Eine Maximalnote für alle und andere wehmütige Erinnerungen
Damals, 2006 war der Chronist in seiner Berichterstattung noch mehr der Polemik und der Übertreibung als der Poesie und der Objektivität von heute zugeneigt. Er arbeitete für das Boulevardblatt «Blick» und «SonntagsBlick».
Der Titel nach dem 2:0 gegen die Kanadier:
Und dann der Text, schon damals recht poetisch und – wie es sich im Boulevard gehört – in kurzen, knappen Sätzen.
Es gibt diese Augenblicke, da glaubt man, im falschen Film zu sein. So einer war gestern Abend.
Da sitzt vorne an einer offiziellen Medienkonferenz im Rahmen eines olympischen Turniers Pat Quinn. Kanadas Cheftrainer. Kanadas Hockey-General. Die Verkörperung der kanadischen Hockey-Weltmacht und sagt mit ruhiger Stimme etwas Ungeheuerliches: «Die Schweizer haben kanadischer gespielt als wir.» Mit «Wir» meint er die besten, schnellsten, härtesten, smartesten, bestverdienendsten kanadischen Spieler, die es gibt.
Es ist das grösste Kompliment, das dem Schweizer Eishockey seit der Verbandsgründung im Jahre 1908 gemacht worden ist. Das ist so, wie wenn Franz Beckenbauer sagen würde, wir hätten deutscher gespielt als die Deutschen 1954 im WM-Final in Bern. Oder Pelé die Schweizer Fussballer als brasilianischer als die Brasilianer von 1958 bezeichnen würde.
98 Jahre mussten wir also warten, bis wir endlich zum ersten Mal kanadischer waren wie die Kanadier. 98 Jahre ohne Sieg gegen Kanada im Rahmen eines WM- oder Olympia-Turniers. 98 Jahre mussten wir alle Erfolge, alle WM-Medaillen letztlich doch relativieren und sagen: Aber gegen eine Mannschaft mit den besten kanadischen NHL-Profis hätten wir natürlich keine Chance.
Und nun sagt uns Pat Quinn, wir hätten kanadischer gespielt als die Kanadier. Wir haben den Kanadiern die schmählichste, überraschendste Niederlage zugefügt, seit sie im September 1972 das erste Spiel der Super-Serie in Montreal gegen die Sowjets mit 3:7 verloren haben.
Die Kanadier haben dann, wenn sie die besten NHL-Profis aufbieten konnten (das ist an der WM nicht der Fall) im Rahmen der Olympiaturniere (seit 1998) und beim Kanada- oder World-Cup nie gegen einen «Underdog» verloren. Und mehr noch: Wir haben im Rahmen von Olympia-Turnieren gegen Kanada noch nie gewonnen – aber am 30. Januar 1924 in Chamonix mit 0:33 die höchste Niederlage aller Zeiten erlitten. Mehr noch: Es war dies die höchste Niederlage, die je ein Team an einem olympischen Turnier hinnehmen musste.
Nun, nach 82 Jahren, am 18. Februar 2006, ist die Schmach von 1924 getilgt. Die Schweizer haben, so schrieb ich an dieser Stelle vor einer Woche, mehr mit den US-Boys gemeinsam, die 1980 in Lake Placid olympisches Gold holten («Miracle on Ice»), als sie ahnen.
Das Wunder ist vollbracht. Seit dem 18. Februar 2006 wissen wir nun, dass eine Hockey-Medaille bei einem WM- oder Olympia-Turnier möglich ist. Auch wenn wir sie 2006 in Turin noch nicht holen sollten. Weil wir kanadischer spielen können als die Kanadier.
Ganz unbescheiden: Das steckte viel Wahrheit drin. 2013 standen wir dann zum ersten Mal im WM-Final. Und es folgte im Boulevard noch eine weitere Würdigung:
Die grösste Sensation in der Geschichte des Schweizer Eishockeys. Zwei Tage nach dem 3:2 gegen Weltmeister Tschechien besiegten die Schweizer auch Olympiasieger Kanada 2:0. Siegten wir, weil uns die Kanadier unterschätzt hatten? Nein! Kanadas Cheftrainer Pat Quinn: «Wir wussten nach dem Sieg der Schweizer gegen Tschechien ganz genau, was auf uns zukommen wird. Wir waren einfach nicht dazu in der Lage, auf das Spiel der Schweizer richtig zu reagieren.»
Siegten wir, weil wir ganz einfach Glück hatten? Nein! Die Kanadier beklagen keinen Pfostenschuss, keinen Schiri-Fehlentscheid. Siegten wir, weil wir die besseren Einzelspieler hatten? Nein! Martin Gerber ist zwar einer der besten Goalies der Welt. Aber die kanadischen Feldspieler sind alle talentierter, kompletter, kräftiger als ihre Schweizer Gegenspieler.
