Kanadas bitterste Niederlage im besten Spiel der Geschichte
Das beste Spiel der Geschichte? Über diese Einschätzung lässt sich vortrefflich streiten. Aber wenn wir alles zusammenzählen – die Namen, die Emotionen, die politische Bedeutung, die Intensität, die Dramatik, das Tempo, die beispielhafte Disziplin und Fairness bei maximalem Einsatz – dann kommen wir zum Ergebnis: Ja, es ist das beste Spiel der Geschichte. Nicht aller Zeiten. Wer weiss, vielleicht kommt ja in vier Jahren noch mehr.
Was dieses Final so faszinierend macht: Auch Titanen machen Fehler. Niemand ist unfehlbar. Auch nicht auf höchstem Niveau. Eine Szene wird für immer im Gedächtnis haften bleiben. Nathan MacKinnon, mit einem Achtjahresvertrag von etwas mehr als 100 Millionen Dollar, hat in der 50. Minute halbschräg das leere Netz vor sich. Connor Hellebuyck ist wehrlos. Und der Kanadier trifft nicht zum 2:1. Jeder Junior wäre geschmäht worden.
[CAN vs USA] MacKinnon sees the wide open net but can't put it in
by u/Large_banana_hammock in hockey
Das ist das Merkmal dieser Partie: Tempo und Intensität sind so hoch, dass selbst die Hockeygötter sterblich werden. Und am Ende ist es der dramatischste Untergang in der Geschichte des kanadischen Hockeys. In der Verlängerung – drei gegen drei Feldspieler – stehen Nathan MacKimmon, Cale Makar und Connor McDavid auf dem Eis. Mehr geht nicht. Dieses Trio Grande kassiert das 1:2, die drei waren auch breits beim 0:1 auf dem Eis. Was hilft es McDavid, dass er zum MVP und zum besten Stürmer des Turniers erkoren wird? Nichts.
Es ist, weil Defensivsysteme auf dem um vier Meter schmäleren NHL-Eisfeld nicht gleich gut funktionieren, ein immerwährender Schlagabtausch und auch deshalb das intensivste, beste Spiel der Geschichte. Die Spieler beider Teams immer auf den Zehenspitzen, ständig auf die Gelegenheit zum Sturmlauf lauernd. Und wenn der Gegner in Puckbesitz kommt, wird jeder zum aufopfernden Defensivarbeiter. Totales Eishockey, wie es auf den breiteren europäischen Eisfeldern in dieser Intensität nicht möglich ist.
Ein Drama auch, das jeder Statistik spottet und zwei ewige Wahrheiten bestätigt. Die Kanadier dominieren mit 41:26 Torschüssen, sie haben mehr gute Abschlussgelegenheiten, sie sind statistisch überlegen, im volkstümlichen Sinne besser und hätten sie gewonnen so wäre das Urteil allenthalben gewesen: Hoch verdient.
Aber zwei Wahrheiten haben sich bestätigt: Die erste: Der Torhüter kann einen Sieg stehlen. Connor Hellebuyck gelingt eines der besten Spiele, das je ein Torhüter auf diesem Niveau gezeigt hat. Er stoppt auch die alleine anstürmenden Connor McDavid und Macklin Celebrini. Und ihm wird – Hollywood hätte es nicht besser erfinden können – der zweite Assistpunkt für den Siegestreffer in der Verlängerung gutgeschrieben. Die Statistik sagt: Er war im Final offensiv besser als Connor McDavid.
Die zweite: Die Offensive gewinnt Spiele, die Defensive Titel: Die Amerikaner haben während des ganzen Turniers in Unterzahl keinen Treffer zugelassen und halten im Final gegen Kanada 1:53 Sekunden lang selbst mit drei gegen fünf Feldspielern stand.
Eishockey ist Kanadas Nationalsport. So ist es in der Verfassung festgeschrieben. Die Seele ihres nationalen Spiels haben die Kanadier längst an die Amerikaner verkauft: Die National Hockey League (NHL) ist ein amerikanisches Milliardengeschäft. Nur 7 von 32 Teams sind in Kanada beheimatet und seit 1993 (Montréal Canadiens) hat kein kanadisches NHL-Team den Stanley Cup geholt. Regiert wird die NHL – und damit Kanadas Nationalsport – von New York aus. Dort führt der Amerikaner Gary Bettman seit 1993 die Geschäfte der Liga.
Den Kanadiern blieb nur noch die Ehre (und in der NHL die Dollarmillionen). Die haben sie verteidigt, seit die NHL-Profi beim Olympischen Turnier mitspielen. 2002 (5:2) und 2010 (3:2 n.V) haben sie im Final und 2014 (1:0) im Halbfinal die USA besiegt.
Mailand hat Kanadas Hockey nun die grösste internationale Demütigung der Geschichte beschert: Die Frauen und die Männer haben den Final gegen die USA verloren. Zum ersten Mal in der Geschichte gewinnen die Amerikaner das Olympische Turnier der Frauen und der Männer und darüber hinaus sind sie ja auch noch Weltmeister. Jack Hughes Treffer zum 2:1 in der Verlängerung ist ein Stich in Kanadas Herz.
In Erinnerung bleiben von Olympischen Turnier von 2026 in Mailand nicht die seltsame zweite Arena in einer Messehalle, nicht die Diskussionen, ob denn alles parat sein würde. In Erinnerung bleibt dieser Traum- Final, der alle Erwartungen noch übertroffen hat.
