Eine magische Nacht und mehr als 10 Tonnen Pommes in Langnau
Die Wolken haben sich verzogen. Und die Überzeugung ist zurück, dass die Depression nach vier Niederlagen de suite (und eine davon sogar auf eigenem Eis gegen Ajoie) zu Ende geht. Dass es ein Spiel wird, das die Langnauer gar nicht verlieren können. Möge kommen, was wolle.
Eine der seltenen Hockeynächte mit Vollmond (oder fast vollem Mond) bricht an. Zu 97 Prozent ausgeleuchtet steht der weisse Mond am Nachthimmel über dem Hockey-Tempel. Seit Anbeginn der Zeiten wissen die Emmentalerinnen und Emmentaler um die Wirkung eines vollen oder zumindest über 90 Prozent vollen Nachtgestirnes. In diesen mondhellen Nächten ist beispielsweise der Käse «aktiver» und die Augen im weltberühmten Käse gehen besser, weiter auf.
Den mit der Magie des Mondes vertrauten Fans ist deshalb nicht bange. Obwohl Ambri vor zwei Tagen Lugano grandios gebodigt hat und mit Jussi Tapola ein neuer Bandengeneral das Kommando führt. Selbst als zu Beginn des Schlussdrittels Manix Landry zum 2:2 trifft und die SCL Tigers zum dritten Mal hintereinander auf eigenem Eis einen 2:0-Vorsprung aus den Händen geben (zuvor gegen Ajoie und den SCB) kommt keine Unruhe auf. Es ist ja zu 97 Prozent Vollmond. Und tatsächlich: Ambri wird mit 6:3 vom Eis gefegt, das Teilresultat des letzten Abschnittes (4:2) zeigt: Nicht nur im Käse gehen bei heraufziehendem Vollmond die Löcher auf. Auch in den Verteidigungen der Hockeyteams.
Dass sich der Schaden der offenen Verteidigungen (33:29 Torschüsse) im Rahmen hält, ist das Verdienst von Robin Meyer. Er ist inzwischen Langnaus neuer Stéphane Charlin und mit einer Fangquote von 92,56 Prozent statistisch der beste Goalie der Liga.
Sogar der stocknüchterne Praktiker Thierry Paterlini sieht ein wenig Magie. «In den letzten Partien ist vieles gegen uns gelaufen. Nun haben wir etwas zurückbekommen und es ist vieles für uns gelaufen.» Aber natürlich nicht nur wegen des Mondes. «Wir haben Geduld und Nerven nicht verloren», präzisiert Langnaus Trainer. Nicht alles sei in den vier verlorenen Spielen zuvor schlecht gewesen. «Deshalb wollten wir nicht viel verändern, das wäre nicht gut gekommen. Wir hatten uns zuletzt genug Möglichkeiten erspielt, um zu gewinnen, aber zu viele Fehler gemacht, so konnten die Gegner zurückkommen.»
Nun ist es also gut gekommen. Zur Magie der Nacht passt, dass Chris DiDomenico zum sechsten Mal hintereinander punktet und in der Liga-Skorerliste auf Rang 9 klettert. Die Hockeygötter sind in mondhellen Nächten auch mit den Titanen aus der Leventina gnädig.
Zu feiern gibt es in Langnau das 80-jährige Klubjubiläum, die definitive Bestätigung der Spengler-Cup-Teilnahme und den Verkauf von mehr als zehn Tonnen Pommes aus Kartoffeln der heimischen Produktion.
In Langnau wird oben auf dem Video-Würfel das Gewicht des Abendverkaufes und die Tonnage aller in der laufenden Saison verkauften (und verzehrten) Pommes eingeblendet. Gegen Ambri waren es wieder mehr als 500 Kilo und aktuell sind es in der laufenden Saison sage und schreibe mehr als zehn Tonnen. Die Rekordmarke ist soeben gegen den SCB erzielt (558 kg) und im Derby auch die 10-Tonnen-Marke geknackt worden. Geschäftsführer Dieter Aeschimann sagt, die Portionen seien eben gross und entsprächen einer Mahlzeit. Man rechne auch alle Pommes dazu, die es etwa zu den Hamburgern gebe. Nur in Langnau gibt es auf dem Video-Würfel neben sportlichen auch frittierte Wahrheiten.
Im Sommer war von der Sportabteilung die Idee eingebracht worden, auf dem Videowürfel sportliche Daten (schnellster Spieler etc.) einzublenden. «Aber das wird ja auch in Lausanne, Fribourg oder Bern gemacht, also wollten wir nicht kopieren, sondern etwas anderes machen», erzählt Dieter Aeschimann. So ist die Idee des «Pommes-Index» entstanden. Neben den aktuellen Einblendungen der Pommes-Daten wird jeweils auch gleich der «Pommes-Song» vom Stadion-DJ aufgelegt – diese poppige Musik haben die Langnauer mit KI kreiert, und sie ist inzwischen über Spotify mehr als 500 Mal in Deutschland und sogar vier Mal Belgien heruntergeladen worden. Ein Jodellied zum Thema ist noch nicht in Auftrag gegeben worden.