Warum siegten wir? Weil die Schweizer eine Mannschaft waren. Jedes Wort, das Ralph Krueger seit seinem Amtsantritt 1997 über Teambildung gesagt hat, ist gestern auf dem Eis umgesetzt worden. Es war die Sternstunde von Nationaltrainer Ralph Kruegers extremer, in dieser Form im Sport noch nie so konsequent umgesetzter, ja bisweilen an Sektenbildung mahnender Philosophie. Wir waren gestern leidenschaftlicher, mutiger, hartnäckiger, smarter, disziplinierter. Jeder einzelne Schweizer hatte ein grösseres Herz als sein Gegenspieler.
Wir waren ganz einfach besser als die bestbesetzte und teuerste Mannschaft der Welt. Sind wir schon am Ziel, in den Viertelfinals? Praktisch ja. Theoretisch nein. Wir brauchen noch einen Punkt aus den Spielen heute gegen Deutschland und gegen Italien.
War es nicht nur ein Sieg, sondern ein Hockeymärchen? Ja. Es ist ein Spiel, das in Hollywood als Drehbuch als zu kitschig abgelehnt würde. Da ist Paul DiPietro. Am 8. September wird er 36. 1993 mit Montreal Stanley-Cup-Sieger. Am 3. Januar 2002 heiratet er eine Schweizerin und nun spielte er, der Hardcore-Kanadier, mit der Schweiz gegen Kanada. Schiesst beide Tore und auf der Tribüne sitzen Dave, Mike und Nick, seine besten Freunde, die aus Montreal für dieses Spiel angereist sind.
Da ist Martin Gerber. In der 36. Minute mit der grössten Parade eines Schweizer Goalies in den letzten 50 Jahren – er fischt mit der Fanghand einen Direktschuss von Rick Nash. 12 Minuten lang studiert der Video-Goalrichter alle möglichen TV-Bilder, um herauszufinden, ob der Puck in Tinus Fanghand hinter der Linie war. Kein Tor. Denn ein Tor gibt es nur dann, wenn der Puck hinter der Linie SICHTBAR ist. Es war, als hätten doch für einen kurzen Augenblick die Hockeygötter ihre schützende Hand vor die TV-Kameras gehalten.
Damals gehörte eine Einzelbeurteilung – also jedes einzelnen Spielers – mit Noten zum Boulevard. Nach dem 2:0 gegen Kanada gab es zum ersten und bis heute zum letzten Mal für alle Spieler die Bestnote. T = Torhüter, V = Verteidiger und S = Stürmer. Das waren die Maximalnoten-Helden des 2:0 gegen Kanada von 2006.
T Martin Gerber, Note 6
Hielt alle 49 Schüsse: Erster Goalie mit Olympia-Shutout gegen NHL-Kanadier.
V Mathias Seger, Note 6
Initialzündung mit fürchterlichem Check gegen Heatley nach 129 Sekunden.
V Beat Forster, Note 6
Ruhig, unspektakulär, keine Fehler, keine Angst.
V Julien Vauclair, Note 6
Smart, furchtlos, präzise Pässe, beim 1:0 auf dem Eis.
V Steve Hirschi, Note 6
Die härtesten Checks im bisher besten Spiel. Beim 1:0 auf dem Eis.
V Goran Bezina, Note 6
Beim 2:0 dabei, flog beim Versuch Doan zu checken kopfvoran in die Bande.
V Severin Blindenbacher, Note 6
So gut hat er im Boxplay in seiner Karriere noch nie gespielt.
V Olivier Keller, Note 6
Der beste langsame Verteidiger, der je gegen die NHL-Kanadier spielte.
V Mark Streit, Note 6
Als Verteidiger (!) am meisten Torschüsse (4) und Assist zum 2:0.
S Thierry Paterlini, Note 6
Der härteste, smarteste und schnellste Paterlini aller Zeiten.
S Thomas Ziegler, Note 6
Fräste wie sonst nur NHL-Defensivstürmer fräsen.
S Ivo Rüthemann, Note 6
Lief selbst den NHL-Titanen um die Ohren, beim 2:0 auf dem Eis.
S Marcel Jenni, Note 6
So viel ist er seit seiner Rückkehr in die NLA noch in keinem Spiel gelaufen.
S Flavien Conne, Note 6
Nach Check von Doan verlor er kurz den Atem, aber nicht den Mut.
S Patrick Fischer, Note 6
«The brain» – kein Schuss, keine Strafe, aber immer dort, wo es ihn brauchte.
S Romano Lemm, Note 6
So viele Schläge wie gestern hat er vor dem Tor wohl noch nie eingesteckt.
S Sandy Jeannin, Note 6
Stark in den vielen kleinen Dingen, die ein Spiel entscheiden.
S Adrian Wichser, Note 6
Der Schillerfalter, der mehrmals den Titanen Todd Bertuzzi leerlaufen liess.
S Paul DiPietro, Note 6
Zwei Tore aus zwei Torschüssen – das perfekte Spiel.
S Martin Plüss, Note 6
So hartnäckig und leidenschaftlich wie vielleicht noch nie, beim 2:0 auf dem Eis.
S Patric Della Rossa, Note 6
Pass zum 1:0 – schöner als jeder seiner bisherigen 102 Nationalliga-Assists.
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