Zu hoch geflogen, keine Magie und bange Fragen
Am Nachmittag ist strahlend schönes Wetter. Warm genug, um in Mailand im Strassencafé zu sitzen. Aber als es Nacht wird und die Partie gegen Kanada zu Ende und 1:5 verloren ist, regnet es. Auf dem nassen Asphalt spiegeln sich die Lichter der Stadt. Es ist, als ob der Himmel das Hockey-Unglück der Schweizer beweint.
Gegen die kanadischen NHL-Stars! Mit dem besten Nationalteam unserer Geschichte! Die Erwartungen sind zu Recht hoch. 2006 haben wir in Turin gegen Kanadas NHL-Titanen 2:0 gewonnen und 2010 in Vancouver erst nach Penaltys 2:3 verloren. Und jetzt haben wir ein Team, das spielerisch im Quadrat besser ist als 2006 und 2010.
Drei Ausfälle von Schlüsselspielern
Der Start gelingt. Denis Malgin fädelt einen Angriff ein und beinahe gelingt Nino Niederreiter das frühe 1:0. Es wird ein hochklassiges Spiel. Bis zur Entscheidung mit dem 1:4 in der 48. Minute ist es eines der besten unter Patrick Fischer.
Aber es ist Freitag, der 13. Ein Unglückstag. Erst verschwindet Denis Malgin mit einer Schulterverletzung in der Kabine. Dann erwischt es auch Andrea Glauser. Nach einem heftigen Check von Connor McDavid muss er noch vor der ersten Pause mit Verdacht auf Gehirnerschütterung aufgeben. Am Ende, kurz vor Schluss, als alles bereits verloren ist, wird es auch noch Kevin Fiala erwischen. Alle drei sind das Opfer der kanadischen Härte.
Schweizer mit Mut zur Offensive
Es ist ein hochklassiges Spektakel und die Schweizer halten mit. Sie fordern die Kanadier heraus. Dieses Tempospiel, dieser Mut zur Offensive, zum Forechecking tief in der gegnerischen Zone ist die DNA des Teams unter Patrick Fischer und hat uns – auf den grossen europäischen Eisbahnen – mehrmals bis in den WM-Final getragen.
Aber nun fliegen die Schweizer zu hoch: Auf dem um vier Meter schmäleren NHL-Spielfeld sind die Räume enger. Gegen die robusten Kanadier zerschellt die Herrlichkeit unseres «Schmetterlings-Stils». Die Schweizer verlieren zwar die Zuversicht bis zum 1:4 im Schlussdrittel nie. Aber es ist, einmal im Rückstand liegend, ein «Bergauf-Spiel», das gegen das vielleicht beste Team der Welt nicht zu gewinnen ist.
Das 1:5 ist ein schlechter Lohn für eine lange Zeit sehr gute Leistung, eine der besten unter Patrick Fischer und es gibt keinen Grund zur Kritik. Wer verliert, weil er mutig das spielerische Risiko suchte, verdient Lob. Auch das Schussverhältnis (23:39) sagt nicht die ganze Wahrheit. Die Kanadier pflegen aus allen Lagen zu schiessen, die Schweizer suchen den Abschluss sparsamer. Das macht die statistische Differenz.
Es gibt nach dem Spiel mehr als nur das protokollarische Anstandslob vom kanadischen Cheftrainer Jon Cooper: «Die Schweizer haben uns gefordert. Das Resultat entspricht sicher nicht den Stärkeverhältnissen.» Auch Captain Sidney Crosby findet gute Worte: «Wir spielten ziemlich schnell und bekamen das Spiel im zweiten Drittel im Griff. Sie kreierten einige gute Chancen, unser Torhüter hielt uns im Spiel».
Die zwei entscheidenden Faktoren, die fehlten
Schöne Worte vom Sieger sind ein schwacher Trost. Warum reichte es nicht wenigstens zu einem knappen Resultat, das im Hinblick auf die Klassierung nach den Gruppenspielen wichtig gewesen wäre?
Um ein Spiel auf diesem Niveau zu gewinnen, sind zwei Faktoren entscheidend: Magie und Goalie.
Magie bedeutet in diesem Zusammenhang Glück. In der Hockeysprache: «Puck Luck». Beispiele: Ein abgefälschter Puck springt ins Tor. Ein harmloser Schuss führt zu einem Treffer. Der Puck prallt vom Pfosten oder der Latte zurück – oder eben umgekehrt ins Netz. All das hatten die Schweizer nicht.
