SCB schickt «Hirtenbrief» an die Fans – das hätte der wahre Marc Lüthi getan
Alle Saisonkarten-Inhaber – rund 12'000 – haben in den letzten Tagen ein persönliches Mail von SCB-Manager Marc Lüthi in ihrer Buchstabenbüchse vorgefunden. Mit der Anrede des Vornamens (Lieber Hans, etc.). Es ist eine Entschuldigung für die schmählichste Saison seit dem Wiederaufstieg am grünen Tisch im Frühjahr 1986:
Diese Entschuldigung kommt vom gesamten Club – vom Verwaltungsrat, von der Geschäftsleitung und vom sportlichen Bereich. Wir tragen gemeinsam die Verantwortung für das, was auf und neben dem Eis passiert ist. Wir wissen, dass Worte allein nicht genügen. Entscheidend ist, dass wir die richtigen Schlüsse ziehen und konsequent handeln. Wir werden diese Niederlage und die gesamte Saison schonungslos aufarbeiten. Das bedeutet, kritisch hinzuschauen, Entscheidungen zu hinterfragen und die notwendigen Schritte einzuleiten, um wieder dorthin zu kommen, wo der SC Bern hingehört. Unsere Ansprüche bleiben unverändert hoch, auch wenn wir wissen, dass wir ihnen aktuell in keiner Art und Weise gerecht geworden sind.
Dass wir in schwierigen Zeiten auf deine Unterstützung zählen dürfen, ist nicht selbstverständlich. Sie ist das Fundament, auf dem wir aufbauen können und müssen. Wir stehen vor der Aufgabe, Vertrauen zurückzugewinnen. Das wird harte Arbeit und eine konsequente Haltung erfordern. Aber wir sind überzeugt, dass wir gemeinsam wieder nach vorne blicken können. Wir haben schon oft bewiesen, dass wir aus Rückschlägen gestärkt zurückkommen.
Wir danken dir für deine Treue, deine Geduld und deine kritische Begleitung.
Mit sportlichen Grüssen
Marc Lüthi
Im Namen des SCB – Verwaltungsrat, Geschäftsleitung und Sport»
Auch bei der Entschuldigung wird die Hierarchie respektiert: Den Business-Partnern (VIP) hat Marc Lüthi keinen «Hirtenbrief» übermittelt. Er überbringt die Entschuldigung im April im Rahmen eines Treffens persönlich und ergänzt: «Es gibt dann die Möglichkeit, Fragen zu stellen.»
Das Entschuldigungs-Schreiben ist ein in der SCB-Geschichte (seit 1931) beispielloser Akt der Demut. Sozusagen ein «Hirtenbrief». Der Begriff wird abgeleitet vom Bild des Hirten: In der Kirche wird der Bischof als «Hirte» verstanden, der seine «Herde» (die Gläubigen) leitet, begleitet und anleitet. Was der Bischof im richtigen Leben ist Marc Lüthi beim SCB.
Die Idee hatte Marc Lüthi und er bestätigt, dass er das Schreiben selbst verfasst hat. «Nach einer solchen Saison sind wir einfach eine Erklärung schuldig.» Die Reaktionen seien überwiegend positiv gewesen: «Einige haben aber auch gemahnt: Lifere, nicht Lafere.» Dieser «Hirtenbrief» ist Marc Lüthis letzter öffentlicher Auftritt. Eine Verabschiedung etwa im Rahmen des ersten Spiels der nächsten Saison lehnt er kategorisch ab. «Das kommt gar nicht in Frage.»
Der erfolgreichste Macher in der SCB-Geschichte geht nach 28 Jahren leise.
Früher, als Marc Lüthi noch der wahre Marc Lüthi war, hätte eine Saison wie die vergangene nicht mit einem «Hirtenbrief» geendet. Sondern mit personellen Korrekturen. Martin Plüss, der den Zerfall der SCB-Sportkultur auf allen Ebenen zu verantworten hat, wäre nicht mehr im Amt.
Aber Marc Lüthi zieht sich aus dem operativen Geschäft zurück und trifft keine Personalentscheidungen mehr. Seinem Nachfolger Jürg Fuhrer überlässt er immerhin ein Erbe: Sollte die kommende Saison ähnlich enttäuschend verlaufen, kann Marc Lüthis Hirtenbrief – damit es nicht gleich auffällt vielleicht mit ein paar stilistischen Änderungen – erneut verschickt werden.
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