Da die SCL Tigers die Gastronomie mit einer eigenen, das ganze Jahr in Lohn und Brot stehenden Küchenmannschaft betreiben, dürfte reichlich «Härdöpfu-Gäut» in die Kasse geschwemmt werden. Die SCL Tigers schreiben schwarze Zahlen.
Die Schätzung, dass mit diesem Geschäftszweig der fixe siebte Ausländer der nächsten Saison finanziert werden kann, dürfte richtig sein. Mit der definitiven Bestätigung der Spengler-Cup-Teilnahme hat Sportchef Pascal Müller vom Verwaltungsrat grünes Licht für die ganzjährige Anstellung eines siebten Ausländers bekommen.
Sechs Ausländer haben die Langnauer für die kommende Saison bereits unter Vertrag: die Verteidiger Juuso Riikola und Santtu Kinnunen sowie die Stürmer Saku Mäenalanen, André Petersson, Hannes Björninen und Jonathan Dahlen.
Auf den Job als siebten Ausländer spanyflen Captain Harri Pesonen (37) und Sean Malone (30), der schon letzte Saison für die Emmentaler stürmte, nach Schweden wechselte und nun zurückgekehrt ist. Pesonen lässt sogar durchblicken, dass er eine Anfrage aus dem Bernbiet habe. «Ich möchte in der Schweiz bleiben, aber eigentlich kommt für mich nur Langnau in Frage.» Die Rolle als siebten Ausländer würde er im Emmental akzeptieren. Er sagt, mit zunehmendem Alter werde einem viel mehr bewusst, welches Privileg es sei, Hockey spielen zu dürfen. «Man stellt das eigene Ego zum Wohl des Teams noch mehr zurück.»
Das ist ein wichtiges Argument: Gut sollte der nominell siebte Ausländer sein. Logisch. Aber noch wichtiger ist die Demut, diese Rolle zu akzeptieren. Und ein Zaungast rät ihm beim Small Talk nach dem Spiel im Kabinengang, er solle halt auch mit den Lohnvorstellungen bescheidender werden. Das erhöhe die Chancen. Da muss der Finne denn doch schmunzeln.
Aber es ist durchaus nicht als Scherz gemeint. Trotz Pommes-Rekordverkäufen wird im Emmental aufs Geld geschaut. Es gibt nämlich eine politisch heute nicht mehr ganz korrekte Lebensweisheit der Bäuerinnen und Bauern aus der Gotthelf-Zeit: Eine Bäuerin vermöge in der Schürze mehr vom Hof wegzutragen als der Mann vierspännig herbeischaffen könne. Auf das Hockey des 21. Jahrhunderts übertragen: Die Ausländer verbrauchen mehr Geld, als das tüchtige Gastro-Personal mit dem Pommes-Verkauf herbeizuschaffen vermag.
Nun denn: Der Weltmeister und Olympiasieger verrät nicht, welches Team «aus dem Bernbiet» ihn kontaktiert habe. Es werden weder der SC Langenthal noch der EHC Thun, der SC Lyss oder Hockey Huttwil sein. Die spielen alle in der MyHockey League und dürfen keine Ausländer einsetzen.
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Es dürfte sich um Biel handeln. Mit seinen 14 Toren wäre Harri Pesonen in Biel der zweitbeste Ausländer und beim SCB sogar der beste Torschütze des Teams! Wer in Langnau um die siebte Ausländerposition bangen muss, ist noch lange gut genug für Biel und erst recht für den SCB.
Warum vermutet der Chronist eine Anfrage aus Biel und nicht eine aus Bern? Weil Sportchef Diego Piceci das Interesse an Harri Pesonen dementiert. Aber ohne ein SCB-Gerücht geht es nicht: Daniel Steiner, einst Stürmer mit Kultstatus in Langnau (später auch bei den ZSC Lions, den Lakers, Ambri, Lugano, Biel und Gottéron) und nun Trainer beim EHC Thun, zügelt auf nächste Saison zum SCB. Aber er wird nicht neuer helvetischer Bandengeneral in der National League. Er wechselt in die SCB-Nachwuchsabteilung und vorerst nur zur Probe für ein Jahr. Aber wer weiss, was passiert, wenn beim SCB der Trainer auch nächste Saison gefeuert wird. Womöglich gar in einer Vollmondnacht.