Selbstkritischer Schmid mit Monstersave
Ein Spiel auf diesem hohen Niveau entscheidet der Torhüter. Akira Schmid hat zwar beim Stande von 0:1 auf wundersame Art und Weise gegen den allein anstürmenden Sidney Crosby gerettet. Eine Parade für die Ewigkeit. Aber das war bis zum 1:3 sein einziger magischer Augenblick.
Es wäre unerhört respektlos, die drei ersten Treffer als nicht ganz unhaltbar oder sogar haltbar zu bezeichnen. Immerhin gehören Connor McDavid und Macklin Celebrini, die für das 0:1 und das 1:3 sorgten, zu den schnellsten und präzisesten Schützen der Welt. Aber es wäre zu freundlich, diese drei ersten Gegentore als völlig unhaltbar einzustufen. In einem Spiel auf höchstem Weltniveau darf ein Torhüter höchstens einen Puck so ins Netz rauschen lassen. Das sah Schmid selbstkritisch ähnlich und sprach von «ein paar Saves mehr», die er in der Anfangsphase hätte machen können.
Die Frage aller Fragen
Nun gibt es ein paar Fragen. Haben wir einen tauglichen Torhüter, um ein Spiel gegen ein Team aus NHL-Titanen zu gewinnen? Akira Schmid war es gegen Kanada in der ersten Spielhälfte nicht. Aber er war es, nachdem die Vorentscheidung mit dem dritten Treffer gefallen war.
Bedeutet das, dass er bloss das Opfer einer leichten Anfangsnervosität war und nun zu seinem besten Hockey zurückgefunden hat? Oder muss es Leonardo Genoni richten, der seinen Kasten im ersten Spiel gegen die Franzosen (4:0) reingehalten und die Schweizer schon dreimal in den WM-Final gehext hat? Noch ein Gruppenspiel hat Patrick Fischer, um das herauszufinden: Am Sonntag (12.10 Uhr) gegen Tschechien.
Wer ersetzt die Verletzten?
Wie verkraften die Schweizer den Ausfall von Kevin Fiala? Kehren Andrea Glauser und Denis Malgin ins Team zurück und wenn ja, sind sie noch dazu in der Lage ihr bestes Hockey zu spielen? Nach einem Check von Tom Wilson in der 57. Minute kommt Fiala nicht wieder auf die Beine und muss mit der Bahre vom Eis und ins Spital gebracht werden. Er wird nicht mehr zum Einsatz kommen.
Ohne Fiala und im schlimmsten Fall ohne Glauser und Malgin (oder wenn beide nicht ganz fit sind) ist die Mannschaft eine andere: Die Kaderbreite fehlt, um solche Ausfälle zu kompensieren.
So leise und geknickt war Patrick Fischer nach einem Spiel noch nie, seit er 2018 zum ersten Mal ein WM-Silberheld geworden ist. Nicht nur wegen der Niederlage. Mehr noch schmerzt der Ausfall von Kevin Fiala. «Es ist für uns schwierig zu sehen, wie einer auf der Bahre rausgetragen wird, egal wer es ist. Das trifft uns emotional stark.»
Zuversicht bleibt angebracht
Fiala ist einer der Leitwölfe im Team, ein Dynamo des Spiels und mit einer ansteckenden Spielfreude und Leidenschaft. «Für uns ist wichtig, dass wir als Mannschaft zusammenbleiben, auch wenn es grad emotional nicht einfach ist», sagt Patrick Fischer.
Begonnen hat die Schweiz das olympische Turnier mit der besten Mannschaft unserer Geschichte. Nach zwei Partien ist diese Mannschaft durch das Verletzungspech bereits Geschichte und der Pessimist fragt bange: War diese spektakuläre 1:5-Niederlage, dieser Untergang mit fliegenden Fahnen, bereits der Schwanengesang auf den olympischen Ruhm von Mailand?
Der Ausdruck stammt aus der antiken Vorstellung, dass ein Schwan kurz vor seinem Ende besonders schön singt. Heute wird die Bezeichnung für das letzte Album eines Musikers, das abschliessende Werk eines Künstlers oder eben das letzte grosse Spiel eines Turniers verwendet.
Der Optimist sagt: So dramatisch ist es denn doch nicht. Die Schweizer rücken nun eben näher zusammen, spielen eine Prise weniger spektakulär und ein wenig einfacher. Dann sind sie noch immer gut genug für eine olympische Überraschung.
