Doping-Regulationsbehörde mit Aspekten der Kontaminations-Thematik.
Sportler ist für seinen Körper verantwortlich
Die Wada ändert ab 2027 ihre Formulierung betreffend Kontamination. In den Regeln ist neu von möglichen «Quellen» einer Verunreinigung und nicht mehr nur von Produkten die Rede. Zusammen mit einer grösseren Flexibilität beim Strafmass, die bei Unklarheit auch zeitlich verkürzte Sperren erlaubt, hofft man auf mehr Fairness gegenüber den Athleten. Denn durch die speziellen Regeln in der Doping-Gesetzgebung, welche die Verantwortung darüber, was in den eigenen Körper gelangt, ausschliesslich beim Sportler vorsieht, ist es für die Angeschuldigten grundsätzlich sehr schwierig, ihre Unschuld zu beweisen. Die Doping-Experten raten deshalb, bis zur nächsten Dopingkontrolle von allen zu sich genommenen Produkten Reste aufzubewahren.
Wo aber sind die Lösungsansätze, um falsche Urteile in Zukunft zu minimieren? Die Erfahrung zeigt, dass kein Kontaminationsfall exakt dem gleichen Szenario entspricht. Eine Schablone darüberlegen, funktioniert also nicht. In den USA fordert man höhere Grenzwerte und Mindestschwellenwerte für eine grosse Anzahl an Substanzen. Dieser Ansatz, der bei einigen anabolen Substanzen wie etwa Clenbuterol mit flächendeckendem Einsatz in der Rindermast seit 2021 auch von der Wada angewandt wird, schliesse einen Grossteil an Kontaminations-Szenarien aus, so die Argumentation. Jeff Cook, der Chefjurist der Usada erklärt: «Was unter diesem Grenzwert liegt, gilt als atypisches und nicht mehr als positives Resultat. Die Untersuchung, ob es ein Dopingszenario ist, findet trotzdem statt. Aber wir entbinden den Athleten von der Beweislast.»
In Europa ist man diesbezüglich skeptisch. Bei gewissen Substanzen kann das ein Tool in einer Box an Möglichkeiten sein. Aber grundsätzlich öffne man damit dem Mikrodoping Tür und Tor und letztlich werde die Frage, ob Doping oder nicht, einfach rund um eine angepasste Zahl verlagert. Mario Thevis schlägt einen anderen Ansatz vor: Freiwillige Dopingabgaben durch Sportler. Erstaunlicherweise ist diese Variante im Spitzensport nicht vorgesehen und auch nicht möglich. Mit der neuen Variante der nicht mehr invasiven Bluttropfen-Analyse wäre das unkompliziert möglich. Eine lückenlose Testserie im Abstand weniger Tage, die aber erst bei einem positiven Befund ausgewertet wird, würde stichhaltige Argumente für eine Kontamination bieten und den Sportler entscheidend entlasten. (aargauerzeitung.ch)

